Das Hagelunwetter vom Dienstag hat im Tägermoos Gemüse auf über 100 Hektar Anbaufläche zerstört. Sieben Konstanzer Gemüsegärtner und rund 40 Angestellte bangen um ihre Zukunft. Sie gehen von einen Umsatzverlust von 2,5 Millionen Euro aus. Auch die Spitalkellerei ist schwer getroffen: Die komplette Weinernte fällt aus.
Konstanz – Den Konstanzer Gemüsegärtnern bietet sich auf ihren Feldern im Tägermoos ein dramatisches Bild: Zehntausende Salatköpfe hat der Hagel in winzige Stücke zerhackt und diese tief in die Erde gepresst. Vom Blumenkohl sind nur die Strünke geblieben und zerdrückte Kohlrabiknollen liegen in einem Meer aus zerfetzten Blättern. Selbst Netze, die angesichts des aufziehenden Unwetters über Radieschen gespannt wurden, boten keinen Schutz. „Wir haben 100 Prozent Ausfall“, beklagt Axel Schächtle. Er spricht für sich und sechs seiner Kollegen. „So etwas gab es im Tägermoos seit Menschengedenken nicht“, sagt Peter Schächtle. Der Hagel hat nicht nur erntereifen Blumenkohl und Kohlrabi zerstört, sondern auch Kulturen, die noch bis Herbst wachsen sollten, etwa Kartoffeln und Sellerie. Die Gemüsegärtner sagen, es sei unmöglich, diese zu ersetzen. „Zum Aussäen ist es zu spät und Jungpflanzen sind nicht mehr zu bekommen.“ Bis auf den Feldern wieder etwas geerntet werden kann, dürften Wochen vergehen. Wegen des Starkregens, der nach dem Hagel einsetzte, sind die Felder so matschig, dass die Gärtner sie mit ihren Maschinen nicht befahren können.
Doch nicht nur der aktuelle Verlust schmerzt. Die Gemüsegärtner haben Angst vor langfristigen Ausfällen. „Der Kunde, den wir nächste Woche nicht beliefern können, sucht sich einen neuen Lieferanten“, sagt Axel Schächtle.
Dabei, so sagen die Gemüsegärtner, mussten sie dieses Jahr schon durch die Wirtschaftskrise Einbußen verkraften. Die Gemüsegärtner haben nach dem Hagel Erntehelfer aus dem Ausland heimgeschickt, rund 40 festangestellte Kräfte versuchen sie zu halten. Unklar ist derzeit noch, ob es eventuell Überbrückungshilfen gibt. Die Gemüsegärtner fürchten aus den Erfahrungen vergangener Wetterkapriolen, dass sie bei eventuellen Hilfen durch alle Raster fallen.
Für die Felder der Deutschen auf Schweizer Hoheitsgebiet fühle sich im Zweifel keines der Länder zuständig, berichten die Gärtner. Sie erhoffen sich mehr Unterstützung als vor zehn Jahren nach dem Hochwasser. Wer Einbußen hatte, bekam nur einen zinsvergünstigten Kredit, den er auch noch binnen eines Jahres zurückzahlen musste.
Totalausfall auch beim Wein
Auch die Konstanzer Spitalkellerei sieht ihre Existenz bedroht. Stephan Düringer, einer der beiden Pächter, blickt fassungslos auf die zerstörten Triebe am Raiteberg. „Wir haben 100 Prozent Ausfall in diesem Jahr“, sagt er. Wie hoch die Ernte im kommenden Jahr ausfällt, weiß er noch nicht: Schon jetzt waren die Knospen für 2010 angelegt. Auch sie sind kaputt. „Uns werden dieses Jahr 130 000 Liter Wein fehlen“, sagt Düringer. „Das ist eine Katastrophe.“ Die Spitalkellerei ist zwar versichert, aber das sei „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“.
Die Rebstöcke bieten ein trauriges Bild: Wenige zerfetzte Blätter hängen noch, aber die so genannten Gescheine, aus denen nach der Blüte Trauben entstehen, sind fast alle abgefallen. „Die Stöcke sind geschockt, sie brauchen erstmal zwei Wochen, bis sie sich erholen“, sagt Stephan Düringer. Und auch dann ist längst nicht klar, ob noch mal neue Triebe kommen. Da die Blätter nun fehlen, kann keine für das Wachstum wichtige Photosynthese stattfinden. „Wenn keine Triebe mehr kommen, gehen die Stöcke ganz kaputt“, so der Kellermeister. Eine Neuanlage würde 50 000 Euro pro Hektar kosten – die Spitalkellerei bewirtschaftet 18 Hektar.
Die Winzer leben immer im Bewusstsein, der Witterung hilflos ausgeliefert zu sein. „Wir können keine Hagelnetze wie die Obstbauern benutzen“, erklärt Stephan Düringer: „Die Reben brauchen die volle Sonne.“ Wie es nun weitergeht, weiß er noch nicht. Kommende Woche treffen sich die Winzer der Bodenseeregion, um sich gemeinsame Konzepte zu überlegen. Eventuell müssen Pachtverträge mit Winzern aus anderen Regionen geschlossen werden. „Irgendwann haben wir einfach keinen Wein mehr im Keller“, so Düringer. „Darauf müssen wir vorbereitet sein.“
An öffentlichen Gebäuden hat der Hagel laut einer Pressemitteilung der Stadt kaum Schäden angerichtet. Finanzielle Folgen seien noch nicht klar.
Viele Bilder und Texte zum Hagel:
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