In Kreuzlingen blickt Lehrer Kurt Bräutigam verwundert über die Grenze: Im Stuttgarter Kultusministerium werden Vorgaben für Schulen erdacht, die an der regionalen Waldorfschule Kreuzlingen-Konstanz seit 23 Jahren Praxis und seit 1919 an Waldorfschulen fester Bestandteil sind.
Konstanz/Kreuzlingen - Wenn am 25. August die neuen Erstklässler in der Kreuzlinger Bahnhofstraße das ehemalige Fabrikgebäude betreten, erwarten sie Pädagogen mit Lernkonzepten, die in Deutschland als fortschrittlich gelten und neu eingeführt werden: Fremdsprachen ab der ersten Klasse, regelmäßige kleine Referate schon in der Grundschule, Theaterauftritte, Lernblöcke für einzelne Fächer und Integration mehrerer Leistungsstufen in einer Klasse. Selbst die aus der Pisa-Studie abgeleitete Forderung nach späterer Differenzierung der Schulsysteme leben die Steiner-Schüler bereits vor. "Es tut mir leid, dass ich das so sagen muss", entschuldigt sich Kurt Bräutigam für die Weitsicht Rudolf Steiners: Die Waldorfschulen verfolgen seit 1919 dieses Konzept. Seit 1980 wird es in der Waldorfschule für Konstanz und Kreuzlinger praktiziert.
Was für die Kameraden in Konstanz ab nächstem Jahr die Regel sein wird, ist für Erstklässler an der Waldorfschule eine Selbstverständlichkeit: Der Fremdsprachenunterricht ab der 1. Klasse. Er findet sogar in englischer und französischer Sprache statt. "Das erfordert von uns Lehrkräften eine hohe Sprachkompetenz", betont Kurt Bräutigam. Sie müssten in der Sprache sehr gut zu Hause sein, um die Kinder über Verse und Spiele zum Nachahmen der fremden Sprache zu bewegen. Es seien Fachlehrer, zumeist Muttersprachler.
In der Waldorfschule geht es darum, den Kindern die Lebensweise in anderen Kulturen deutlich zu machen. Der Nützlichkeitsgedanke wie er in Deutschland die Diskussion um frühen Fremdsprachenunterricht bestimmt, ist dem Waldorf-Team fremd. Nach 23 Jahren Lehrertätigkeit weiß Kurt Bräutigam, dass Schule immer "ein Stück Labor bleibt". Eine Fremdsprache könne nur im Land wirklich gelernt werden. Dennoch versuchen er und seine Kollegen, schon bei Erstklässlern das Ohr für diese fremde Sprache zu öffnen. Weil Kinder bis zum achten oder neunten Lebensjahr noch alles Neue begierig aufsaugen, wird ihnen dieses frühe Angebot gemacht. Am Ende der dritten Klasse wird mit dem Schreiben der fremden Sprache begonnen. Die Kinder haben dann einen Wortschatz zur Verfügung, den sie in Schrift umsetzen können. Das ist der Vorteil des frühen Starts. Später folgen Vokabeln und Grammatik wie an anderen Schulen auch.
Kurt Bräutigam räumt mit dem Vorurteil auf, die Kinder an der Waldorfschule müssten keine Leistung bringen. Es werden Tests wie überall geschrieben. Seit neuestem gibt es ab der 9. Klasse Zeugnisse mit Noten, allerdings nach dem umgekehrten Schweizer System. Zugleich werden wie in den Jahren zuvor Beurteilungen geschrieben, wo die Schüler noch Defizite haben. Es gibt auch Noten über Pflichtbewusstsein und Unterrichtsverhalten. Sitzenbleiben ist im Waldorfschen Schulsystem nicht vorgesehen: Nur wer von seiner Entwicklung nicht in die Jahrgangsstufe passt, wechselt nach unten oder oben.
In den zehn Klassen der Steinerschule werden aus deutscher Sicht Hauptschüler wie Gymnasiasten gemeinsam unterrichtet. Im Idealfall drittelt sich das Leistungsniveau, damit Schüler einander helfen können. "Ein Hauptschüler erfährt sonst nie etwas über Kunstgeschichte", bedauert Kurt Bräutigam die frühe Differenzierung im deutschen wie im Schweizer Schulsystem. Der Unterschied der Leistungsspektren bestehe in der Verarbeitung und Wiedergabe der Inhalte. Anhören und etwas für das Leben mitnehmen, könnten sich alle etwas aus dem Unterricht. In der Pisa-Studie war Finnland von Bildungsexperten für dieses System bewundert worden.
In regelmäßigen Praktika werden beispielsweise die Kenntnisse der Geometrie bei der Vermessung von Bergseen angewandt, Schüler zum dreiwöchigen Austausch nach Lyon geschickt. Der Waldorf-Pädagogik geht es um die Anwendung des Wissens. So werden Maschinen nicht einfach benutzt, sondern zunächst ergründet. Dazu gehört auch der Computer. Ab der 9. Klasse dürfen Schüler Hausarbeiten am PC schreiben. Zuvor lernen die Kinder jedoch, wie ein Rechner funktioniert und bauen selbst einen nach. Den Umgang mit der neuesten Software lernen die Schüler in Kreuzlingen jedoch nicht. Das bringen sie sich selber bei, ist Kurt Bräutigam überzeugt. "Oder haben Sie telefonieren in der Schule gelernt?"
Siehe auch Meldung "Waldorfschule für Konstanz" auf dieser Seite