Mein
 

Konstanz Er ist einer der bekanntesten Forscher an der Uni Konstanz: Wie Axel Meyer die Lotterie des Lebens erforscht

Genome zu lesen, ist das eine. Sie zu verstehen, das andere. Kaum jemand kennt sich in diesem Bereich besser aus als Axel Meyer, Biologie-Professor an der Universität Konstanz. Wie er arbeitet, erzählt er am Dienstag, 14. April, im Café Voglhaus. Und warum das wichtig ist, steht auch in seinem Buch, das in Juni erscheint. Es dürfte einige Debatte auslösen.

Die Faszination war früh geweckt. Der Quastenflosser, das lebende Fossil. Der Fisch, der seit Jahrmillionen ausgestorben sein sollte und dennoch 1938 als quicklebendige Art entdeckt wurde. Der Krimi, den die Wissenschaft schrieb, um dieses urtümliche Lebewesen genauer kennenzulernen, mit einer Militäraktion und Steckbriefen. Als er davon las, war es um Axel Meyer geschehen. Der Aquarienfan würde Wissenschaftler werden.

Heute sitzt er im M-Gebäude auf dem Gießberg und ist eines der internationalen Aushängeschilder der Universität Konstanz, veröffentlicht regelmäßig in den weltweit angesehensten Fachjournalen ebenso wie er gerade ein Buch für das breite Publikum abschließt. Das Thema hat das Zeug, eine ähnlich breite Debatte auszulösen wie 2006 das „Lob der Disziplin“ des früheren Salemer Schulleiters Bernhard Bueb oder 2010 Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Denn es geht darum, wie stark die Menschen durch ihre Gene bestimmt sind und warum Frauen und Männer nicht so gleich sind, wie es die Gender-Debatte glauben machen will.

Meyers Ansatz dabei ist es, gesellschaftlich relevante Fragen mit belegbaren naturwissenschaftlichen Fakten zu bereichern. Denn immerhin sei es unter Fachleuten unumstritten, dass Intelligenz zu einem Gutteil schon in den Genen stecke und dass Erziehung, Ernährung oder Kultur nur begrenzten Einfluss darauf hätten, was aus einem Menschen werde. „Lotterie des Lebens“ nennt Axel Meyer das und der Biologe und Evolutionsforscher verhehlt nicht, dass er das Faktenwissen auch in vielen medial geführten Debatten vermisst. Daher also das Buch mit dem Titel „Adams Apfel und Evas Erbe“. Am 15. Juni erscheint es.

Wenn es um Fakten gehen soll statt um Ideologien, braucht es den Anschluss an aktuelle Forschungsergebnisse – und Axel Meyer ist eben nicht in erster Linie Autor, sondern Grundlagenforscher. Das Erbgut als Basis des Lebens hat ihn schon beim Quastenflosser fasziniert, der ihn durch seine ganze Wissenschaftskarriere begleitet hat. An Buntbarschen in den Seen junger Vulkankrater in Nicaragua und in Afrika erforscht er mit seinem Team, wie neue Arten entstehen, wie die Lotterie des Lebens immer neue Weichen stellt. Die Analyse des Biomoleküls DNA, der Doppelhelix, ist dabei der Dreh- und Angelpunkt und Meyers Arbeit ist eng verwoben mit dem technischen Fortschritt, der es nun erlaubt, ganze Genome zu analysieren. DNA-Sequenziermaschinen und mächtige Computer ermöglichen heute auch den Konstanzer Uni-Labors die Entschlüsselung jenes Codes, der so viel über Vergangenheit und Zukunft aussagt.

Dass solche Grundlagenforschung ein Privileg einiger weniger Staaten ist, bestreitet Meyer nicht, „denn es geht uns ja nicht darum, Krebs oder Aids zu heilen“. Aber je besser das Wissen über das Erbgut ist, je genauer wir die Regeln in der Lotterie des Lebens kennen, desto größer sind für Meyer die Chancen, an den richtigen Stellen einzugreifen – zum Beispiel durch komplett individualisierte Medikamente, die gezielt einem bestimmten Patienten mit seinen bestimmten Veranlagungen bei seiner bestimmten Krankheit helfen. Und ja, sagt Axel Meyer, die Genomforschung wirft auch zutiefst ethische Fragen auf, gerade in Deutschland mit seiner Vergangenheit. Meyer entgegnet als Wissenschaftler: „Wo kämen wir hin, wenn wir aus Angst vor den Antworten keine Fragen mehr stellen würden?“

