Wenn das Leben doch so einfach wäre. Jugendliche laufen Amok, und die Schuldigen sind umgehend ausgemacht: die Medien natürlich, in erster Linie brutale Computerspiele; vom Gangsta-Rap mit seinen frauenfeindlichen Videoclips ganz zu schweigen. Deshalb reagiert die Gesellschaft auf schockierende Ereignisse immer wieder mit den gleichen Reflexen: Killerspiele wie „Counterstrike“ verbieten lassen, Waffengesetze verschärfen, das TV-Programm entschärfen. Diese Reaktionen sind menschlich und verständlich. Aber wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, stellt man regelmäßig fest: Geändert hat sich eigentlich nichts. Das wäre auch gar nicht möglich, denn die Wurzeln für jugendliche Gewalt liegen viel tiefer. Die Medien mögen ein Spiegel der Gesellschaft sein, doch sie verzerren die reflektierte Realität. Wer wie der Kriminologe Christian Pfeiffer den Irrglauben verbreitet, gesellschaftliche Krankheitssymptome aller Art würden sich auf einen Schlag kurieren lassen, wenn man die unterschiedlichsten Medien einer gründlichen Säuberung unterziehe und außerdem sämtliche Bildschirmgeräte aus den Kinder- und Jugendzimmern verbanne, der reduziert einen überaus komplexen Sachverhalt auf grob fahrlässige Weise.
Gewalt ist alltäglicher Bestandteil unseres Lebens; Gewalt hat viele Gesichter. Gewalt ist nicht bloß eine Prügelei auf dem Schulhof; Gewalt ist auch die erzieherisch gemeinte Ohrfeige. Gewalt entsteht aus Fürsorge („Das ist nichts für Mädchen“) oder aus offener Diskriminierung („Ausländer raus“). Deshalb spricht man neben der sichtbaren körperlichen Gewalt auch von den meist unsichtbaren anderen Gewaltformen: seelische, psychische oder strukturelle Gewalt. Menschen, die hungern oder unter den Folgen von Umweltzerstörung leiden, empfinden ihre Lebensbedingungen durchaus als gewalthaft. Das gleiche gilt für einen Schüler, der der Willkür eines Lehrers ausgeliefert ist; Macht hat immer mit Gewalt zu tun.
Die Medien, die ja nichts anderes sind als ein Konglomerat unserer Wünsche und Ängste, Hoffnungen und Träume, greifen all dies auf und verarbeiten es. Gerade fiktionale Stoffe, also Romane und Comics, Filme TV-Serien und Computerspiele, begnügen sich nicht mit dem Alltag, sondern treiben die Dinge grundsätzlich auf die Spitze. Wer die Welt nur im Umweg über die Medien wahrnimmt, hält sie für weitaus gewalttätiger, als sie in Wirklichkeit ist. Und wer Jugendliche nur aus Fernsehsendungen wie „Erwachsen auf Probe“ kennt, muss zwangsläufig um die Zukunft der Gesellschaft fürchten.
Ausgerechnet dieselben Medien, die fast ausnahmslos von schlechten Nachrichten leben, sind andererseits mit simplen Erklärungsmustern zur Stelle, wenn wieder mal Jugendliche zu Tätern geworden sind. Dabei liegen die Ursachen viel tiefer. Lässt man Pfeiffers Medienschelte mal beiseite, sind seine Erkenntnisse sehr vernünftig. Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover sieht im Wesentlichen drei Faktoren, die das Risiko für jugendliche Gewaltbereitschaft drastisch erhöhen: die Erfahrung innerfamiliärer Gewalt, eine gravierende soziale Benachteiligung der Familie sowie schlechte Zukunfts-Chancen aufgrund eines niedrigen Bildungsniveaus.
