Mein

Konstanz Elite hat viele Gesichter

Zwei Jahre nach dem ersten Exzellenz-Zuschlag für die Universität Konstanz beginnt sich die Elite-Struktur zu etablieren. Am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ forschen rund 70 Menschen an Themen der Vergangenheit und der Gegenwart. Es geht um alte Heiratsurkunden, die Rolle von Madonna für türkische Mädchen und die Zukunft des Sozialstaats. Eine Bestandsaufnahme.

Konstanz – Der Weg zur Elite ist so einfach gar nicht zu finden. Durch Innenhöfe und Treppenhäuser müssen sich die Besucher der Universität Konstanz arbeiten, wenn sie in das vielleicht bekannteste Gesicht des neuen Exzellenz-Glücks schauen wollen.

Rudolf Schlögl sitzt in einem dieser typischen Professoren-Büros voller Bücher und hat schnell eine Antwort parat, wenn es darum geht, das sperrige Wort „Exzellenzcluster“ zu deuten. Im Cluster, sagt er, arbeiten außerordentlich begabte Forscher zusammen, die jeder aus seiner Sicht am Thema Integration dran sind – „geisteswissenschaftliche Verbundforschung“ heißt das im Jargon der Wissenschaftspolitik. Breit in der Themenwahl, aber verpflichtet auf bestimmte Methoden; offen, aber nicht beliebig; frei, aber ergebnisgetrieben – so sieht Schlögl sein Cluster. Drei Professuren sind dafür geschaffen worden, viele Fachbereiche haben sich mit ihren vorhandenen Ressourcen eingebracht und im Gegenzug vom Cluster Personal und Freistellungen erhalten. Gerade die Zeit zum Forschen und Bücherschreiben ist Schlögl wichtig – nicht nur für sein eigenes Projekt, in dem er sich mit den Transformationen des Religiösen zwischen 1730 und 1850 auseinandersetzt, sondern auch für seine Kollegen im Cluster. Die Ergebnisse, sagt der international umworbene Clustersprecher, „werden in einer breiten Wissenschaftsgemeinde wahrgenommen.“

Der Beweis für Schlögls These trägt den Namen Kees van Kersbergen. Sein Büro im ersten Stock der Bischofsvilla am Seerhein hat er inzwischen wieder geräumt – und aus Konstanz nimmt der Politologe und Soziologe mehr mit als Erinnerungen an die Fastnacht und den schönen Blick auf die Altstadt. Als erster Gastwissenschaftler am Cluster hat er seinen zehnmonatigen Aufenthalt am Bodensee dafür genutzt, ein Buch über Religion, Klassengesellschaft und den Wohlfahrtsstaat zu schreiben. Verlegt wird es beim renommierten Verlag Cambridge University Press – so strahlt Konstanz in die wissenschaftliche Welt hinaus. „Hier hatte ich Zeit, mich niederzusetzen und den Freiraum, aus Gedankensträngen ein Buch zu formen“, sagt Kersbergen. Er wird seine guten Erfahrungen weitertragen und Konstanz als einen Ort für Spitzenforschung etablieren, „auf jeden Fall“, wie Kersbergen beteuert.

Von der weltweiten Wahrnehmung ihrer Forschung ist Yasemin Soytemel noch weit entfernt. Doch zum Grundthema das Clusters, „Kulturelle Grundlagen von Integration“ steuert sie einen offensichtlichen und praxisbezogenen Beitrag bei: Die 30-Jährige schreibt ihre Doktorarbeit über identifikationsstiftende Vorbilder deutsch-türkischer Jugendlicher. Mit zahllosen Berliner Mädchen aus türkischen Migrantenfamilien hat die junge Forscherin gesprochen – und eine erstaunliche Erkenntnis mitgenommen: „Madonna steht ganz hoch im Kurs“. Denn als sie mit den Mädchen sprach, schien der US-Popstar Karriere und Familie besonders gut in Verbindung zu bringen. Welchen Rat an die Politik sie aus ihrer Forschung ableiten würde, die immerhin eines der Grundprobleme der deutschen Gesellschaft anspricht? „Man muss sich vor allem um die deutsch-türkischen Jungen kümmern“ – denn diese, hat Soytemel herausgefunden, sind so disparaten Erwartungen ausgesetzt, dass das Risiko des Scheiterns besonders groß ist.