Die wohl spannendsten dieser Fragen kreisen um die Epigenetik – da geht es nicht mehr um die klassische Vererbungslehre, wie man sie in der Schule gelernt hat. Sondern um eine biologische Ebene über der DNA selbst nämlich, wie Umwelteinflüsse und Psychologie die DNA verändern können. Und da wird die Grundlagenforschung dann ganz schnell wieder sehr anschaulich: Derzeit heiß diskutierte Fragen sind zum Beispiel, ob Homosexualität erblich ist und welche Rolle die Ernährung von Eltern und Großeltern für die Kinder und Enkel hat. Wer hier mitreden will, ist Axel Meyer überzeugt, muss sich die Mühe machen und wissenschaftliche Grundlagen lernen. Die aber, ist der Konstanzer Uni-Professor überzeugt, sind mindestens so faszinierend wie der Quastenflosser. So schließt sich der Kreis von einem urtümlichen Fisch zu modernen Gen-Analysen.

 

Axel Meyer, seine Forschung und „Ausgesprochen: Wissenschaft“

Als 47. Gast kommt am Dienstag, 14. April, um 20 Uhr der Evolutionsbiologe Axel Meyer zu „Ausgesprochen: Wissenschaft“

Der Gast: Axel Meyer (54) ist seit 1997 Professor am Lehrstuhl für Zoologie/Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz. Er studierte in Marburg und Kiel und kam 1982 zum ersten Mal in die Vereinigten Staaten, wo er dann für fast 16 Jahre lebte. Dort erwarb er seinen Doktortitel. Er studierte und arbeitete unter anderem an den renommierten Universitäten University of California (Berkeley), Harvard und New York (Stony Brook). Mehrere Gastprofessuren führten ihn zurück in die USA und nach Kanada. Meyer hat zahlreiche Preise erhalten, auch für seine Vermittlung von Forschungsergebnissen in die Öffentlichkeit und ist auch als Autor in Zeit oder FAZ bekannt. Am 15. Juni erscheint sein Buch „Adams Apfel und Evas Erbe: Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer“ (C. Bertelsmann, 19,99 Euro).

Die Forschung: Axel Meyers Schwerpunkt sind Fragen der Genomforschung, wobei er aus seiner Forschung an Fischen auch allgemein gültige Erkenntnisse gewinnt. Im Kern steht die Frage, wie neue Arten entstehen, welche Prozesse dabei wirken und welche genetischen Unterschiede Arten trennen. Im Zentrum steht die Sequenzierung von Erbgut, also die Bestimmung der Abfolge der genetischen Grundbausteine. Axel Meyers wissenschaftliche Arbeit und Laufbahn ist eng verschränkt mit den Durchbrüchen in dieser Technik. Er zählt zu den meistzitierten Evolutionsbiologen weltweit. Das Magazin Cicero nahm ihn in die Liste der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands auf.

Die Reihe: Bei „Ausgesprochen: Wissenschaft“ am Dienstag, 14. April, berichtet Axel Meyer im Gespräch mit Jörg-Peter Rau über seine Arbeit und warum sie wichtig ist. Der Eintritt zur Veranstaltungsreihe von Universität, HTWG und SÜDKURIER ist frei. Die Türen des Café Voglhaus (Wessenbergstraße 8, Konstanz-Altstadt) werden pünktlich um 20 Uhr geöffnet.

Alles über die Veranstaltungsreihe unter: www.ausgesprochen-wissenschaft.de

Exklusive Lieblinge aus unserer limitierten SEEStück-Kollektion für echte See-Liebhaber jetzt auf SÜDKURIER Inspirationen entdecken!
Mehr zum Thema
Ausgesprochen: Wissenschaft: „Ausgesprochen: Wissenschaft“ ist ein gemeinsames Angebot von SÜDKURIER, Universität und HTWG Konstanz. In einem dreiviertelstündigen Dialog erklären Spitzenforscher aus den Hochschulen der Stadt allgemeinverständlich, woran sie arbeiten.
Wahre See-Liebe – Neue SEEStücke auf SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren