Das bescheidene Schatzkästchen ist weiß und aus Porzellan, erinnert eher an ein Geschirrteil und birgt doch Spannendes.
Zehn mal fünfzehn Zentimeter messen die Glasplatten, die innen akribisch eingeordnet sind, und ihr Wert offenbart sich erst, wenn man sie gegen das Licht hält: Es sind Foto-Negative, die ein unbekannter Fotograf vermutlich in den 1920er-Jahren in Konstanz aufgenommen hat. Hilfreich für die Datierung ist vor allem eine Aufnahme. Sie zeigt einige Männer und ein Auto auf dem Deck einer alten Fähre. Auf der Motorhaube des Mercedes steht ein Geschenkkorb, und ein gut lesbares Schild verrät den Anlass: Gefeiert wurde der 5000. Personenwagen auf der am 30. September 1928 eingerichteten schwimmenden Brücke. Dass im Jahr 2012 inzwischen die Marke von 75 Millionen erreicht würde, das hätten sich die auf dem Foto Abgebildeten sicherlich nicht träumen lassen. Recherchen der Stadtwerke haben ergeben, dass das Foto noch im ersten Betriebsjahr, also 1928, aufgenommen wurde.
Aus dem Hausrat einer Konstanzer Familie geborgen
Das Gefäß, in dem die seltenen Negative aufbewahrt wurden, ist eine Fixierbox aus Porzellan, wie der Konstanzer Auktionator Carlo Karrenbauer herausgefunden hat. Aus dem Hausrat einer früher in der Stadt ansässigen Familie hat er die Rarität geborgen und versteigert sie am Samstag, 29. September. Wer die Bilder einst mit einer Großformat-Kamera aufgenommen hat und welchen Zwecken sie dienen sollten, weiß Karrenbauer nicht.
Um dieses Stück Konstanzer Geschichte für alle zugänglich zu machen, hat der SÜDKURIER die Negative aufgenommen, im digitalen Fotolabor zu normalen Schwarz-Weiß-Bildern entwickelt und stellte sie der Öffentlichkeit vor. Besonders hilfreich für die Einordnung dürfte das Foto eines Mannes sein. Der Unbekannte mittleren Alters ist im Halbprofil zu sehen, trägt einen zweireihigen Mantel und steht auf einer Wiese, der Blick scheint in die Ferne gerichtet. Die Lokalredaktion will das Rätsel um die seltenen Glasnegative lösen und fragt daher: Wer kennt die Person? Wer weiß etwas über den Anlass, aus dem das Bild gemacht wurde? Wer kann mit Informationen weiterhelfen, die auf den Fotografen hinweisen?
Szenen aus dem Konstanzer Hafen
In der kleinen Serie von sechs Bildern sind übrigens noch weitere Motive zu sehen. Zwei Fotos zeigen Szenen aus dem Konstanzer Hafen, als der Warentransport mit dem Lastwagen noch unüblich war. Direkt an den Hafenmauern stehen Güterwaggons auf den heute fast komplett verschwundenen Gleisen, im Wasser liegen Lastkähne. Ebenfalls ein Zeitdokument ist die Aufnahme der „Mainau“ im Konstanzer Hafen – zu sehen ist vermutlich das Dampfschiff, das von 1858 als „Stadt Konstanz II“ in Dienst gestellt, 1897 in „Mainau“ umbenannt und 1928 ausgemustert wurde. Auch diese Jahreszahl könnte – wie die auffällige Häufung von Schifffahrts-Motiven – bei der Einordnung der Bilder helfen.
Für Carlo Karrenbauer ist das weiße Kästchen nach der Versteigerung in einer Woche Geschichte, doch eine kleine Hoffnung hat er: Dass die kleine Sammlung von Negativen vielleicht in Konstanz bleibt. Irgendwie, sagt er, gehören die Zeitdokumente auf 150 Quadratzentimetern doch in die Stadt.