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Konstanz Großes Interesse an Poesie

22.11.2010
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Konstanz – Es scheint eine geheime Verbindung zwischen Sport und Lyrik zu bestehen, Fußball ganz besonders. Aber auch Rückenschwimmen, Dressurreiten, Boxen finden ihren Weg in die Verse.

Stan Lafleur hat gar einen ganzen Zyklus den Olympischen Spielen in Athen gewidmet. Ohnehin ein Schräger, der davon dichtet, dass er wiedergeboren werden will in Mönchengladbach. Wieder Fußball. Ein unruhiger Geist, der die kurzen konzentrierten Werke so wählt, dass er für jedes einen anderen Band in die Hand nehmen muss. Spoken Word Performer heißen Dichter wie er heute.

Totgesagte leben länger, und so wohl auch die Poesie. Sie hat derzeit wieder Konjunktur und das anscheinend mit guten Zukunftsaussichten. Bei der Auftaktveranstaltung des sechstägigen Lyrikfestivals fanden sich auffallend viele junge Leute im Wolkensteinsaal ein. In einem Nebenraum des ehemaligen Nycomed-Gebäudes und aktuellen Finanzamts am Samstagabend dasselbe: Lyrik erreicht wieder junge Leute. Ist „Dichter dran“ am Menschen, wie das Festival als Motto möglicherweise zurecht behauptet.

Es sind Dichter wie Stan Lafleur, wie die Slam Poetry von Nora-Eugenie Gomringer, die die Poesie in die Welt hinaus tragen. Gomringer war die letzte von sieben Auftretenden bei der nicht ganz unanstrengenden Auftaktveranstaltung im Wolkensteinsaal, die im Nu das Publikum wieder hellwach hatte. Als exzellente Performerin berichtete sie von häuslichen Turnstunden: als Körperertüchtigung bei Feuchtwangers oder als Sex im Stehen an der Wand.

Wer nun befürchtet, traditionelle lyrische Sujets hätten angesichts dessen keine Chance, liegt falsch. Karin Fellner, die in Konstanz Psychologie studiert hat und nebenbei dichtete, hat den Gnadensee in ihre besonders verknappten Sprache und deren strengen Rhythmus aufgenommen. Beim Vorlesen schlägt sie mit der Hand den Rhythmus aufs Papier. Wie schön auch zu hören, wie diese Menschen lesen können.

Da gilt das gesprochene Wort, das Experiment mit den Vokalen und Konsonanten, das Auseinendernehmen der Sprache und ihre neue Zusammensetzung. Er werfe das herkömmliche Deutsch auf den Boden und mache aus den Scherben Neues, beschrieb Urs Heinz Aerni, Präsident der fußballspielenden Autoren in der Schweiz und entspannter Moderator der Samstagslesung, die lyrische Methode des Urs Allemann. Dass das Ergebnis stellenweise ein wenig gaga klingt, soll hier keine Abwertung sein, sondern im Gegenteil. Nicht Unfug mit Sprache wird hier getrieben, sondern ihre Grenzen eingerissen, bis Sprechen und Musik verschmelzen. Lachen darf man trotzdem.

Auch Zylinderkopfdichtung ist Dichtung für Monika Rinck. Da ist Leben drin in der neuen Lyrik, was Angelika Baumann bewogen haben mag, bei der Eröffnung von „frohem Mut“ zu sprechen, mit dem das veranstaltende Konstanzer Kulturbüro auf die zwölf Lesungen mit deutscher, Schweizer und englischer Lyrik schaut. Das erste und bislang einzige Poesiefestival in Baden-Württemberg zeigt Kontur und Facetten und vor allem Qualität. Ob man deshalb mit „Bewunderung und Begeisterung“ auf den Bodensee schaut, wie Matthias Kehle, der Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg behauptete, sei dahingestellt. Ebenso, was es heißen soll, dass hier Lyrik für Baden-Württemberg neu definiert werde, so Moderator Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Hauptsache, sie findet statt.

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