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Konstanz In Konstanz darf man jetzt auch im Burkini baden

Die Entscheidung ist gefallen: Künftig darf in den Konstanzer Schwimmbädern auch in dem Ganzkörperbadeanzug Burkini gebadet werden. Die Debatte im Gemeinderat über das Thema verlief betont unaufgeregt. Zu groß war die Angst vor einem Fettnäpfchen.

Die Bademode in den städtischen Schwimmbädern wird bald um eine weitere Facette erweitert: Künftig darf man dort auch in dem so genannten Burkini, eine Art Ganzkörperbadeanzug, ins Wasser gehen. Das hat der Gemeinderat gestern mit großer Mehrheit beschlossen. Bei 38 Stimmberechtigten gab es nur vier Gegenstimmen und drei Enthaltungen. Damit schloss sich der Rat dem Vorschlag der Stadtverwaltung an, die diese Entscheidung auch als Respektbekundung vor dem kulturellen und religiösen Selbstverständnis der muslimischen Mitbürger verstanden wissen wollte.

Die Diskussion im Rat verlief am frühen Donnerstagabend betont unaufgeregt. Der Grundtenor war: Man solle keine große Sache daraus machen. Ein bisschen schwang da wohl auch die Angst davor mit, erneut eher unangenehm deutschlandweit in den Schlagzeilen landen zu können. Auffällig in der Debatte war, dass die einzige Stadträtin mit Wurzeln in der Türkei sich offen gegen die Aufhebung des Verbots aussprach: „Kein 10-jähriges Mädchen würde freiwillig ein Kopftuch oder einen Burkini tragen. Sie werden dazu gezwungen von den Eltern. Das, was wir hier vorhaben, ist die falsche Form von Toleranz. Deswegen kann ich nicht zustimmen“, sagte Zahide Sarikas (SPD). Sie blieb die einzige Befürworterin des Verbots, die sich offen dazu bekannte.

Baden im Burkini künftig erlaubt

Holger Reile (Linke Liste Konstanz) begrüßte die Streichung des Verbots „als wichtiges Zeichen gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen“. Wer angesichts dieser Entscheidung von einer weiteren Islamisierung Konstanz' spreche, der errichte Schreckens- und Horrorszenarien, um Panik zu machen. Reile sagte aber auch: „Das ist eine singuläre, emanzipatorische Entscheidung. Weitergehende Forderungen, wie eine Trennung von männlichen und weiblichen Badegästen, haben in unserer weitgehend aufgeklärten Gesellschaft keinen Platz.“

Ähnlich argumentierte auch Marcus Nabholz (CDU): Keine weiteren Zugeständnisse und der Wunsch, dass auch andere Länder mit Andersgläubigen so liberal umgingen wie Deutschland. Normen Küttner (Freie Grüne Liste) bekannte, dass er lange skeptisch gegenüber dem Burkini gewesen sei. Durch den Austausch mit Ratskollegen und Experten der Universität Konstanz habe er aber seine Meinung geändert und sehe nun die Teilhabechancen an der Gesellschaft mehr, die der Burkini muslimischen Frauen gebe. Er regte allerdings eine Namensänderung an – man sollte lieber vom Badekini reden, weil der Name Burkini durch die Nähe zur Burka so negativ belegt sei. Küttner verwies auch auf die Konstanzer Erklärung 2012, in der sich die Stadt als weltoffen und liberal beschreibt. Diesem Votum schlossen sich auch die Stadträte Gabriele Weiner (Freie Wähler), Heinrich Everke (FDP) und Jürgen Ruff (SPD) an.

Die Debatte darüber war ursprünglich ins Rollen geraten, als eine Konstanzerin mit türkischen Wurzeln erwogen hatte gegen das Burkini-Verbot zu klagen. Sie war zuvor am Schwaketenbad mit ihrem Burkini abgewiesen worden. Daraufhin hat sich die Stadt mit dem Thema beschäftigt und auch Rat beim Städtetag und der Universität Konstanz gesucht. Dort forscht der Kulturwissenschaftler Özkan Ezli schon lange zum Thema Integration. In seinen Ausführungen hatte er unter anderem erläutert, dass die Aufhebung des Verbots mehr Chancen als Risiken berge. Das sahen die Stadträte nun offenbar ebenso.
 

Das sagt das Gutachten

Bei der Entscheidung zum Burkini-Verbot hat sich die Stadt von dem Kulturwissenschaftler Özkan Ezli beraten lassen. Er arbeitet am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz.

Die Thesen im Überblick.
  • Mehr Teilhabe: Für Özkan Ezli ermöglicht der Burkini muslimischen Frauen eine Teilhabe an Gesellschaft. Eine Abschaffung des Verbots ermögliche zudem mehr Sichtbarkeit und Kontakte unterschiedlicher Lebensauffassungen, die Teil der deutschen Gesellschaft sind.
  • Moderne Form des Islam: Es gehe bei der Zulassung des Burkini nicht darum, orthodoxe islamische Vorstellungen zu verwirklichen. Vielmehr drücke sich darin eine Individualität aus, die Moderne, Religion und Tradition zusammenbringt.
  • Burkini ist nicht gleich Burka: Beim Burkini gehe es um ein gemeinsames öffentliches Baden. Bei der Burka um ein striktes Trennen der Frauen- von der Männerwelt in der Öffentlichkeit.
  • Grundlage des Gutachtens: Interviews mit der Konstanzerin, die die Debatte ins Rollen brachte, dem Geschäftsführer der Bädergesellschaft und dem Imam der Konstanzer Moschee. Zudem glich Ezli dies mit Forschungsergebnissen ab.

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