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Konstanz „Etwas komplett Neues aufbauen“

Melanie Schreiner und Sebastian Döring, Wissenschaftler am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz beim Kaffeegespräch im „Il Boccone“.
Melanie Schreiner und Sebastian Döring, Wissenschaftler am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz beim Kaffeegespräch im „Il Boccone“. | Bild: Brauns

Haiti war schon vor der Erdbebenkatastrophe kein vergessenes Land, sagen Melanie Schreiner und Sebastian Döring. Die beiden Organisationswissenschaftler gehören dem Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz an (siehe Artikel unten). Vor einem Jahr waren sie in Haiti und untersuchten die Zusammenarbeit zwischen Organisationen der Vereinten Nationen (UN).

Was hat Sie gerade nach Haiti verschlagen?

Melanie Schreiner: Wir untersuchen im Rahmen des Exzellenz-Clusters die Organisationen der Vereinten Nationen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden die UN häufig als eine Organisation gesehen, so ist es aber nicht. Das sind alles unterschiedliche Organisationen, die keine gemeinsame Führung haben, sondern komplett getrennt sind.

Sebastian Döring: Die Blauhelmsoldaten von MINUSTAH sorgen für Sicherheit. Es gibt aber zusätzlich noch 15 andere UN-Organisationen vor Ort, wie die Unesco, Unicef oder das „World Food Program“.

War Haiti vor der Katastrophe also gar kein vergessenes Land?

Melanie Schreiner: Das Land hat weltweit pro Kopf in den letzten drei Jahrzehnten die meisten Entwicklungshilfegelder bekommen. Es hat sich aber trotzdem nichts geändert. Das liegt auch daran, dass es Eliten im Land gibt, die nicht wollen, dass sich etwas ändert.

Erschweren Koordinationsprobleme zusätzlich die Arbeit der Organisationen?

Sebastian Döring: Die Zusammenarbeit zwischen den UN Organisationen war in der Vergangenheit nicht immer unproblematisch. Im Angesicht der gegenwärtigen Katastrophe besinnt man sich aber auf Gemeinsamkeiten und bedient sich erprobter Koordinationsmechanismen. Das funktioniert wohl recht gut.

Stichwort: Soforthilfe.

Sebastian Döring: Soforthilfe – im Moment ist viel Geld da. Die Problematik fängt eher in zwei, drei Monaten an, wenn Haiti aus den Schlagzeilen ist. Dann fühlen sich Regierungen und private Spender nicht mehr so verpflichtet.

Besteht die Hoffnung, dass diese Katastrophe eine Chance darstellt, etwas Neues aufzubauen?

Sebastian Döring: Ja, man muss etwas komplett Neues aufbauen. Die einzige Option angesichts des Nichtvorhandenseins eines Staates ist es, eine Art Protektorat zu errichten, auch wenn man es nicht so nennen wird. Doch wer wird dieses Protektorat, das vom Präsidenten Haitis legitimiert werden muss, führen?

Meinen Sie jetzt, dass die UN oder ein spezieller Staat diese Schutzzone einrichten wird?

Sebastian Döring: Die UN oder die USA, das ist die Frage. Sollte es die UN werden, geht das aber natürlich auch nur mit großer finanzieller, logistischer und militärischer Unterstützung der USA. Die haben natürlich auch Interessen. Das ist gleich vor deren Haustür, eine Stunde mit dem Flugzeug weg von Miami.

Und auch nicht weit von Südamerika, oder?

Sebastian Döring: Die Brasilianer haben auch Interessen, die stellen beispielsweise das Haupt-Truppenkontingent innerhalb der UN-Friedensmission. Die Zeit wird zeigen, wer dabei die Führung übernimmt.

Inwiefern sind Sie auch persönlich vom Erdbeben betroffen?

Melanie Schreiner: Wir wissen definitiv von drei Leuten, mit denen wir Interviews geführt haben, dass sie verstorben sind. Von wem wir leider keine Nachricht haben, ist unser lokaler Fahrer, mit dem wir eigentlich jeden Tag verbracht haben.

Sebastian Döring: Wir haben natürlich versucht, den Kontakt herzustellen, aber die Telefonnetze sind abgestürzt, es gibt jetzt ein UN-internes Telekommunikations-Netzwerk, aber Privatpersonen dort zu erreichen, ist sehr, sehr schwer.

Fragen: Sebastian Brauns

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