Konstanz Großmutters Bibelgeschichten gelauscht
24.05.2003
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Meine erste Bibel war eine Person, nämlich meine inzwischen verstorbene Großmutter. Gespannt und andächtig lauschten wir Kinder ihren Erzählungen von Jesus, dem Sohn Mariens und Josefs aus Nazareth. Damals wusste ich noch nicht, dass unsere geliebte Oma die äußerst spannenden Kinder- und Jugendgeschichten Jesu auch aus den apokryphen Schriften, wie z.B. dem Thomasevangelium wiedergab. Von den Eltern bekam ich recht bald meine eigene Kinderbibel geschenkt, in der ich besonders Sonntags während des Gottesdienstes blätterte, und die schönen Bilder bestaunte.
Ein erster eigener Zugang zur Heiligen Schrift erfolgte in der Schulzeit. Er wurde ermöglicht durch eine in jugendlicher Sprache geschriebene und bebilderte Bibel, die ich regelrecht verschlang. Dabei wurde die inhaltliche Grundlage vor allem auch der alttestamentlichen Überlieferungen gelegt. Das Interesse am Bibellesen wie auch an Kirche überhaupt nahm in meiner Jugendzeit rapide ab. Erst während der Bundeswehrzeit erwachte in mir neu und intensiv die Frage nach dem Sinn des Lebens. Vom katholischen Standortpfarrer erhielt ich ein "geländetaugliches" Neues Testament. Dieses Exemplar las ich mit großem Interesse und strich mit Farbstiften die für mich in dieser Lebensphase bedeutsamen Stellen an.
Ich war zutiefst erschüttert von der Wucht und der existenziellen Tiefe der Worte und Taten Jesu. Noch am Ende meiner Dienstzeit fuhr ich auf Anregung eines lieben Freundes nach Taizé, wo sich meine gemachten Erfahrungen vertieften. Im Haus der Stille lag im Flur ständig eine Bibel aufgeschlagen. Die Worte der Heiligen Schrift waren für mich Weisung für mein weiteres Leben.
Durch das Kennenlernen Jesu Christi und durch viele Gespräche mit geistlichen Menschen spürte ich die Berufung zum Priestertum in mir aufkeimen. Doch zunächst absolvierte ich - ganz biblisch - eine ganz praktische Ausbildung zum Zimmermann. Noch vor Eintritt in das Priesterseminar ging ich auf Wanderschaft, die ich als religiöse Pilgerreise nach Jerusalem gestaltete. Davor erwarb ich eine Gesamtausgabe der Bibel mit dem Text der Einheitsübersetzung. Sie war handlich in der Größe, doch mit Goldschnitt und Ledereinband edel in der Verarbeitungsqualität. Bis heute begleitet sie mich auf all meinen Reisen und liegt abends griffbereit neben meinem Bett auf dem Nachttisch.
Durch die weitere Orientierung am Lehramt der katholischen Kirche und durch das Studium der Theologie als Wissenschaft durfte ich tiefer und überzeugter in die Schönheit der Geheimnisse meines christlich-katholischen Glaubens und in die bleibende Bedeutung der Kirche eindringen. Mein ganzes Leben habe ich dann spätestens seit meiner Diakonenweihe unter das Pauluswort gestellt: "Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" (2 Kor 12, 9).
Auch der gewählte Primizspruch spiegelt letztlich mein Vertrauen in das Wort des Herrn wieder, das im Laufe der vergangenen Monate und Jahre in mir wachsen durfte. Es ist ein Wort des Apostels Petrus, der nach einer vergeblichen Nachtarbeit auf die Aufforderung Jesu, die Netze noch einmal auszuwerfen, antwortet: "Auf Dein Wort hin" (Lk 5, 5)
Andreas Rudiger
Die Bibelserie ist auch im Internet nachzulesen unter
www.suedkurier.de/bibel
