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Ratgeber weiterführende Schule

Konstanz Ein bisschen Elite und ganz viel Alltag

Ein Jahr Elite: Seit genau zwölf Monaten darf sich die Universität Konstanz mit dem Exzellenz-Siegel schmücken. Die Spurensuche nach den Millionen, die jetzt an den Bodensee gespült werden, gestaltet sich allerdings als schwierig.

Das mit den Ortsschildern war natürlich nur ein Witz. Nachdem Konstanz in den Jahren ab 1966 mühsam darum gekämpft hatte, die Ankömmlinge auf den gelben Tafeln mit „Universitätsstadt Konstanz“ begrüßen zu dürfen, sollte es jetzt plötzlich „Elite-Universitätsstadt“ oder einfach ganz bescheiden „Elite-Stadt“ heißen. Schon um den 11.11. im vergangenen Jahr, als der Sekt an der Universität gerade leergetrunken war, wurde über die neue Prominenz gewitzelt. Die Uni ist in der Konstanzer Fastnacht angekommen, und plötzlich redeten viele von Elite und Exzellenzclustern und davon, dass man doch wieder wer ist in der größten Stadt am Bodensee.

Genau ein Jahr nachdem Rektor Gerhart von Graevenitz mit seiner üblichen Bescheidenheit, aber doch überglücklich die Aufnahme seiner Universität in die erste Liga verkündet hatte, hat sich die Begeisterung ein wenig abgekühlt. In Konstanz sind andere Themen wichtig geworden, in den Bussen der Linie9 sitzen jetzt zum Semesterbeginn die immer ähnlichen jungen Gesichter, die sich halb müde und halb neugierig auf den fünf Kilometer langen Weg vom Stadtzentrum an die Universität machen.

Die Spurensuche nach der neuen Elite und den Millionen, die aus öffentlichen Haushalten jetzt an den Bodensee gespült werden, gestaltet sich gar nicht so einfach. Die schmucke Bischofsvilla am Seerhein, in der das Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen der Integration“ beheimatet ist, war schon immer da. Und das Haus wurde von der Stadt für die Uni ausgebaut, als der ganz große Elite-Kuchen noch gar nicht verteilt war: Die Zusage für das in der Fachwelt neugierig verfolgte Projekt ist schon ein Jahr vor jenem 19.Oktober 2007 gefallen, an dem die Uni ihren bislang größten Erfolg feiern konnte.

Auch im Rathaus ist es nicht so, dass nun plötzlich Elite-Geist durch die Flure weht. Die Bedeutung der Uni für die Stadt – und das nicht nur als größter Arbeitgeber – hat Oberbürgermeister Horst Frank stets betont. Doch im Windschatten des Elite-Glanzes ist es Konstanz dann doch gelungen, einen sehr respektablen zweiten Platz im Streben nach dem Titel „Stadt der Wissenschaft“ zu erringen. 2009 soll es, trotz der Niederlage gegen Oldenburg, ein Wissenschaftsjahr geben, bei dem die Menschen für Forschungs- und Bildungsthemen begeistert werden sollen. Im neu zugeschnittenen Amt für Schule, Bildung und Wissenschaft freut sich dessen Leiterin Waltraut Liebl-Kopitzki: „Alle Partner und Sponsoren sind weiterhin dabei.“ Die Glut ist also noch nicht verloschen.

Anderen Ideen, die im Zusammenhang dem Uni-Triumph geboren wurden, war weniger Erfolg beschieden. Als der grüne OB sinnierte, man müsse jetzt doch auch Wohnraum für die vielen neuen Elite-Professoren schaffen, holte ihn die Realität schnell ein, als er daran erinnert wurde, dass es vor allem weniger vermögende Familien sind, die in Konstanz keine Bleibe finden. Das viel zitierte „Klein-Harvard am Bodensee“ wurde einmal mehr als eine Wunschvorstellung aus den Gründertagen der Uni entlarvt – eine Zustandsbeschreibung ist es nicht.

Das sieht auch Rektor Gerhart von Graevenitz so. Aus seinem Fenster sieht er über einen eher unübersichtlichen Campus. Er ist nochmals gewachsen im letzten Jahr. Mit dem Elite-Geld, obwohl ausdrücklich nur für die Forschung bestimmt und nicht für Beton, sind auch die Kräne gekommen. Für exzellente Arbeit braucht es exzellente Bedingungen. Neue Gebäude entstehen. Die Kindertagesstätte – Familienfreundlichkeit war auch Teil des Elite-Antrags – wird über zwei Jahre massiv ausgebaut. Hier also bleiben die Millionen zumindest zu einem Teil. Ein anderer geht an die neuen Professoren, die nach den üblichen langwierigen Verfahren jetzt mit ihrer Arbeit in Konstanz beginnen. Für Studenten gibt es mehr Hilfsjobs als je zuvor. Auch der Weg zum Stipendium ist für so manchen Doktoranden leichter geworden, einfach weil er die Zauberformel „Exzellenz-Uni Konstanz“ in die Waagschale werfen kann.

Gleichwohl gibt auch der Rektor zu, dass bei den Studenten nur ein kleiner Teil des neuen Reichtums landet. Über eine Hilfskonstruktion gibt es ab diesem Wintersemester einen neuen, aufregenden und sehr gut ausgestatteten Master-Studiengang, der sich mit der Kultur Europas auseinandersetzt. Als zu lesen war, dass hier erstmals Elite-Mittel direkt in der Lehre ankommen, war man nicht entzückt an der Uni – die im Exzellenz-Programm keinesfalls vorgesehene Umverteilung sollte lieber ganz diskret über die Bühne gehen.

Ein Trost für die Studenten könnte das sein, was für die Forscher das größte Problem darstellt: Für fünf Jahre wurden der Titel verliehen und die Millionen bewilligt. Eines ist für den Start draufgegangen, zwei bleiben zum Arbeiten, in den beiden letzten müssen schon wieder die Anträge für die nächste Runde bearbeitet werden. Graevenitz ist sich sicher, dass dann das Thema Lehre in den Vordergrund rückt. Vielleicht kann er dann auch die Wünsche erfüllen, die Absolventin Nina Weimer formuliert. Wasser in den Elite-Wein wollte sie nicht gießen. Aber von ihren Kommilitonen erhielt sie viel Zuspruch, als sie in einem sehr nachdenklichen Beitrag für unsere Zeitung schrieb: „Den Studenten, die der Elitetitel jetzt nach Konstanz zieht, ist zu wünschen, dass sie etwas von der exzellenten Forschung in Form von exzellenter Lehre abbekommen. Und am Ende nicht nur auf das imaginäre Sternchen des Elite-Siegels auf dem Examenszeugnis stolz sein müssen.“

Jörg-Peter Rau

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