Handlungsempfehlungen für die Politik kann Petra Oberrauch noch nicht bieten – aber sie arbeitet daran und kann dank der Cluster-Gelder ein Praktikum im Kosovo machen. Die 24-jährige Politologin stammt aus Südtirol, hat bisher in Florenz studiert und macht jetzt ihren Master in Konstanz. Im Cluster, sagt sie, sind all die Fragestellungen auf der Tagesordnung, die für sie wichtig sind. Zum Beispiel, wenn es um nationale Identitäten und den Zusammenhalt einer Gesellschaft geht – „und dass Integration gerade im Kosovo ein Riesenthema ist, versteht sich wohl von selbst.“

Der Blick in fremde Kulturen führt Hannes Krämer nicht in die geographische Ferne, sondern in eine fremde Welt mitten in Europa: Der 28-Jährige erforscht in seiner Doktorarbeit, wie in Werbeagenturen kreative Leistungen erzeugt werden – hier geht also nicht im Integration von ethnischen Gruppen, sondern um die Wechselwirkungen zwischen Phantasie und Ökonomie, die Begegnung zweier Welten, die ganz unterschiedlichen Gesetzen verpflichtet sind. Nach dem Studium in Essen kam er nach Konstanz „weil die Arbeitsbedingungen hier sehr gut sind.“ Ob er selbst in der Branche irgendwann Fuß fassen will? Krämer weiß es noch nicht, erst einmal steht die Promotion an – ein Vorhaben, das innerhalb des Clusters durch organisierte und spontane Gesprächsrunden immer wieder auf den Prüfstand kommt. Und das, sagt Krämer, ist auch genau richtig: Im Team entstünden die besten Ideen.

Fast wörtlich das gleiche sagen Gabriela Signori und Christof Rolker. Die Professorin und ihr Assistent haben sich gemeinsam einem Thema verschrieben, das geradezu perfekt nach Konstanz passt. Den beiden Cluster-Forschern geht es um Integrationsprozesse in der spätmittelalterlichen Stadt. Sie untersuchen, wie sich Familien durch Umzüge und Heiraten verändert und dabei immer Neues in ihr Leben integriert haben. Sie untersuchen Ausgrenzung und Einbeziehung von Frauen, von Juden, von Zugezogenen – und ihre Quellen liegen zu einem Teil direkt vor der Haustür: Auch im Konstanzer Stadtarchiv gehen die beiden ein und aus. Jedes Mal freuen sie sich über die gute Organisation von aufbewahrten Verträgen, Testamenten und Registern. Signori und Rolker sind sich deshalb sicher, auf einem in Deutschland bislang wenig beachteten Feld substantiell Neues entdecken zu können und die Brücke von Zürich über Basel und Straßburg auch nach Konstanz schlagen zu können. Und auch die Stadt wird etwas zurückbekommen, sagen die Forscher: In einer breiten Öffentlichkeit wollen sie von ihren Ergebnissen berichten und so die Konstanzer Identität weiterentwickeln.

Der Zusammenhalt von Teilen in einem systemischen Ganzen – eine der vielen Definitionen des Begriffs „Integration“ ist auch für Bernhard Kleeberg die entscheidende Fragestellung. Der Wissenschaftshistoriker wird immer dann stutzig, wenn in Dokumenten vor allem aus dem 19. Jahrhundert Begriffe auftauchen wie „soziale Physik“. Denn genau hier setzt seine Forschung an. Wie sich Geistes- und Naturwissenschaften aus einem integrierten Ganzen auf eigene Wege begeben haben. Wie die Sozialwissenschaften entstanden sind. Welche naturwissenschaftlichen Erkenntnismittel – etwa thematische Landkarten zu Einkommensverteilung oder Lebenserwartung – und geisteswissenschaftlichen Fragen sie mitbringen. Kaum, sagt der 36-Jährige, hätte er während seines Studiums in Konstanz gedacht, dass er an den Bodensee zurückkommen würde. Nach Stationen in Berlin und Gießen hat es doch geklappt – „ganz klar wegen des Clusters.“

So fügt sich das Bild. Das mittelalterliche Konstanz und das heutige Berlin, Wissenschaftsgeschichte und Werbeagenturen, Bischofsvilla und Gießberg – die Welt der Wissenschaft ist groß. Und das Cluster schafft so etwas wie die Grundlage für die Integration all dieser Ansätze. Es ist eine gewiss in weiten Teilen finanzielle Basis, aber auch eine kulturelle.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Hervorragende Weine vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren