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Konstanz Judith Zwick: „Die Welt ist sehr viel komplizierter geworden“

Auf einen Tee…mit Judith Zwick. Die Konstanzerin gründet gerade eine neue Kulturinitiative. Ziel ist es, brennende gesellschaftliche Themen zu diskutieren

Frau Zwick, Sie gründen gerade eine neue Kulturinitiative. Raum 3 lautet der Name. Was steckt genau dahinter?

Raum 3 steht zunächst mal für Kunst, Bildung und Wissenschaft. Für diesen Trialog wollen wir Räume schaffen.

Wie soll das konkret aussehen?

Wir wollen ganz verschiedene Veranstaltungsformate anbieten. Los geht es am 24. Februar mit einem moderierten Gespräch zwischen dem Schauspieler Adnan Maral und dem Wissenschaftler Özkan Ezli. Mit ihnen möchte ich über Migration, Vielfalt und die deutsche Einwanderungsgesellschaft sprechen. Beide vertreten die These, dass die neue deutsche Einwanderungsgesellschaft längst Realität ist und wir beginnen, Diversität als Normalität zu betrachten. Dieses Thema ist – leider wieder – aktueller denn je.

Was hat Sie bewegt, diese Initiative ins Leben zu rufen?

Es ist offensichtlich, dass Gesellschaft und Welt sehr viel komplizierter geworden sind. Es gibt viele offene Fragen und man spürt das Bedürfnis nach Antworten bei vielen Menschen. Schnell neigt man dann zu einfachen Antworten, aber das wird den aktuellen, meist komplexen Problemlagen nicht gerecht. Diese verlangen keine Einfachheit, sondern sie verlangen nach Auseinandersetzung, nach Orientierung, nach Wissen. An der Stelle möchte Raum 3 ansetzen und sagen, wir schaffen wieder mehr Reflexions- und Diskussionsräume, wobei ich ganz klar betonen will, dass es weniger um Diskussionsräume im Sinne von Wutbürgerdiskussionen geht, sondern die Betonung liegt sehr viel stärker auf dem Wort Reflexion. Anders gesagt: Raum 3 will Reflexionen Raum geben und Impulse, die eigenen Positionen auch mal infrage zu stellen.

Dann lassen Sie uns mal konkret werden: Was bedeutet Integration heute aus Ihrer Sicht?

Ehrlich gesagt ist schon der Begriff Integration von gestern. Weil es suggeriert, dass es ein Außen und ein Innen gibt, eine klar bestimmte und homogene Mitte der Gesellschaft. Die soziale Realität ist längst eine andere: Menschen wie Adnan Maral leben seit Jahrzehnten in Deutschland, sie kommen nicht von außen, sondern sind längst Teil unseres Landes. Deshalb ist die einzige spannende Frage, die man zu dem Thema stellen kann: Wie werden wir künftig in einer Stadt wie Konstanz mit dieser kulturellen Vielfalt leben?

Und? Haben Sie auch eine Antwort darauf?

Meine eigene Meinung dazu ist, wir müssten viel stärker im Bildungsbereich ansetzen. In einer vielfältigen Gesellschaft gibt es natürlich Debatten. Und das ist auch gut so. Wir müssen aber darauf achten, die Probleme zu entdramatisieren und ganz sachlich nach den Gründen und Entstehungsbedingungen sozialer und kultureller Unterschiede zu fragen. Dazu würde ich geben: Offenheit, Gelassenheit und eine Prise Humor.

Sie leben noch nicht so lange in Konstanz. Als wie offen nehmen Sie die Gesellschaft hier wahr?

Es ist wie überall, es gibt immer Luft nach oben. Aber richtig ist auch: Bislang haben alle Menschen, denen ich von Raum 3 erzählt habe, sehr positiv darauf reagiert. Insofern nehme ich wahr, dass es ein Interesse gibt, sich mit verschiedenen Themen tiefer auseinanderzusetzen. Konstanz ist eine Stadt der Wissenschaft und Kultur, genau das will Raum 3 hervorheben.

Der Kulturwissenschaftler Özkan Ezli ist Ihr Mann, die erste Ausgabe ihrer neuen Veranstaltungsreihe „Gastgesichter“ beschäftigt sich mit Einwanderung und Identitäten. Ganz ehrlich – wie oft sprechen Sie über diese Themen auch Zuhause am Küchentisch?

Derzeit ist das Thema natürlich auch bei uns präsent, da es in den Medien übermächtig ist. Aber wissen Sie, interessant ist: Die Herkunftsfrage wird oft von den Medien thematisiert. Das sagt auch Adnan Maral. Im Alltag sei das gar kein Thema gewesen. Aber als Schauspieler hat er im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zunächst 15 Mal den Mehmet spielen müssen. Nach wie vor werden alte Klischees immer wieder neu zementiert, rücken Menschen wie Adnan als Türken oder Muslime in den Vordergrund. Betrachten wir das Dilemma nun aber produktiv: Maral hat diese Rollen gespielt, weil es ein Bedürfnis von nicht-türkischer Seite an diesen Rollen gab. Mit seiner Hauptrolle in der Serie „Türkisch für Anfänger“ kam dann endlich der Humor ins Spiel und Stereotypen wurden gebrochen. Jetzt beantwortet er die Fragen nach der Rolle von kultureller Identität mit seinem Buch. Es gibt also ein Bedürfnis auf allen Seiten, sich weiterhin zu diesem Thema zu artikulieren. Und das tun wir bei dieser Veranstaltung mit Humor.

 

Die Hintergründe

 

Der Mensch: Judith Zwick (40) hat Literatur- und Politikwissenschaften an der Universität Freiburg studiert. Danach hat sie acht Jahre als Projektmanagerin bei der Bertelsmannstiftung kommunale Bildungsprojekte konzipiert. Seit 2010 lebt sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Konstanz.

 

Die Veranstaltung: Bei der Auftaktveranstaltung von Raum 3 treffen der Schauspieler Adnan Maral und der Wissenschaftler Özkan Ezli aufeinander. Sie sprechen am Dienstag, 24. Februar, 19.30 Uhr, im Wolkensteinsaal über das neue Deutschland. Karten (8 Euro, ermäßigt 5 Euro) gibt es an der Abendkasse. Reservierungen möglich per E-Mail unter info@raum3.info

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