Konstanz Erinnerung an unsägliches Leid

„Mensch sein, heißt verantwortlich sein“: Dieser Satz steht auf den Gedenkstelen für ehemalige KZ-Häftlinge, die am Sonntag auf der Mainau enthüllt wurden. Damit stellt sich die Mainau einer dunklen Seite ihrer Geschichte

Der französische Botschafter in Deutschland Maurice Gourdault-Montagne (links) enthüllt mit den Geschwistern Bettina und Björn Bernadotte auf der Blumeninsel Mainau ein Erinnerungszeichen an ehemalige KZ-Häftlinge. Auf einer vorgelagerten Tafel sind die Namen von einer Frau und 24 Männern aufgeführt, die nach ihrer Befreiung aus dem KZ Dachau auf der Insel Mainau starben. Historiker gehen derzeit von 33 Gestorbenen aus. Von acht reichen die biografischen Daten noch nicht für eine gesicherte Erkenntnis aus.
Der französische Botschafter in Deutschland Maurice Gourdault-Montagne (links) enthüllt mit den Geschwistern Bettina und Björn Bernadotte auf der Blumeninsel Mainau ein Erinnerungszeichen an ehemalige KZ-Häftlinge. Auf einer vorgelagerten Tafel sind die Namen von einer Frau und 24 Männern aufgeführt, die nach ihrer Befreiung aus dem KZ Dachau auf der Insel Mainau starben. Historiker gehen derzeit von 33 Gestorbenen aus. Von acht reichen die biografischen Daten noch nicht für eine gesicherte Erkenntnis aus. | Bild: schutzbach

Drei Stelen aus bretonischem Granit erinnern jetzt auf der Insel Mainau an ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau. Die gepeinigten Franzosen waren nach der Befreiung durch die Amerikaner auf die Insel gebracht worden, um sich zu erholen. Einigen von ihnen konnte jedoch auch die gute medizinische Versorgung vor Ort nicht mehr helfen.

Nach über 67 Jahren enthüllten der französische Botschafter in Deutschland Maurice Gourdault-Montagne, die Geschwister Gräfin Bettina und Graf Björn Bernadotte drei Stelen, die der Trikolore nachempfunden sind, wie die Flagge Frankreichs genannt wird. „Etre homme, c'est précisément être responsable“ (Mensch sein, heißt verantwortlich sein) steht auf dem mittigen Hauptstein. Dieses Zitat des französischen Schriftstellers Antoine de St. Exupéry, der selbst während des Zweiten Weltkriegs als Flieger ums Leben kam, sei für die Nachgeborenen der Auftrag, nicht an Unrecht und Ausbeutung teilzunehmen und sich stattdessen dagegen aussprechen, forderte Gräfin Bettina in ihrer Rede. „Wir müssen für unsere Handlungen und Unterlassungen Verantwortung übernehmen“, ergänzte sie.



Blick in die Vergangenheit
  • Im Jahr 1932 machte der Schwede Lennart Bernadotte die Insel Mainau zu seinem Wohnsitz. Noch vor Kriegsbeginn 1939 verließ er die Insel und ging mit seiner Familie in das sichere Schweden. Während des Krieges hatten das Rüstungsministerium (Organisation Todt) und das Auswärtige Amt vor, die Mainau als Erholungsheim für Offiziere und Industrielle beziehungsweise als Unterschlupf für französische Kollaborateure zu nutzen. Diese Engagements kamen nicht oder nur kurz zustande.
  • Mit dem 26. April 1945 begann für Konstanz und Umgebung eine neue Ära, als sie Teil der französischen Besatzungszone wurden. Mitte Mai 1945 wurden die Inseln Mainau und Reichenau geräumt und für die Unterbringung und Erholung von aus dem Konzentrationslager Dachau (nordwestlich von München) befreiten französischen Häftlingen ausgewählt. Insgesamt kamen mehrere tausend Häftlinge an den Bodensee, davon die meisten auf die Reichenau.
  • Doch für 33 von ihnen kam jede Hilfe zu spät. Trotz guter Pflege starben sie während ihres Aufenthaltes auf der Mainau und wurden zunächst am Ostufer der Insel auf einem provisorischen Gräberfeld begraben. Lennart Bernadotte veranlasste nach seinem ersten Besuch der Insel nach Kriegsende, dass die Toten auf den Konstanzer Hauptfriedhof umgebettet wurden. Zwischen 1947 und 1949 wurden die sterblichen Überreste nach Frankreich überführt.
 

Etliche Gäste lobten die Rede Gräfin Bettinas als kritische Auseinandersetzung mit ihrem verstorbenen Vater Graf Lennart. Eine Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus die im Mainau-Lazarett gestorben waren, habe außerhalb seiner Vorstellungswelt gelegen, sagte sie. „Zurückzuschauen lag nicht in seinem visionären Naturell“, erklärte sie. Wie viele Millionen Deutsche habe ihr schwedischer Vater nur nach vorne schauen wollen. „ Im Sinne einer ausgewogenen historischen Betrachtungsweise, solle nicht vergessen werden, dass die vielfache öffentliche Würdigung von NS-Opfern „eine Einstellung unserer Zeit ist“, mahnte Gräfin Bettina.

„So ein Denkmal lädt ein, auch über das Unrecht in heutiger Zeit nachzusinnen“, erinnerte Graf Björn. Maurice Gourdault-Montagne sagte, dieses Zeichen sei wichtig für unsere Erinnerung. „Man kann sie nicht genug betonen“, erklärte er. Die Vorgänge in dieser Zeit sollte man nicht auf sich beruhen lassen, da sie wieder auferstehen könnten. Die Erinnerung sei nicht rückwärtsgewandt, sondern sie könnte helfen „eine Rückkehr in die Barbarei zu verhindern“, erläuterte der französische Botschafter. Der baden-württembergische Europa-Minister Peter Friedrich nannte die deutsch-französische Freundschaft einen Glücksfall und ein Wunder. „Krieg, Hass und Tyrannei dürften sich nie wiederholen“, forderte er.

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