Sogleich dasselbe eine Oktave tiefer, elegischer, düsterer. Jetzt, jäh und heftig, maßt sich das Thema Fortissimo an, Aktivität nach Resignation, Moll ohne Müdigkeit. Da hatte man etwas von der Programmatik, wie das Minetti-Quartett (jung, dynamisch, technisch hochkarätig) mit Klassik – begeistert und begeisternd – arbeitet: Kein Takt tönt nach Routine, Notenkunst ohne Musikleidenschaft, akademischer Analyse ohne emotionale Mitteilung.
Kein Klanggedanke gestattet im Finalkonzert ein Entkommen ins stillvergnügt Genüssliche. Da ereignete sich das Hochklassische (Mozarts KV 516, Schuberts „Rosamunde“-Quartett und die Mendelssohn-Canzonette als Zugabendank) frisch, neu, an keiner Stelle bloß glänzend überlackiert oder virtuos frisiert – lebendige Musik-Gegenwart.
Mozart: Wie am Beginn der Kontrast in gefühlsdramatische Gruppenaktionen führte, so vernahm man bald das individuelle Ausdrucksprofil aller Instrumentalisten. Die Primaria Maria Ehmer ließ die Oberstimme zu arienhaftem Solo sich aufschwingen. Herrlich, wie sie das zweite Thema aus dem leisen Moll mit dem Dezimensprung in dritten Takt ins Entschlossene beförderte; das tröstende Dur-Adagio wurde reine Violin-Poesie, Legato-Lyrik, frei von künstlichen sentimento-Tränen. Vital flitzten im Rondo die Sechzehntel, kecker als jede Etüden-Tonleiter. Wie sang ihr Rosamunde-Idyllenthema, wie elegant lächelte der kleine Praller im Schubert-Finale!
Die zweite Violine behauptete gegen diese Kunst ihr eigenes Profil. Anna Knopp suchte nicht dynamische Konkurrenz, sondern die Klangnuancierung. Die Klopf-Töne im zweiten Mozart-Adagio verdunkelten das Gesamtbild: Pulsschlag in unruhiger Nacht.
In der Variation mit den Sechzehntelläufen (Schubert 2. Satz) spielte sie keine Mittelstimmen-Ornamente, sondern malte einen mattfarbigen Melodien-Hintergrund – Zauber des Kolorits. Die beiden Violen bei Mozart, Milan Milojicic und Corina Golomoz, ließen keinen Ton zur Füllstimme verblassen. Sie gaben dem Mozartschen Menuett-Trio leuchtende Tiefe, die zweite Viola dem Adagio packende Motiv-Beunruhigungen. Der Cellist Leonhard Roczek setzte satten Grundton, mehr aber noch motivische Charaktere, ob mit rasanten Rondo-Raketen oder einer Punktierung fürs Schubert-Menuett, die nicht pianissimo sich einschlich, sondern mit Akzent, Kurzcrescendo, verklingendem Orgelpunkt, über dem die Violinterzen sehnsüchtig zu tanzen begannen.
Hier und immer wieder erlebte man, was alle Individualkünste der Minetti-Musikmimen überbot: Ensemblespiel mit reichsten Farben, Expressionswerten von der Traurigkeit bis zum Übermut, von der Düsternis (Schubert-Beginn) bis zum Feuerwerk (Mozart-Ende), von Sordino-Feinklang bis zum harten Doppelgriff-Sforzato. Büsingen ist dank Uwe Stoffels Kunstwahl, Michael Psczollas Organisation und nobler Sponsoren seit 19 Jahren kein Geheimtipp einer Klang-Exklave für Musikminoritäten, sondern ein Bergkirchen-Hochfest für Kammerkunst mit überregionaler Akustik.
