KonstanzEin musikalisch-poetisches Geschwisterpaar [0]
Der Bankier Abraham Mendelssohn und seine Gattin Lea hatten in Berlin, Leipziger Straße 3, ein standesgemäßes Wohnhaus, aber dazu ein Gartengebäude, in dem über zwanzig Jahre lang die in der Preußenmetropole berühmten Sonntagsmusiken stattfanden. Da produzierten sich die musikalischen Wunderkinder und späteren Kunstgrößen der Familie. Im Wolkenstein-Saal konnte man in einem langen Konzert sich in der Illusion wiegen, einer solchen Altberliner Sonntagsmusik beizuwohnen. Denn erstens wurde nicht nur die Musik des ruhmreichen Felix, sondern auch die seiner kaum minder begabten und werkereichen Schwester Fanny musiziert, zweitens mit leicht drahtigem Flügelschlag eine Spur von historischem Altklang geboten, drittens ein Musizierstil gewählt, der dem Berliner Stil samt einer Prise Meyerbeer vortrefflich zu entsprechen schien. Das Programm war üppig: Mit Zugabe 26 Musiknummern (acht von Fanny), dazwischen jeweils mindestens zwei Textpartien, die Briefe der Geschwister, aber auch von Vater und Mutter, und Passagen von Heinrich Heine zitierten. Die Sopranistin Barbara Ulricca Theler las stehend die weiblichen Botschaften mit deutlicher, leicht theatralisch betonender Stimme. Der Pianist Paul Gulda überbrachte die Texte sitzend, dynamisch wie mit einem stimmlichen Piano-Forte gelesen. Das Musizieren auf den berühmten „Flügeln des Gesanges“ hatte seine Spannung und Köstlichkeit. Spannung: Fannys Künste erreichten die romantische Emotion der Felix-Musiken, hatten reiches Melos, stets mehr Ton als Wort und farbige Klavier-Ornamente. Köstlichkeit: Die Sängerin verstand es vom Goetheschen Wander- bis zum Geibelschen Gondellied, Fannys Lieder mit behutsam aufwändigem Opernton trotz strophischer Form von aller Volkston-Simplizität zu befreien. Schien hier ein hohes Forte zu opulent fürs Gartenhaus, dort eine rezitativische Tönung (etwa in Heines „Verlust“) zu oratorisch, so hatte derlei Kehlkopf-Inszenierung durchaus seine historischen Rechte. Hat doch Fanny ihren längst gefeierten Bruder einmal vor dem „Übereinfachen“ gewarnt, vor der gefährlichen Anbiederung ans gemachte Schlichte. Das freilich blieb nicht ausgespart im Gesang, etwa im Vöglein-Lied von Felix und in seinem berühmten Heine-„Gruß“, der wirklich leise ins Gemüt zog, lieblich, edel, unsentimental. Wie die Sängerin vom Leidenschaftlichen (Fannys „Ach, die Augen“) zum zart Weltschmerzlichen (Lenaus „Schilflied“ von Felix) fand, wie sie die Register des Ausdrucks mit Geschmack einsetzte vom geheimnisvollen sotto voce bis zur Fortissimo-Höhe, das bewies: Romantische Gefühlsvielfalt. Die holte man auch in die Vortragsgegenwart vor aus Vergangenheitsbriefen, die von Glück und Traurigkeiten, von Witz und Kunst auf literarischer Höhe handelten. Der Pianist führte mit den Briefen nach Venedig: Das fis-moll-Gondellied von Felix als düster-melancholische Impression folgte. Die Sängerin las Fannys Rom-Post, der wurde ihr Klavierstück „Abschied von Rom“ als reich moduliertes Bravourstück mit einer Spur nobler Feierlichkeit nachgesandt. Das h-moll-Klavierlied war ein Klanggedicht mit vornehmen Nuancen, Individualität jenseits von Pavillon und Salon. Für den nachgeholten Abschied vom Mendelssohn-Jahr 2009 wurde diesem Konstanzer Solistenkonzert herzlicher Applaus zuteil. Helmut Weidhase |


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