Das heißt keineswegs im Umkehrschluss, dass die Medien aus ihrer Verantwortung entlassen sind; sie können bereits vorhandene Einstellungen sehr wohl verstärken. Wer in seiner Umgebung immer wieder Zeuge wird, wie Stärkere ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen, der wird das erst recht für ein probates Mittel halten, wenn ihm das auch in Filmen und Computerspielen permanent vorgeführt wird. Dort ist diese Form von Gewalt zudem meist moralisch sanktioniert: Filmhelden dürfen ihre Gegner reihenweise niedermähen, weil sie ja das Gute verkörpern. Beim so genannten Ego-Shooter, dem Killerspiel aus Ich-Perspektive, greift der Akteur sogar selbst zur Waffe. Das Internet hat der Diskussion eine neue Dimension hinzugefügt: Hier ist jeder nur denkbare Müll problemlos zugänglich. Mit wenigen Klicks kann man grauenhafteste Szenen aufrufen. Welche Folgen der willkürliche Konsum solcher Bilder auf Dauer hat, ist noch gar nicht erforscht worden.
Natürlich ist jeder Mensch ein soziales Wesen. In der Regel haben Familie, Freunde oder die Schule einen ungleich größeren Einfluss als Medien aller Art. Anders verhält es sich bei jenen Kindern und Jugendlichen, in deren traurigem Dasein der Bildschirm die sozialen Kontakte längst verdrängt hat. Sie sind in größerem Maß gefährdet als Erwachsene, die sich dank ihres Erfahrungsschatzes vor den Folgen der möglicherweise negativen Auswirkungen schockierender Medienerlebnisse schützen können.
An dieser Stelle wäre die Gesellschaft gefragt. Leider erweist sich spätestens jetzt die ganze Aufregung um die RTL-Reihe „Erwachsen auf Probe“ als Heuchelei. Die Öffentlichkeit empört sich darüber, dass Eltern ihre Babys für TV-Aufnahmen vermieten (von „Prostitution“ war gar die Rede), ist aber nicht bereit, die wirklichen Missstände anzupacken. Viel zu viele Kinder sind nachmittags allein zuhause und verbringen mittlerweile mehr Zeit mit Medien als Erwachsene. Eine schulische Medienerziehung aber gibt es allenfalls in Ansätzen. Sie bleibt weitgehend den Eltern überlassen, die allzu oft entweder überfordert oder gleichgültig sind. Umso erstaunlicher ist es eigentlich, dass die meisten Heranwachsenden die vielfältigen Einflüsse gerade durch Gewaltdarstellungen ziemlich gut überstehen. Glaubt man den Pessimisten, müsste es viel mehr Amokläufe geben; der Anteil gewaltbereiter Jugendlicher ist aber nicht größer als vor einigen Jahrzehnten. Allerdings lohnt es sich, die Statistiken genau zu lesen: Die Zahl der Gewaltakte mag nicht zugenommen haben, doch die Hemmschwelle ist gesunken; Brutalität und Skrupellosigkeit haben zugenommen.
Und hier kommt wieder das Umfeld ins Spiel: Mehr als drei Viertel der jungen Gewalttäter weisen ein niedriges Bildungsniveau auf. An diesem Punkt muss dringend angesetzt werden. Das deutsche Bildungssystem ist von Grund auf renovierungsbedürftig. Ein viel zu großer Teil der Jugendlichen verlässt die Schule ohne Abschluss und findet anschließend keinen Ausbildungsplatz. Manche enden in einem Teufelskreis aus Alkohol und Gewalt. Überspitzt formuliert: Erst schlagen sie die Zeit tot und irgendwann einen Menschen. Da es enorm viel Geld kosten würde, diese Spirale zu durchbrechen, wird das Problem lieber verdrängt. Es ist ja auch viel einfacher, Amokläufe als Mittelschicht-Phänomen zu diskutieren und Gesetze zu verschärfen; selbst wenn das an den tatsächlichen Missständen überhaupt nichts ändert.
Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist für Tageszeitungen und Fachzeitschriften und befasst sich seit 20 Jahren mit der Wirkung von Medien auf Kinder und Jugendliche. Er hat unter anderem zwei Bücher zu dem Themenkomplex verfasst: „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ (Jugendmedienschutz in Europa) und „Schlechte Nachrichten – schreckliche Bilder“ (wie man Kindern hilft, belastende Medieneindrücke zu verarbeiten). Gangloff ist dreifacher Vater.
Klar gibt es da Zusammenhänge, aber woran ...