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Konstanz Jetzt erst recht: Konstanz will Partnerschaften in Europa ausbauen

Partnerstadt? Wie langweilig, hörte man noch vor wenigen Jahren. Doch jetzt, wo Europa in der Krise steckt, entdecken die Kommunalpolitiker eine alte Idee neu. Und sie haben auch eine ganze Reihe von Ideen, wie man Schwung in die Beziehungen bringen könnte.

Dass das Thema so schnell so aktuell werden könnte, das hatte niemand auf der Rechnung. Seit Jahren läuft in den Tiefen der Konstanzer Kommunalpolitik eine Debatte darüber, wie es mit den fünf Städtepartnerschaften weitergehen soll. Altherren-Ausflüge seien die Begegnungen mit den europäischen Geschwistern Tabor, Lodi, Fontainebleau und Richmond geworden, heißt es immer wieder. Das soll anders werden, wie jüngst im Gemeinderat deutlich wurde. Politiker aller Fraktionen betonten den Wert der Partnerschaften nach Tschechien, Italien, Frankreich und England und wollen sich für deren Belebung einsetzen. Klar war am Ende einer engagierten Debatte: Gerade in einer Zeit, in der das europäische Projekt in Frage stehe wie noch nie, messen sie einer kommunalen Außenpolitik eine ganz neue Rolle bei.

Interesse an Europa wächst wieder

Die Zeiten stehen danach: In Richmond, berichtete Claus-Dieter Hirt, ist das Interesse an der Verbindung nach Konstanz seit dem Brexit merklich gestiegen. Hirt, der im Rathaus den Bereich verantwortet, sprach von steigenden Mitgliederzahlen im Partnerschaftsverein in Richmond. Nach Fontainebleau haben sich ihm zufolge rege Facebook-Kontakte entwickelt, und durch die Präsidentschaftswahl am Sonntag sei das Interesse deutlich gestiegen. Denn auch in Frankreich geht es um den künftigen Europa-Kurs des Nachbarlandes.

So zeichnete die Debatte das Bild von einem am Ende fast überraschenden dritten Frühling der Städtepartnerschaften. Gegründet mit dem Ziel der Aussöhnung mit Frankreich oder über den Eisernen Vorhang hinweg, weitergeführt in der Hoffnung auf bessere Zeiten nach dem Mauerfall 1989/90, nun zu neuer Relevanz gekommen in einem Kontinent, der in vielen Ländern neuen Nationalismus und Populismus erlebt. Staunend erfuhren wohl auch viele Stadtratskollegen, wie der überzeugte CDU-Mann Wolfgang Müller-Fehrenbach einst den Chef der kommunistischen Partei im damals tschechoslowakischen Tabor im heimischen Wohnzimmer bewirtete. Dabei, berichtete er weiter, erzählten sich die beiden Männer, dass ihre Söhne in Panzern der Nato und des Warschauer Pakts quasi gegenübersitzen.

OB: Vor allem die Älteren sind aktiv

Oberbürgermeister Uli Burchardt sagte, die Partnerschaften würden am meisten von den Älteren getragen, denen der Frieden eben nicht selbstverständlich sei: "Das sind die die Menschen, die am meisten mit dem Herzen dabei sind." Jugendliche dagegen nähmen "offene Grenzen als selbstverständlich". Jan Welsch (SPD) als einer der Jüngsten im Gemeinderat bestätigte diese Einschätzung. Er sieht aber auch "die Entwicklung einer europäischen Innenpolitik" mit einem wachsenden Interesse aneinander. Hier könnten Städtepartnerschaften weiter wachsen: "In dem Moment, in dem sich Menschen begegnen, ist es schwerer, Ressentiments gegeneinander aufzubauen." Nun komme es auf konkrete Ideen zur Weiterentwicklung an, sagte Jan Welsch.

