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Ratgeber weiterführende Schule

Konstanz Flüchtlinge werden zu Mitbewohnern: Projekt 83 vermittelt 63 Asylbewerbern Wohnraum

Schon 63 Asylbewerbern hat das Projekt "83 - Konstanz integriert" Wohnraum vermittelt. "Die 83 machen wir auf jeden Fall voll", verspricht Till Hastreiter. Bisher habe es kaum Probleme bei den neuen Wohngemeinschaften gegeben.

Khalid fühlt sich sichtlich wohl in seinem neuen Zuhause. Dafür sorgen nicht zuletzt seine beiden WG-Mitbewohnerinnen, Sarah und Miriam. Seit dem 1. Juli teilen sie sich eine Wohnung in Konstanz-Petershausen. "Nein, in Eritrea wäre das eher nicht denkbar", erklärt der 23-Jährige auf Nachfrage, "es ist total komisch, mit zwei Frauen zusammen zu wohnen. Aber meine Familie in Eritrea muss ja nicht alles wissen", sagt er und grinst schelmisch.

Miriam berichtet von anfängflicher Scheu, die schnell überwunden war: "Eigentlich suchten wir für die neugegründete WG eine Frau. Aber wir fanden Khalid gleich sympathisch." Was Sprachkenntnisse und kulturelle Anpassung betrifft, hat Khalid Hussein bereits einen weiten Weg in Richtung Integration zurück gelegt. Seine Heimat Eritrea hat er verlassen, weil er die Schule, nachdem er wegen einer Verletzung lange gefehlt hatte, nicht mehr besuchen durfte und zum Militär eingezogen wurde. Militärdienst in Eritrea gilt als eine Form moderner Versklavung – er ist zeitlich unbegrenzt und die jungen Männer haben kaum noch eine Chance, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Tausende junger Leute fliehen vor dem Regime.

Die Dreier-WG ist eine der Wohngemeinschaften, die durch die Initiative "83 – Konstanz integriert" zusammen gefunden haben. Ziel der Initiative ist es, privaten Wohnraum für Flüchtlinge zu aktivieren und zwei Gruppen zusammen zu bringen, wie Till Hastreiter von "83 – Konstanz integriert" erläutert: jene Flüchtlinge, die privat wohnen möchten und Personen, die einen Teil ihres Wohnraums zur Verfügung stellen. Bis heute ist der Stand bei 63 Vermittlungen – vorgenommen hat sich die Initiative, 83 Personen zu vermitteln.

Probleme habe es beim Zusammenleben der neuen Wohngemeinschaften kaum gegeben, berichtet Till Hastreiter. Der Grund? "Wir glauben, dass der kulturelle Kontext sekundär ist", sagt Hastreiter, "wir dachten zuerst, dass es mehr Schwierigkeiten gibt." Die Offenheit auf beiden Seiten erleichtere das Zusammenleben. Die Leistungen, die "83 – Konstanz integriert" bringt, sind formeller Natur: man helfe mit der Bürokratie, wenn es darum gehe, den Mietvertrag zu gestalten.

Das Projekt hat über die Grenzen der Stadt hinaus Schule gemacht. Es gebe einige Anfragen von Kommunen, die ein ähnliches Programm aufziehen wollen, berichtet Hastreiter. Die Staatsrätin für Beteiligung und Integration im Staatsministerium Stuttgart, Gisela Erler, habe Interesse signalisiert, die Vorgehensweise kennen zu lernen.

Wie geht es weiter beim Projekt? "Die 83 machen wir auf jeden Fall voll", verspricht Till Hastreiter. Wie es danach weitergehe, sei unklar. Hastreiter möchte, dass sich die Stadtverwaltung finanziell an dem Projekt beteiligt, am liebsten durch die Finanzierung von 1,5 Stellen. Immerhin erfülle man seit einem Jahr eine Aufgabe der Stadt durch reines Ehrenamt. Bei der Stadtverwaltung lobt man das Projekt als "clevere Kampagne", die unbedingt fortgesetzt werden solle, will aber noch nichts sicher zusagen: "Wir prüfen, wie wir die operative Weiterarbeit im Projekt durch eine städtische Unterstützung absichern können", schreibt Bürgermeister Andreas Osner, "sie muss aber letztlich im Haushalt dargestellt und von der Politik entschieden werden."

 

Ein Projekt und seine Außenwirkung

  • "83 – Konstanz integriert": Die Initiative stammt von Till Hastreiter: "Ich bin in Konstanz aufgewachsen und weiß, dass viele Leute in großen Wohnungen wohnen und das Geld aus einer Vermietung nicht brauchen." Ziel der Kampagne ist es, diesen Wohnraum für Flüchtlinge zu aktivieren. Es gelte, zwei Gruppen zusammen zu bringen: Flüchtlinge, die privat wohnen möchten und die Konstanzer, die für einen Flüchtling als Mitbewohner offen sind. Aufgefallen ist 83 durch eine pfiffige Informationskampagne: An verschiedenen Stellen der Stadt leuchtet die 83, die inzwischen jedem Konstanzer bekannt sein dürfte. Sie steht für das Ziel: die Initiative will erreichen, dass jeder 1000. Konstanzer Bewohner einen Flüchtling aufnimmt.
  • Wie geht die Inititiative vor? Um beiden Seiten den Beginn zu erleichtern, führen die Ehrenamtlichen von 83 im Vorfeld Gespräche mit Flüchtlingen und Wohnraumanbietern. Vermieter und Mieter sollen zueinander passen. Das erste Treffen zwischen beiden Seiten findet auf neutralem Boden statt, damit niemand sich verpflichtet fühlt. Zu Beginn des Mietverhältnisses hilft 83 mit der Bürokratie, zum Beispiel dem Mietvertrag.
  • Interesse von außen: Kommunen sind bereits auf das Projekt aufmerksam geworden. Zudem hat Staatsrätin Gisela Erler aus dem Staatsministerium Baden-Württemberg Interesse bekundet. Wie es aus der Pressestelle des Staatsministeriums heißt, habe das Projekt der Stadt Konstanz rund 1,5 Millionen Euro eingespart. Dies zeige, dass es landesweit ein großes Potenzial für private Vermietungen an Geflüchtete gebe. Zudem sei die private Unterbringung ein wichtiger Baustein für die Integration. Die Stabsstelle der Staatsrätin prüft derzeit den Aufbau einer landesweiten Vermittlungsplattform. Über persönliche Kontakte sollen Privatvermieter mit Geflüchteten oder anderen Wohnungssuchenden unter Begleitung durch zivilgesellschaftlich Engagierte zusammen gebracht werden. Staatsrätin Erler will sich das Projekt bei nächster Gelegenheit vor Ort persönlich ansehen.

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