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Ratgeber weiterführende Schule

"Fiktionen regeln unseren Alltag"

Herr Professor Koschorke, sind Sie undankbar?

Undankbar? Weshalb?

Sie kritisieren, die Antragsschreiberei an deutschen Universitäten erinnere an Fünfjahrespläne. Zugleich profitieren Sie als Mitglied des Exzellenzclusters von diesem System.

Ich hoffe nicht, dass das Undankbarkeit ist. Ich freue mich über die Erfolge. Aber ich versuche gelegentlich darauf hinzuweisen, dass es Fehlentwicklungen geben könnte, die sich mit diesem System verbinden. Das tue ich, weil ich das Gefühl habe, meine Hauptloyalität gilt der wissenschaftlichen Arbeit als solcher. Und die sehe ich teilweise durch die Entwicklungen bedroht.

Was sind die Chancen, was die Gefahren?

Man profitiert, weil man Visionen angehen kann. Viele Leute orientieren sich jetzt in Richtung Konstanz. Was daraus wird, ist eine andere Frage. Davon haben die, die das initiiert haben, vielleicht am wenigsten. Sie choreographieren immer mehr Forschung für andere. Man muss aufpassen, dass man nicht Opfer seines Erfolges wird. Forschung braucht Stille und Zurückgezogenheit. Dinge, die sich nicht leicht mit so einem riesigen Unternehmen vereinbaren lassen.

Lassen Sie uns über Inhalte reden. Was sind Ihre Fragen zum Thema "Kulturelle Grundlagen von Integration?"

Eigentlich müsste es heißen: Kulturelle Grundlagen von Integration und Desintegration. Denn uns beschäftigt besonders, dass auch Desintegration eine produktive Wirkung haben kann. Wir erleben zum Beispiel Desintegration auf nationalstaatlicher Ebene - das ist aber ein Prozess der europäischen Einigung, also einer Integration. Was mich als Literaturwissenschaftler ebenso interessiert, ist die Kulturseite. Wir haben dem Begriff der Kultur einen nicht selbstverständlichen Dreh gegeben. Wir verstehen unter ihr nicht das Gemeinsame und Tragende, sondern die Zone zwischen verschiedenen Wahrnehmungen und Interessen. Kultur ist das Milieu, in dem verhandelt wird, in dem Kontakte und Abgrenzungen stattfinden.

Als Laie denkt man an die Integration von Ausländern.

Was wir nicht leisten können und werden, ist die wissenschaftliche Begleitung von Integrationsbeauftragten. Dazu gibt es anderswo Kompetenz. Aber natürlich gibt es Bezüge zu sozialen und religiösen Integrationsproblemen. Aber der Begriff der Integration umfasst viel mehr: zum Beispiel Bedeutungssysteme. Wie integrieren sich Wissensfelder, wie trennen sich Fächer, wie bestimmen sie ihre Grenzen? Solche Fragen führen weg von einem Integrationsbegriff, wie man ihn aus der Zeitung kennt.

Was ist Ihr Forschungsthema?

Ich fühle mich besonders zuständig für ein Gebiet des Clusters: Erzähltheorie als Kulturtheorie. Wie wird Zusammenhalt und Desintegration erzählerisch erzeugt? Dem wollen wir nachgehen.

Das klingt nicht nach Schöngeistigem.

Literatur selbst ist etwas sehr Schönes und möchte mit Sachverstand studiert und erforscht werden. Das hat seine Berechtigung für sich. Aber in Literatur werden auch Dinge verhandelt, die für soziale Zusammenhänge wichtig sind. Wir leben in fiktionalen Zusammenhängen. Institutionen sind zum Beispiel in gewisser Weise fiktive Gebilde. Sie leben davon, dass alle anerkennen, dass es sie gibt. Politik beruht in großem Umfang auf Fiktionen. Es gibt die Fiktion des sozialen Körpers. Daraus geht die Idee von Verkörperungen hervor, etwa einem Machthaber, der den Staat verkörpert, oder von Gliedern einer Organisation. Unsere politische Sprache ist voll von solchen Metaphern. Fiktionen regeln unseren Alltag.

Wie erforschen Sie das?

Der herkömmliche Weg ist die Frage, wie das in Literatur gespiegelt wird. Der andere Weg ist die Frage, wie sehen Erzählungen außerhalb der Literatur aus. Was werden für Geschichten in den Präambeln der Verfassungen erzählt? Wie schaffen wir Feindbilder in unserer politischen Mythologie? Erzählungen können Trennlinien zwischen uns und anderen erzeugen, wo diese de facto nicht zu erkennen sind. Dann steuert ein Phantasma unser Handeln. Literatische Mechanismen greifen tief in die soziale Wirklichkeit ein.

Sind Forscher anderer Fachrichtungen dafür offen?

Das Wunderbare an Konstanz ist der hohe Grad an interdisziplinärer Verständigung, der nicht erst herbei geredet werden muss. Auch das erklärt unseren Erfolg. Die Juristen wissen zum Beispiel längst, welche Rolle Erzählungen im Recht spielen - von den Fallbeispielen bis zu den Geschichten von der Einsetzung des Rechts. Es gibt Begriffe, die wandern durch alle Disziplinen und schaffen eine gemeinsame Grundlage. Auch das ist ein Phänomen der kulturellen Grundlagen von Integration: Das unterschiedliche Wissenskulturen mit ähnlichen Kategorien operieren.

Fragen: Frank van Bebber

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