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Konstanz Hier lernen alle ganzheitlich

Das Bildungshausprojekt endet im Jahr 2015. Kindergarten und Schule vom Konzept überzeugt. .

Im Klassenzimmer herrscht rege Betriebsamkeit. Die einen schneiden Figuren aus, die anderen erdenken sich eine Kurzgeschichte. Und obwohl die Kinder unterschiedlichste Arbeiten erledigen, ist es sehr ruhig im Raum. „Wie schreibt man Teich“, fragt ein Junge. Die Antwort kommt spontan vom Nebentisch. Ein Kindergartenkind wendet sich vertrauensvoll an einen der „Großen“: „Kannst Du mir bitte beim Ausschneiden helfen?“ – „Natürlich“, sagt der Junge und lässt seine Arbeit für einen Moment ruhen. Dieser Mittwochvormittag in Dingelsdorf ist kein normaler Schultag, wie man ihn landläufig kennt. Aber ein ganz normaler Bildungshaustag, dessen Zukunft ungewiss ist.

Denn in regelmäßigem Turnus arbeiten Kindergarten- und Schulkinder an einem Projekt. Pro Vormittag stehen verschiedene Themen zur Auswahl. Und das bedeutet: Im Kindergarten und in der Dingelsdorfer Grundschule vertiefen sich die Kinder altersübergreifend in für sie faszinierende Materien. Die stehen auf keinem Lehrplan, sondern entstammen der Kreativität der Lehrerinnen und Erzieherinnen. Um dies möglich zu machen – schließlich gilt es, die Themen mitsamt Bastel- und Lehrmaterial vorzubereiten –, bekommen „wir pro Klasse zwei Anrechnungsstunden pro Woche“, erläutert Schulleiterin Anahita Fischer.

Die Kinder freuen sich über das Bildungshaussystem. „Weil wir viel basteln und immer etwas Neues lernen“, stellt die Erstklässlerin Emma fest. „Es sind immer interessante Themen“, findet der achtjährige Ben, der bereits die zweite Klasse besucht. „Manchmal helfe ich den Kleinen. Das mache ich gerne, weil es Spaß macht“, sagt Ben, der sich schon wieder umsieht, ob die Kindergartenkinder zurecht kommen. Schließlich war er vor wenigen Jahren ebenfalls in dem Alter und hat von den „Großen“ entsprechende Hilfe bekommen. Dass die Kindergartenkinder schon frühzeitig die Schule und einen Teil des auf sie zukommenden Alltags kennenlernten, erleichterte ihnen die neue Lebensphase. „Natürlich war ich an meinem ersten Schultag sehr aufgeregt“, berichtet Erstklässlerin Charlize, aber Emma fügt an, dass eben nicht alles ganz neu war. „Die Schule und die Lehrerinnen kannten wir ja schon.“

Aufgrund des Bildungshausprojektes gebe es einen bruchlosen, fließenden Übergang vom Kindergarten in die Schule, bestätigt Kindergartenleiterin Stephanie Diestmann: „Sie gehen angstfrei in die Schule.“ Anahita Fischer fügt an: „Das schulische Arbeiten ist ihnen schon vertraut. Sie wissen, was Schulranzen und Mäppchen sind, können mit Papier umgehen – all das haben sie auf spielerische Weise schon gelernt. Und was ich vorher noch nie erlebt hatte: Von den 21 Erstklässlern konnten sieben schon lesen.“ Weitaus wichtiger sind den Erzieherinnen und Lehrerinnen aber der Spaß am Lernen, das Selbstvertrauen und die soziale Kompetenz der Kinder, die im Rahmen des Bildungshauses gezielt gefördert wird. „Sie lernen schon früh, sich zurückzunehmen und Ängste zu überwinden“, sagt Anahita Fischer.

Was insbesondere Stephanie Diestmann und Anahita Fischer besonders freut: In der Schule müssen Dritt- und Viertklässler Referate zu unterschiedlichen Themen halten. Wer möchte, darf diese auch zusätzlich den Kindergartenkindern vortragen. Diese Freiwilligkeitsleistung stößt allseits auf großen Zuspruch. „Es gibt so viele Angebote seitens der Schüler, dass wir beinahe Terminprobleme haben“, sagt Stephanie Diestmann lachend. „Die Schüler tragen so gut und kindgerecht vor, dass unsere Kindergartenkinder ihnen an den Lippen hängen.“ Das gelingt auch bei den Vorlesestunden, denn viele Schülerinnen und Schüler kommen in den Kindergarten und lesen den Kleinen vor. „Wenn sich mal jemand verspricht, ist das gar kein Problem. Hier wird niemand ausgelacht“, berichtet Stephanie Diestmann. Dieses harmonische Miteinander kam wie von selbst.

Ein Weiterarbeiten ohne Bildungshaus ist für die Beteiligten undenkbar. Diese übergreifende Zusammenarbeit ist „nicht mehr wegzudenken“, so Diestmann. „Wir sind zusammengewachsen, wir sind eine Einheit“, formuliert Anahita Fischer. Wieder getrennte Wege zu gehen, ist für beide Einrichtungen nicht mehr vorstellbar. Wie die Zukunft allerdings aussehen wird, wissen sie nicht. Das Bildungshausprojekt läuft zum Schuljahresende 2014/2015 aus. Ohne finanzielle Förderung und Extrastunden könnten die vielen einrichtungsübergreifenden Projekte nicht realisiert werden, sagen die Leiterinnen der beiden Einrichtungen. Sie hoffen auf breite Unterstützung, damit das Bildungshausprojekt in Dingelsdorf weiter in die Zukunft geführt wird. Einen Rückschritt wollen weder Anahita Fischer, noch Stephanie Diestmann machen. Zu gut sind ihre Erfahrungen mit dem Modellprojekt.


Das ist das Dingelsdorfer Bildungshaus und wie es mit ihm weitergeht

Das Projekt: Das Bildungshaus 3-10 ist ein auf sieben Jahre angelegtes Modellprojekt des Kultusministeriums Baden-Württemberg. Ziel ist es, Kindergärten und Grundschulen zu vernetzen und einrichtungsübergreifende Lern- und Spielzeiten in jahrgangsgemischten Gruppen anzubieten. Es geht dabei nicht in erster Linie um Wissensvermittlung oder um die „Verschulung“ der frühkindlichen Bildung. Vielmehr soll Lust auf das Lernen und neugierig auf Wissen gemacht, soziale Kompetenzen vermittelt und ein nahtloser Übergang vom Kindergarten in die Schule ermöglicht werden.

Die Kosten: Aus rund 200 Bewerbern in Baden-Württemberg wurden 33 Modellstandorte gewählt, darunter die Grundschule und der Kindergarten in Dingelsdorf. Für die Dauer des Modellversuchs stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung insgesamt 3,7 Millionen Euro für Projekt- und Personalkosten im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation zur Verfügung. Die Träger der Einrichtungen haben für zusätzliche Personal- und Sachkosten selbst aufzukommen.

Der Stand: Die wissenschaftliche Begleitung durch das Ulmer Zentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) endet jetzt. Das Bildungshaus Dingelsdorf verabschiedet sich davon am Montag, 30. Juni, um 16 Uhr im Dingelsdorfer Pfarrsaal mit einer kleinen Feier und Berichten unter anderem von Beata Williams (ZNL), Eltern, Lernbegleitern und Kindern. In den nächsten Monaten erfolgt die Auswertung des Projekts durch Wissenschaftler. Das Bildungshausprojekt endet im Sommer 2015. Ob und wie das Bildungshausprojekt weitergeführt wird, steht derzeit noch in den Sternen. (as)

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