Es muss ein ziemlicher Aufruhr gewesen sein, damals im Herbst 1932 in Wollmatingen. Ziemlich beunruhigt hatten vier der fünf Wollmatinger Bäcker an den Gemeinderat geschrieben und baten um Hilfe: Die „überhand nehmende Überlaufung“ durch Konstanzer Bäckereien sei nicht mehr tragbar, der Gemeinderat müsse jetzt zwingend Maßnahmen einleiten, um die hiesigen Bäcker zu schützen. Obwohl die Verwaltung damals wusste, dass es bei den geltenden Gesetzen zur Gewerbefreiheit kaum Möglichkeiten gab, den Wollmatinger Bäckern Schutz zu gewähren, sandten sie Ortswachtmeister Alfred Stadelhofer und Anton Haag aus. Sie sollten strikt darauf achten, dass Verkäufer in Wollmatingen einen Wandergewerbeschein besaßen. Viel mehr war nicht drin. Es brachte den Bäckern nichts. Gab es damals noch zeitweise sechs Backstuben in Wollmatingen, backt heute kein einziger Bäcker mehr sein Brot in Wollmatingen.
Diese Geschichte vom Bäckerstreit ist eine der zahlreichen Geschichten, die Gerd Morian in seiner neuen historischen Broschüre „Tante Emma und die Großindustrie. Wollmatingens Wandel im letzten Jahrhundert“ recherchiert und aufgeschrieben hat. Vor gut fünf Jahren kam Morian mit seiner Frau Helga aus dem Hessischen an den Bodensee und längst hätte er den Titel des Wollmatinger Stadtschreibers verdient. Insgesamt fünf Broschüren zu verschiedenen Aspekten der Geschichte des heute zu Konstanz gehörenden Stadtteils hat der frühere Journalist verfasst. Und auch dieses Mal hat er wieder intensiv recherchiert in verschiedenen Archiven und ein beachtliches, 40-seitiges Heft zusammengestellt.
„Das soll alles keine klassische Geschichtsschreibung sein, sondern eher eine unterhaltsame, magazinige Annäherung an die Geschichte“, sagt Morian im Gespräch mit dem SÜDKURIER.
Neben den vielen Besuchen hat der Hobby-Historiker auch viele Gespräche mit alteingesessenen Wollmatingern geführt. „Das macht mir eigentlich immer am meisten Spaß – im Gespräch mit den Menschen zu sein und ihre Geschichten zu hören“, sagt Morian. Das Herz des Lokaljournalisten schlägt immer noch laut und heftig in ihm. In seiner neuen Broschüre hat er sich um das Wollmatinger Wirtschaftsleben gekümmert. Dabei waren einerseits die Großbetriebe Stromeyer und Herosé auf seiner Agenda, aber auch der kleinteilige Einzelhandel im Wollmatingen des frühen 20. Jahrhunderts. Das ist dann tatsächlich auch der spannendere Teil des Heftes. In detaillierter Kleinarbeit hat Morian akribisch die alte Wollmatinger Geschäftsmeile zwischen Radolfzeller Straße, Fürstenbergstraße, Riedstraße, Engelsteig, Kindlebildstraße und Litzelstetter Straße rekonstruiert und hausnummergenau ermittelt, wann, wo, wer ein Geschäft hatte. Daraus wird ersichtlich, dass Wollmatingen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg über ein dichtes Netz an Läden verfügte. Überdauert haben seit dem 19. Jahrhundert nur die drei Gaststätten „Löwe“, „Rössle“ und „Linde“. Verschwunden sind vor allem die kleinen Kolonialwarenläden, die noch selbst backenden Bäcker und selbst schlachtenden Metzger. Mit vielen historischen Bildern zeigt Morian, wie sehr sich Wollmatingen verändert hat.
Kleine Porträts wechseln sich ab mit Firmengeschichten oder lesenswerten Randnotizen aus der Historie. Es gibt tatsächlich viele Geschichten in dem Heft, an denen man sich festlesen kann. So räumt Gerd Morian auch den alten Vorwurf aus, die Wollmatinger hätten 1907 den Dettingern das Wasser geklaut. Allerdings, auch das ist bei Morian nachzulesen, haben die Wollmatinger erst auf massiven Druck der Hygienebehörde ihre Leitung gebaut: von den Quellfassungen an der Dobelmühle bis zum Hochbehälter auf dem Hafner. Insgesamt ist das Heft eine lohnende Lektüre für jeden Konstanzer, für Wollmatinger ist es ein Muss.
