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Konstanz Flüchtlingsunterkunft in Egg: Heikle Debatte in dörflicher Idylle

Egger Bürger diskutieren über die geplante Flüchtlingsunterkunft. Es wird dabei vor allem Kritik an fehlender Bürgerbeteiligung laut. Für Mittwoch ist ein weiterer Termin der FGL im Zergle angesetzt.

„Entschuldigung, was besprechen Sie hier?“, fragte ein vorbeilaufender Tourist am Montagabend am Rande der Diskussionsrunde auf der Egger Wiese. „Wir haben hier große Probleme“, antwortete eine ältere Anwohnerin beiläufig, winkte ab und wandte sich wieder der Gruppe zu, in der der Ton zwischenzeitlich rau geworden war. In der Gruppe standen rund 60 Bürger aus Egg und anderen Ortsteilen sowie Vertreter der Linken Liste, der FDP, der Freien Wähler und der SPD zusammen, auf Einladung der Freien Grünen Liste, um mit den Anwohnern zu diskutieren – über die geplante Anschlussunterkunft für Flüchtlinge, über alternative Standorte und Unterbringungsmöglichkeiten in Egg. Die CDU hatte aufgrund einer internen Veranstaltung nicht teilnehmen können, teilte Fraktionssprecher Roger Tscheulin auf Anfrage mit.

Unterdessen setzten sich die Vertreter der anderen Fraktionen mit viel Kritik an dem bisherigen Verfahren, aber auch mit vielen Vorschlägen für die Zukunft Eggs und einer dortigen Flüchtlingsunterkunft auseinander. Einig waren sich die meisten Anwesenden vor allem in einem: Flüchtlinge seien willkommen im Dorf, der Dorf- und Spielplatz aber dürfe nicht bebaut werden. „So etwas macht man nicht; Kindern den Spielplatz wegnehmen“, rief ein älterer Herr unter viel Applaus in die Runde. Die, die nicht applaudierten, entgegneten: „Es wäre nur die Hälfte des Platzes. Diese Wiese ist nicht in ihrem persönlichen Besitz.“ „Wir stehen einem alternativen Standort in Egg offen gegenüber“, betonte unterdessen Christiane Kreitmeier von der FGL. Auf die Kritik, dass der Dialog mit den Bürgern zu spät komme, entgegnete die FGL, dass die Beteiligung und Information der Bürger bei der Verwaltung liege – und diese in Zukunft früher und transparenter stattfinden müsse.

Derzeit erstellt die Stadtverwaltung ein Konsultationsverfahren, das die Bürger in die weitere Planung miteinbeziehen soll. „Mit Hochdruck“ arbeite man zudem an der Prüfung alternativer Standorte. „Neben der Egger Wiese werden derzeit elf weitere Grundstücksvorschläge, die teilweise von den Bürgerinnen und Bürgern eingereicht wurden, bewertet“, heißt es in einer Stellungnahme von Bürgermeister Andreas Osner auf Anfrage. Die Kriterien seien die Verfügbarkeit, das Baurecht, der Naturschutz und die städtebauliche Eignung. „Aktuell werden Gespräche mit Grundstückseigentümern geführt. Um die laufenden Verhandlungen nicht zu gefährden, können noch keine näheren Details genannt werden“, so Osner. Bei dem Vor-Ort-Termin in Egg wurde allerdings der Vorwurf laut, dass die Stadt zu wenig Geld für die Grundstücke biete. Dass die Suche nach einem geeigneten Grundstück nicht nur in Egg weitergeht, sondern auch in den anderen Orts- und Stadteilen, betonte Normen Küttner (FGL). Neben den Gesprächen in Egg wird derzeit auch im gesamten Stadtgebiet gesucht, sagt Andreas Osner. „Die Suche nach Flächen ist noch nicht abgeschlossen und wird von einer neu gegründeten, ämterübergreifenden Projektgruppe begleitet.“ In den vergangenen Wochen seien 70 Flächen auf ihre Eignung hin geprüft worden, geeignete Grundstücke wurden dem Landratsamt als Option gemeldet. „Unsere kurzfristige Priorität liegt darauf, Kapazität für Gemeinschaftsunterkünfte zu schaffen“, so Osner.

Während in anderen Stadteilen also weiter gesucht wird, setzen sich viele Egger bereits mit dem Bau auseinander. Eine jüngere Anwohnerin etwa merkte an, ob es nicht möglich sei, in dem Wobak-Haus gemischte Bewohner einziehen zu lassen – Flüchtlinge wie Konstanzer Familien. „Wir wollen ein vernünftiges Gesamtkonzept“, formulierte es eine Anwohnerin. Dazu gehöre es auch, Geld nicht nur für den Bau der Unterkunft in die Hand zu nehmen – sondern auch für den Ausbau der Infrastruktur nach und in Egg. Ein Bürger aus dem Paradies merkte an: „Sie sind doch eine Gemeinschaft hier, das merkt man. Wenn Sie gemeinsam private Grundstücke für Häuser oder Wohnungen in Egg finden, in denen 20 oder 30 Flüchtlinge untergebracht werden können, wäre das doch ein Lösungsweg.“

Stadträtin Gaby Weiner vom Jungen Forum Konstanz merkte an, dass sie selbst eine Syrerin und deren Tochter aufgenommen habe und ergänzte: „Ich kann's nur empfehlen.“ Tatsächlich bot ein Anwohner im Verlauf der Diskussion an, „lieber bei mir einen Flüchtling aufzunehmen statt die Dorfwiese aufzugeben.“

 

Nächster Termin: Heute Abend um 18 Uhr lädt die FGL alle Bürger in das Zergle nach Wollmatingen ein, um über die dort geplante Flüchtlingsunterkunft zu sprechen.

 

Unterkünfte für Flüchtlinge

Bedarf: Die Stadt Konstanz muss nach Angaben der Stadtverwaltung und laut aktueller Schätzung bis Ende des Jahres 1121 Flüchtlinge unterbringen. Das bedeutet, dass nach derzeitigem Stand Unterkünfte für weitere 658 Personen fehlen. Bislang sind die Flüchtlinge in den beiden Gemeinschaftsunterkünften in Petershausen untergebracht sowie derzeit rund 100 Flüchtlinge in der Zeppelin-Turnhalle.

Erstunterbringung: Eine weitere Gemeinschaftsunterkunft für 100 Personen wird derzeit auf dem ehemaligen Transco-Gelände in der Max-Stromeyer-Straße gebaut. Die Fertigstellung soll noch mehrere Monate dauern.

Anschlussunterkunft: Eine Unterbringung für die Flüchtlinge, die schon 20 Monate in Konstanz sind oder deren Asyl bewilligt ist, gibt es bislang noch nicht in der Stadt – sie soll aber in Egg entstehen. Die Stadt ist verpflichtet, diese Anschlussunterkunft zur Verfügung zu stellen. Die Wohnform soll dabei Wohngemeinschaften ähneln – geplant sind mehrere Drei- bis Vierzimmerwohnungen. Für den Bau von Flüchtlingsunterkünften gibt es Zuschüsse. (sap)

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