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Konstanz Interview: „Fukushima war ein Schock für mich“

Die Autorin Gudrun Pausewang war eine frühe Warnerin vor Atomkraft. Ihr Jugendroman „Die Wolke“ über einen Reaktorunfall hat Generationen geprägt. Nach der Atom-Katastrophe von Japan ist sie wieder mehr denn je gefragt. In Konstanz hat sie jetzt vor Schülern gelesen.
Alles zur Katastrophe in Japan im Dossier

Gudrun Pausewang beim Gespräch mit der SÜDKURIER-Mitarbeiterin Katharina-Viktoria Drexler im Ellenrieder-Gymnasium.
Gudrun Pausewang beim Gespräch mit der SÜDKURIER-Mitarbeiterin Katharina-Viktoria Drexler im Ellenrieder-Gymnasium. | Bild: Bild: Hanser

Frau Pausewang, nach dem Unglück von Fukushima haben Sie wieder mehr Interviewanfragen bekommen. Aber wie erging es Ihnen selbst nach der Meldung vom Reaktorunglück?

Das war ein Schock für mich. Ich habe nicht damit gerechnet, dass so schnell wieder etwas passiert. Man hat uns vor Tschernobyl erzählt, dass das alle 10 000 Jahre mal passieren könnte, und nun ist es innerhalb von 30 Jahren mehrmals geschehen. Es hat mir wieder sehr deutlich gemacht, wie gefährlich die Atomindustrie ist, und ich habe das wieder als Anlass zum Warnen gesehen.

Die Deutschen haben sehr heftig auf das Reaktorunglück reagiert, die Politik hat ihre Konsequenzen gezogen. Aber in Nachbarländern wie Frankreich geht man seinen gewohnten Weg, China will neue Atomkraftwerke bauen. Wie erklären Sie sich diese unterschiedlichen Reaktionen?

In Frankreich haben die Betreiber wohl noch eine größere Macht als bei uns. Sie werden den Leuten eingeredet haben: Unsere Kernkraftwerke sind so gut in Schuss, da kann gar nichts passieren. Aber die Schweiz hat sich ja nun entschieden, keine neuen Atomkraftwerke zu bauen, Österreich ist unser großes Vorbild (Österreich hat 1987 ein Anti-Atomgesetz verabschiedet, d. Red.). Und ich finde es sehr gut, dass wir vorsichtig geworden sind.

Entspricht der jetzige Atom-Ausstieg Ihren Vorstellungen?

Ich hätte ihn mir schon sehr viel früher gewünscht. Eigentlich hätte ich mir so eine Entscheidung gewünscht, wie sie in Österreich fiel. Und ich würde auch durchaus eine vorübergehende zeitweilige Abschaltung in Kauf nehmen, also etwa: kein Strom von ein bis zwei Uhr nachts. Wenn das auch lästig wäre. Aber es würde uns helfen umzuschalten auf alternative Energien.

Sie haben „Die Wolke“ vor über 20 Jahren geschrieben, kurz nach Tschernobyl. Sie selbst haben in Schlitz, dem dort beschriebenen Ort, gewohnt. Hatten Sie Angst vor einem Reaktorunfall?

Natürlich hatte ich Angst! Weil ich mir mit meiner sehr lebhaften Phantasie vorstellen konnte, wie das dann laufen würde.

Werden Ihre Bücher jetzt nach Fukushima wieder mehr gekauft?

„Die Wolke“ hatte unmittelbar nach Fukushima einen riesigen Erfolg, war ein paar Tage wieder Bestseller. Jetzt ist die Luft wieder raus. Die Frage ist, ob sich der Erfolg als Schullektüre und als Klassenpflichtlektüre jetzt noch mal wiederholt.

Weshalb haben Sie sich mit Ihrer Literatur hauptsächlich an Jugendliche gewandt?

Ich bin der Meinung, dass man Jugendliche ernst nehmen muss und sie nicht ständig mit unwichtigen Geschichten beschäftigen sollte. Die Jugendlichen von heute sind die Erwachsenen von morgen und ich möchte ihnen mit meinen Büchern Denkanstöße geben. Ich möchte sie dazu bringen, dass sie sich ihrer künftigen Verantwortung bewusst werden.

Können Sie einen Unterschied feststellen zwischen der heutigen Jugend und der Jugend aus den 80ern, als „Die Wolke“ und „Die letzen Kinder von Schewenborn“ erschienen sind?

Der Unterhaltungswert spielt in der heutigen Zeit eine riesige Rolle. Nach 14 Tagen Fukushima muss unbedingt etwas anderes her. Das hat man ja jetzt zwei Wochen gehört und wenn man nichts anderes hat, über das man berichten kann, dann muss eben der Eisbär Knut herhalten.

Sie haben mehr als 90 Bücher geschrieben: über die NS-Zeit oder Südamerika, genauso aber auch heitere Bücher. Stört es Sie, dass Sie immer nur mit der Anti-Atom-Literatur in Verbindung gebracht werden?

Ja! Also ich finde es erstaunlich: Manche meinen, ich würde nichts anderes schreiben als Angst-Bücher. Ich habe von meinen 92 Büchern drei Bücher geschrieben, in denen ich warne. Das sind „Die letzen Kinder von Schewenborn“, „Die Wolke“ und „Der Schlund“. Und alle anderen Bücher werden überhaupt nicht erwähnt. Also: Ja, ich hätte es gerne anders gehabt. Aber das kann man sich ja nicht raussuchen.

Sie sagten einmal: „Wenn ich schreiben kann, bin ich zufrieden.“

Sagte ich das? Ja, man kann sagen, dass ich mit Leidenschaft Schriftstellerin bin. Das ist mein eigentlicher Beruf. Als Lehrerin hab ich mich nie wohl gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass einige Frauen auch ohne pädagogische Ausbildung eine Urbegabung für Pädagogik haben. Die wissen immer im richtigen Moment das Richtige zu tun. Das konnte ich nicht.

Sie sind Jahrgang 1928. Woher nehmen Sie den Elan, weiterhin zu schreiben, auf Lesungen zu gehen, den Zeigefinger zu erheben?

Wenn das ein Job wäre, wäre das was anderes – aber es ist ja keiner. Es ist ein inneres Engagement. Und wenn meine Nachkommen mich fragen könnten: Und du, was hast du getan, damit es nicht passiert? Dann möchte ich eben nicht verlegen die Achseln hoch ziehen und sagen: Ich hatte keine Zeit. Sondern ich möchte sagen: Im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten habe ich getan, was ich konnte.

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Katharina-Viktoria Drexler

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