Konstanz Entrüstung über die Rüstung am Bodensee
Viel Andrang: Jürgen Grässlin (li.) und Hans-Peter Koch sprechen über Rüstung. Bild: Hanser
Eigentlich sollte es unter dem Titel „Das blutrote Schwäbische Meer“ eine kontroverse Debatte über Rüstungsindustrie am Bodensee geben. Doch die eingeladenen Vertreter betroffener Unternehmen sagten alle ab. Laut dem Journalisten und Moderator des Abends, Hans-Peter Koch, hält Tognum mit Standort in Friedrichshafen seine Rüstungssparte für zu klein, um solch einer Debatte beizuwohnen. Und der ebenfalls in Friedrichshafen ansässige Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS lässt wissen: „Wir sind der Ansicht, dass das Bild der EADS Deutschland GmbH/Cassidian in der breiten Öffentlichkeit in der Bodenseeregion keiner Korrektur bedarf.“
So blieb Hans-Peter Koch und dem bekannten Rüstungsgegner Jürgen Grässlin nichts anderes übrig, als das ohnehin schon gut informierte (und im Schnitt sehr junge) Publikum in der Werkstatt des Stadttheaters noch weiter über die Waffenschmiede Bodensee aufzuklären. Dies tat Jürgen Grässlin, ausgezeichnet mit dem Aachener Friedenspreis, nach einer Lesung der Schauspielerin Julia Philippi. Sie gab einen Einblick in die Erlebnisse der Bundeswehrsoldatin Daniela Matijevic, die hochtraumatisiert aus dem Kosovo zurückkehrte. Auch Grässlin hatte eindrückliche Bilder dabei. Loch im Kopf, fehlender Unterschenkel, Kindersoldaten. Die Zuhörer lernten, dass Deutschland zwischen 2006 und 2010 elf Prozent der Waffen weltweit lieferte und damit hinter den USA und Russland auf Platz drei im Export lag. Und sie lernten, welche Unternehmen rund um den See in das Waffengeschäft eingebunden sind. Jürgen Grässlin glänzte einmal mehr mit Detailwissen.
Schade war nur, dass die Einordnung der regionalen Zusammenhänge etwas kurz ausfiel. Die Kooperation des Ellenrieder-Gymnasiums und der Uni Konstanz mit EADS wurde zwar aus dem Publikum kritisiert, aber die Debatte ging nicht ins Detail. Jürgen Grässlin erhielt immerhin viel Beifall für seine Aussage: „Schulen sind meist staatlich finanzierte Bildungseinrichtungen, da haben Rüstungsfirmen so gar nichts drin verloren.“ Ellenrieder-Schulleiter Peter Beckmann saß im Publikum, mischte sich aber nicht ein.
Dafür ergriff der emeritierte Politikprofessor Peter Grottian aus Berlin das Wort: „Aus diesem Abend muss ziviler Ungehorsam hervorgehen, um die Rüstungsindustrie lahmzulegen – auch am Bodensee“, forderte er. Über das Vorgehen war sich das Publikum uneinig. Die „Aktion Aufschrei – stoppt den Waffenhandel“ hat dafür schon einen konkreten Plan auf anderer Ebene. „Wir wollen das Grundgesetz ändern“, sagt Grässlin. Künftig soll darin stehen: „Kriegswaffen und Rüstungsgüter werden grundsätzlich nicht exportiert.“ Der Abend ging nach zwei Stunden nur zu Ende, weil feuerrechtliche Bestimmungen dies erforderten. Diskussionsbedarf hatte das Publikum noch zuhauf.
