Singen/Konstanz/StockachImmer mehr arme Menschen "tafeln" [0]
Rund 6000 Menschen aus dem Landkreis Konstanz sind so arm, dass Sie auf verbilligte Lebensmittel angewiesen sind, um über die Runden zu kommen. Tendenz: steigend. "Wir spüren einen wachsenden Bedarf, in allen Orten", berichtet Udo Engelhardt, Vorsitzender des Vereins Singener Tafel. Diese betreibt drei Hilfseinrichtungen im Kreis, in denen gespendete Nahrungsmittel billig verkauft werden.
Gute Ware, gute Sache: In den Tafelläden werden übrige Lebensmittel von Geschäften, Märkten und Firmen an bedürftige Menschen stark verbilligt verkauft. Hier Karin Becker und Tafelverein-Chef Udo Engelhardt in Singen.
Singen/Konstanz/Stockach - Da wird nicht lange drum herum geredet, nicht mit freundlichen Umschreibungen kaschiert, worum es geht: "Unsere Tafeln sind die Lobby für die Armen", sagt Engelhardt. Arme Menschen, von denen es im reichen Landkreis Konstanz immer mehr gibt, wie die rund 100 freiwilligen Helfer in den Tafelläden in Singen, Konstanz und neu auch Stockach zu berichten wissen. Natürlich bekommt jeder sozial Schwache im Landkreis Hilfe vom Staat. Doch Hartz IV ist knapp kalkuliert. "Vielen reicht das zum Leben nicht. Und so mancher bekommt gar kein Geld, weil er sich nicht an die Formalien hält und ihm dann zeitweise alle Leistungen gestrichen werden", sagt Engelhardt. Für solche Menschen sind die Tafelläden dann oft die letzte Rettung, um Essen zu bekommen. "Es gibt Leute, die kommen mit dem System einfach nicht klar, können sich nicht an Regeln halten und finden dann bei uns das letzte Auffangbecken", erklärt der Tafel-Chef. Doch es sind längst nicht nur die hoffnungslosen Fälle, die bei den Tafelläden vorbeischauen und sich dort stark verbilligte Lebensmittel besorgen. "Uns besuchen Menschen, die ein Leben lang gearbeitet und jahrzehntelang Geld verdient haben und die es sich nie vorstellen konnten, selbst irgendwann einmal von Armut betroffen zu sein", weiß Engelhardt. Solche Schicksale erleben er und seine Kollegen neuerdings häufiger: "Bei vielen reichen die Ersparnisse eine Zeit lang noch aus, um über Wasser zu bleiben, wenn der Job gekündigt wurde. Aber irgendwann ist Schluss, dann gehen sie finanziell unter und sind auf Unterstützung angewiesen". Einkaufen in den Tafelläden kann nicht jeder. Die Bedürftigkeit wird kontrolliert. Kundenkarten werden ausgegeben und es gibt Grenzwerte. Wer etwa allein stehend weniger als 900 Euro zum Leben hat, darf im Tafelladen einkaufen. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Marke bei rund 1600 Euro. Gab es früher große Scheu, seine Armut offen zu zeigen, sei dies heute nicht mehr so stark ausgeprägt. "Viele wissen: Es kann jeden treffen. Arm zu sein ist heutzutage keine Schande mehr, das kann jedem passieren, wenn es dumm läuft. Und deshalb scheuen sich die Menschen auch nicht mehr, bei uns Hilfe zu bekommen", vermutet Engelhardt. Die Tafel-Idee wurde 1999 in Singen geboren. Zwischenzeitlich wurde sie in den ganzen Landkreis hinein getragen. Seit 2005 gibt es auch ein Geschäft in Konstanz und seit diesem Sommer auch eines in Stockach. Selbst in diesem kleinen Hegaustädtchen, wo fast jeder jeden kennt, stößt die Tafel-Idee auf eine riesige Nachfrage. In Radolfzell ist kein Laden geplant. Menschen von dort kaufen in Singen und Stockach ein. Weitere Artikel zu: Singen/Konstanz/Stockach, |



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