Besonders beglückend war der Blick der CDU auf die Stadt Konstanz lange nicht: 1996 erringt hier zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte ein Grüner eine Oberbürgermeisterwahl und wird 2004 wiedergewählt. Seit 1999 verliert die Partei von Wahl zu Wahl Sitze im Gemeinderat der Stadt; 2009 muss sie sich mit mageren 22,2 Prozent zufrieden geben. Acht Männer, überwiegend im fortgeschrittenen Alter, sitzen für die Christdemokraten noch im 40-köpfigen Gemeinderat, nachdem ein profiliertes Mitglied die Fraktion verlassen hat – aus Wut über die Krankenhaus-Politik seines Parteifreundes, des CDU-Sozialbürgermeisters Claus Boldt. Und dann noch das Schreckensjahr 2011: Überraschend verliert der langjährige CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Hoffmann sein Mandat an den grünen Mitbewerber Siegfried Lehmann und findet sich nicht einmal auf harten Stuttgarter Oppositionsbänken, sondern im erlernten Beruf als Sozialversicherungsfachangestellter wieder.
Die Deutung weit über die Konstanzer CDU hinaus lautete: In den Universitätsstädten Baden-Württembergs sei kein Terrain mehr zu gewinnen. Immerhin waren auch in Freiburg 2002 und Tübingen 2007 grüne Rathauschefs gewählt worden, Dieter Salomon und Boris Palmer. Doch jetzt, im Herbst 2012, schöpft die Basis wieder etwas Mut. Am 15.
Juli hat ein CDU-Mitglied die Oberbürgermeisterwahl gewonnen: Uli Burchardt, zuvor Unternehmensberater in Radolfzell, ein Quereinsteiger ins politische Geschäft, der sich in der Partei nicht hochdienen musste wie so viele andere, die als Ortsvorsitzende der Jungen Union anfangen und, wenn alles gut läuft, nach Jahren oder Jahrzehnten ein Mandat bekommen.
Die Wahl in Konstanz, auch das wird man in Stuttgart beobachtet haben, war zudem von einer anderen Frage dominiert: Welcher Kandidat, welche Kandidatin schafft es am besten, die heterogene Wählerschaft eines Gemeinwesens anzusprechen, das mehr kleine Großstadt ist als große Kleinstadt? Auch hier konnte Burchardt punkten, wie Forscher der Universität bei einer auf OB-Wahl-Ebene bisher einmaligen Erhebung am Tag des ersten Wahlgangs herausfanden. Am Ende siegte er deutlich über seine beiden schärfsten Konkurrentinnen – die eine mit klar grünem Profil, die andere Verwaltungsexpertin.
Dass Burchardt nun schon für das neue Gesicht der Südwest-CDU steht, gilt keineswegs als ausgemacht. Im Mappus-Flügel, aber nicht nur dort, gelten Karrieren wie die Uli Burchardts noch immer als suspekt; von den Inhalten ganz zu schweigen. Und Burchardt selbst versteht sich nicht primär als Parteipolitiker: In den ersten Amtswochen hat er in den Augen vieler Beobachter die Aufgabe nicht nur sehr geschickt angenommen, sondern auch Offenheit in alle Richtungen ausgestrahlt.
Die Strategie, einen Grünen mit bürgerlichem Einschlag (wie Horst Frank es zweifellos war) einfach durch einen Bürgerlichen mit grünem Einschlag (wie Burchardt sich im Wahlkampf präsentierte) zu ersetzen, ist jedenfalls nicht die alleinige Lehre aus Konstanz. Dem CDU-Bundestagsabgeordneten und Südbaden-Vorsitzenden Andreas Jung ist am Wahlabend aber doch ein Stein vom Herzen gefallen, als Burchardt mit 39,1 Prozent gewann und das Projekt Quereinsteiger glückte. In der Landes-CDU schaut man wieder etwas beglückter auf die Stadt. Auch Trost könnte das Beispiel aus Konstanz der CDU im Land bald spenden: In den Umfragen zur Stuttgarter OB-Wahl liegt Sebastian Turner hinter dem Grünen Fritz Kuhn zurück.
Konstanz hat einen neuen Oberbürgermeister gewählt: Uli Burchardt setzte sich im zweiten Wahlgang mit 39,1 Prozent der Stimmen deutlich gegen seine Mitbewerberinnen Sabine Reiser und Sabine Seeliger durch. Lesen Sie alles zu Uli Burchardt in unserem Themenpaket.
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