Gut möglich erscheint es nach der ausführlichen politischen Debatte auch, dass Konstanz zusammen mit einigen seiner Partnerstädte eine neue, projektbezogene Partnerschaft in einem Entwicklungsland eingeht. Die Anregung von Normen Küttner und weiteren Räten der Freien Grünen Liste fand jedenfalls sehr viel Anerkennung. Sabine Feist (CDU) erklärte: "Gemeinsames Arbeiten schafft Zusammengehörigkeitsgefühl." Es schaffe eine neue Nähe, "wenn sich die Partnerstädte gemeinsam der Verantwortung für die eine Welt stellen". Beispiele könne der Wiederaufbau eines Krankenhauses oder eine Schule in Syrien, ein Solar- oder Brunnenbauprojekt in Afrika oder eine Obdachlosenunterkunft in Rumänien sein. Heinrich Everke (FDP) brachte eine Verbindung in die Türkei ins Gespräch, die auch die Zivilgesellschaft in dem Land stärken könnte. Gabriele Weiner (Junges Forum) regte an, die Beziehungen nach Osteuropa zu stärken oder alte Verbindungen auf den Balkan wieder aufleben zu lassen.

Gisela Kusche (FGL), selbst Lehrerin und in Schüleraustauschen engagiert, regte an, die jungen Gäste aus den Partnerstädten durchaus auch zu fordern. Kleine Projekte ließen die Schüler die Gaststadt viel besser kennenlernen. Schulen und Stadt könnten hier gemeinsam viel bewegen, sagte sie. Sie stellte zugleich aber auch fest, dass die Stadt Konstanz schon jetzt sehr viel für die Schüleraustausche leiste und dankte der Verwaltung für zahlreiche Hilfen.

Ein Appell auch an den Gemeinderat

Matthias Schäfer, der Fraktionschef des Jungen Forums, regte einen engeren Austausch mit Kreuzlingen an: Das Naheliegende drohe in Vergessenheit zu geraten, erklärte er. Ewald Weisschedel (Freie Wähler) mahnte: Der Gemeinderat solle den Worten nun auch Taten folgen lassen. Auch unter den Politikern sei das Engagement für die Partnerschaften nicht immer so groß, wie er es sich wünsche. Mitstreiter für die Partnerschaften können ihm zufolge vielleicht auch bei den vielen gefunden werden, die sich bei dem "Pulse of Europe"-Kundgebungen engagierten.

 

Dieses Wochenendegeht es schon los

Neue Ideen und junge Gesichter für die Städtepartnerschaften: Das ist dieses Jahr ein wichtiges Thema in Konstanz. 

  • Das Europakonzil: Von Anfang an und fast schon prophetisch stand das Konziljubiläum im Zeichen Europas. Ein Schwerpunkt in diesem Jahr ist das Europa-Konzil. Von 2. bis 11. November sind jeweils 20 junge Leute zwischen 16 und 26 Jahren aus Tabor, Lodi, Fontainebleau und Richmond zu Gast in Konstanz. Ihr Auftrag: Zusammen mit Gleichaltrigen aus Konstanz Projekte entwickeln, an denen die Partnerschaften wachsen können.
  • Die Vorbereitungen: Gäste aus den europäischen Partnerstädten sind bereits dieses Wochenende in Konstanz. Bei einem Vorbereitungstreffen stecken sie den Rahmen für das Europakonzil im Herbst ab und werben anschließend in ihren Heimatstädten um Teilnahme. Die zehn als Botschafter eingeladenen Gäste treffen dabei auf junge Konstanzer, unter ihnen Studenten von Universität und HTWG. Die internationale Gruppe beteiligt sich am Sonntag auch bei der Kundgebung Pulse of Europe.
  • Die Konzilstadt: Wegbereiter und Organisator des Europakonzils ist Konzilstadt Konstanz, ein Eigenbetrieb der Stadt. Chefin Ruth Bader und ihr Team legen große Hoffnungen in das Treffen mit historischen Bezügen: Wie vor 600 Jahren, soll Konstanz ein Ort des Austauschs und eine Geburtsstätte für neue Ideen sein, sagt Bader. Da war auch 2015 schon so: Das erste Europakonzil mit 100 jungen Teilnehmern beschäftigte sich mit Flucht, Migration, Integration und Menschenrechten. (rau)

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