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Konstanz Epochale Entscheidung: Konstanz bekommt einen komplett neuen Stadtteil

Befreiungsschlag gegen die Wohnraumnot: Der Gemeinderat hat den Weg frei gemacht für die Bebauung von 60 Hektar Land am Rand von Wollmatingen. Das Ziel sind mindestens 2500 Wohnungen für 4000 Einwohner oder mehr. Hinter den Beschluss vom Donnerstag wird niemand mehr zurück können.

21. Juli 2016, 17.19 Uhr: Alle Hände gehen nach oben, als der Gemeinderat über eine Frage abstimmen soll, die bürokratisch klingt und für die Menschen in der Stadt doch von zentraler Bedeutung ist. Ohne Enthaltungen und Gegenstimmen fällt der Beschluss, dass eine vorbereitende Untersuchung für die Entwicklung des Areals Nördlich Hafner am Rande Wollmatingens gestartet wird.

Damit macht der Rat einmütig den Weg frei für die größte Erweiterung, die die Stadt seit den 1960er-Jahren erleben wird. Auf 60 Hektar Fläche sollen nach Abschluss von Planung und Bau bis zu 4000 Menschen wohnen. Neue Straßen und Buslinien, ein neuer Kindergarten, ein Quartierszentrum und vielleicht sogar eine komplett neue zusätzliche Schule sind damit ebenfalls fest vorgezeichnet.

Die Tragweite des Beschlusses ist allen, die an diesem Donnerstagnachmittag eine Entscheidung zu treffen haben, bewusst. Gleich mehrfach fällt das Wort "historisch", es ist vom "Befreiungsschlag" gegen die Wohnraumnot die Rede, vielfach wird der Wunsch geäußert, dass der Weg zum neuen Quartier gemeinsam mit den Grundstückseigentümern beschritten wird.

Denn weil viele von ihnen bisher wenig Verkaufsbereitschaft gezeigt haben, greift Konstanz mit dem Beschluss vom Donnerstag zur so genannten städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme. Sie bedeutet im Kern: Wer mitzieht, ist im Boot und kann mitgestalten; wer aber nicht will, wird mitgezogen.

Auch die Freie Grüne Liste, die die Außenentwicklung wegen des Flächenverbrauchs lange Zeit kategorisch abgelehnt hatte, stimmte für das Hafner-Projekt. Peter Müller-Neff erinnerte an den hohen ökologischen Wert des Areals, betonte aber die "Notwendigkeiten." Roger Tscheulin (CDU) sprach von einem "Meilenstein" und erklärte, auch Privateigentum müsse dem Gemeinwohl dienen.

Hier wird gebaut: Nördlich von Wollmatingen (gut zu erkennen die Kirche) schließt sich der Hügel namens Hafner an, und an den Hängen und in der Senke nördlich der Kuppe entstehen Wohnungen und Gewerbebetriebe.
Hier wird gebaut: Nördlich von Wollmatingen (gut zu erkennen die Kirche) schließt sich der Hügel namens Hafner an, und an den Hängen und in der Senke nördlich der Kuppe entstehen Wohnungen und Gewerbebetriebe. | Bild: Plessing


Dennoch könne es im Extremfall auch Enteignungen geben. Jürgen Ruff (SPD) erklärte, die Außenentwicklung sei "unter OB Frank zum Tabu-Thema" gemacht worden. Die Diskussion um den Schwaketenwald habe erst für den nötigen Schwung gesorgt, am Hafner das jetzt gefundene Tempo vorzulegen. Wie viele andere Stadträte forderte auch er, die Bürger müssten eng mit eingebunden werden. Der Schwerpunkt müsse auf dem Geschosswohnungsbau liegen, um so viel Wohnraum wie möglich zu schaffen.

Der Hafner werde die Wohnungsnot nicht auflösen, gab Jürgen Faden (Freie Wähler) zu bedenken, "wir werden nicht umhinkommen, auch das Thema Stadtwald noch einmal anzufassen." Johannes Hartwich (FDP) lobte den von der Verwaltung eingeschlagenen Weg, das neue Quartier so lange wie möglich mit den Grundstückseignern voranzubringen und nicht gegen sie. Er mahnte: "Wir verlieren viel Zeit, wenn wir nicht sofort anfangen." Thomas Buck (Junges Forum) wollte wissen, ob nicht gleich der Bettenberg dazugenommen werden könne, was Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn mit Blick auf den Bund als Besitzer und den Naturschutz verneinte. Anke Schwede (Linke Liste) forderte, mindestens 50 Prozent der neuen Wohnungen am Hafner müssten Sozialwohnungen sein.

Neues Quartier Hafner

  • Die Zahlen: Am Hafner will die Stadt Konstanz auf 60 Hektar Fläche (zum Vergleich: die gesamte Mainau ist 45 Hektar groß) bis zu 2500 neue Wohnungen ermöglichen. Das Gelände besteht aus rund 600 einzelnen Grundstücken, die zumeist im Streubesitz sind. Die nun angestoßene städtebauliche Entwicklungsmaßnahme erlaubt eine Bebauung auch gegen den Willen der Eigner, die Gewinne werden an diese nach Abzug der Kosten für Erschließung und Infrastruktur aber in jedem Fall anteilig ausgeschüttet.
  • Die Zukunft: "Das ist eine kernige Aufgabe, einen neuen Stadtteil in so kurzer Zeit aufzugleisen und die Bürger dabei mitzunehmen", sagte OB Burchardt. Die rechtlich erforderliche vorbereitende Untersuchung soll etwa ein Jahr dauern, dann wird die Entwicklungsmaßnahme formal beschlossen. In fünf Jahren könnten die Bauarbeiten starten. Fertig ist das neue Quartier keinesfalls vor 2025. Für Bürger gibt es Zukunftswerkstätten und weitere Beteiligungsmöglichkeiten. (rau)
Die Video-Podcasts zur Sitzung des Gemeinderats sind auf den Seiten der Stadt Konstanz verfügbar.

 

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