Konstanz Ein Leben in zwei Identitäten

Dietmar Saupe ist Crossdresser, das heißt mal ist er Mann, mal Frau. Dem SÜDKURIER erklärt er, dass er sich mehr Toleranz wünscht.

Am Bücherregal: Dietmar Saupe, Informatik-Professor, in seinem Büro an der Universität
Am Bücherregal: Dietmar Saupe, Informatik-Professor, in seinem Büro an der Universität | Bild: Bilder: Hanser
Liliane zieht die Blicke auf sich. Wenn die attraktive Mittfünfzigerin die Brotlaube entlang läuft, sind nahezu alle Augenpaare auf sie gerichtet. Liliane hinterlässt rätselnde Gesichter, in denen viele Gedanken geschrieben stehen. Sie ist das gewohnt. Sie sieht über die ungläubigen Blicke hinweg, will intolerante Gedanken aber nicht hinnehmen. Liliane will akzeptiert werden – als Frau. Die Konstanzerin hat Schuhgröße 46. In ihrem Ausweis steht Dietmar Saupe. Eine Person – zwei Identitäten. Dies ist die Geschichte eines Crossdressers.

Es ist Mittagszeit. Liliane steht im Bad ihrer Konstanzer Wohnung und macht sich zurecht. Ihr Kleid sitzt hauteng, die Fingernägel sind gepflegt, sie setzt ein letztes Mal die Wimperntusche an. Schminken, „das ist echt nicht einfach“, sagt sie. Ein Kurs hat ihr geholfen. Und Tipps von Freundinnen. Souverän bewegt sich die Frau mit blondem Haar in den Damenschuhen über das Parkett. Heute ist einer von jenen 90 Tagen im Jahr – an denen Liliane Saupe unter Menschen geht.

Eine Stunde zuvor. Dietmar Saupe führt durch seine Labors. Hier an der Universität Konstanz ist er Professor für Informatik. Er unterrichtet Studenten und forscht unter anderem auf dem Gebiet der Signalverarbeitung. Seine langen, gepflegten Fingernägel fallen auf. Bisher hat der Wissenschaftler von diesen abzulenken versucht. Nun will er das nicht mehr. Er steht offen dazu, Crossdresser zu sein. Das ist keine Krankheit, keine Perversion, keine Abartigkeit. Für einen mutigen Mann bedeutet das dagegen nur ein Ausleben seiner weiblichen Seite. „Es ist etwas Irrationales“, fügt er hinzu. Etliche andere Männer fühlen wie er – im Verborgenen.

„Ich möchte nicht als Mann gesehen werden, der sich verkleidet hat.“ Liliane sitzt im Café. Sie ist selbstsicher, anders als Dietmar. „Er hat zum Beispiel größere Probleme, auf Frauen, auf Menschen zuzugehen“, charakterisiert ihn Liliane. Für den Professor sei Aufgeschlossenheit früher noch schwieriger als heute gewesen. Liliane habe positiven Einfluss auf ihn, sagt sie. Sie gebe ihm ein Stück von ihrer Selbstsicherheit ab.

Dietmar und Liliane. Lange hat es offiziell nur die eine Person gegeben. Dietmar hatte sich zunächst gegen sein Bedürfnis gewehrt, auch nur einzelne Frauenkleidungsstücke zu tragen. Ein radikaler Entwicklungsprozess war nötig, um endlich als vollendet wirkende Frau aus dem Haus zu gehen. Seit 2006, sagt Liliane mit einem Lächeln, akzeptiere sie sich voll und ganz; und Dietmar habe sich ihr angeschlossen.

Wenn Dietmar Saupe zurückblickt, spricht er von Ängsten. Er habe seine weibliche Seite verdrängt: „Das hat mich belastet.“ Seine Neigung galt als Tabu, als „nicht normal“. Das kümmert ihn nicht mehr. Heute gehört Liliane „zu meiner Persönlichkeit einfach dazu“, sagt der Informatik-Professor und wirkt, als ob er mit sich im Reinen ist. Ein Großteil der Familie und Verwandten habe seine Vorliebe fürs Crossdressing positiv aufgenommen. Überhaupt habe er als Liliane bei fast noch niemandem im direkten Kontakt eine Abwehrhaltung erlebt – die kritischen Blicke von Passanten wie in der Brotlaube oder das sichtbar innere Auslachen der Bedienung im Café prallen mittlerweile an ihm ab.

Doch der Weg zur Selbstakzeptanz hatte auch steinige Passagen. Eine langjährige Beziehung ist nach über 20 Jahren auseinander gegangen. Unter anderem lag ein Grund darin, dass er Transgender ist – also von seiner zugewiesenen Geschlechterrolle abweicht. Seine zwei Kinder haben seine Neigung unterschiedlich aufgenommen.

Seit Februar ist Dietmar Saupe wieder liiert. Seine Partnerin akzeptiert Dietmar und Liliane. Mit diesem Ausleben der weiblichen Seite komplettiere sich für sie das Bild von Dietmar: „Nachdem ich Liliane kennen gelernt hatte, wurde mir dieser Mensch fassbar und liebenswert. Liliane ist mir sympathisch.“ Sie sieht die unterschiedlichen Rollen als Bereicherung für die Beziehung. Wenn beide Frauen beisammen sind, entwickelten sich andere Gespräche. Weibliche Themen stünden im Vordergrund. Dietmar Saupes Partnerin betont jedoch: „Trotz dieser Besonderheit führen wir jedoch eine normale heterosexuelle Beziehung, auch wenn Liliane und ich Hand in Hand spazieren gehen.“ Damit drückt sie aus, was Studien zufolge die meisten Crossdresser denken. Sie suchen eine „große innere Stimmigkeit“ – nicht die sexuelle Stimulanz. Ein großer Prozentsatz ist heterosexuell.

Lilianes Anteil im Kleiderschrank ist größer als Dietmars. Sie achtet auf ihr Äußeres, auf gute Kombinationsmöglichkeiten. Für Dietmar spielt die Kleidung eine untergeordnete Rolle. Vor zwei Jahren hat er nur Damenkleidung nach Australien mitgenommen. Dort hat er in einem Gastsemester an der National-Universität in Canberra bewusst nur als Frau geforscht, um herauszufinden, wie groß Dietmars Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht wiegt, „ob er transsexuell ist“, erläutert Liliane. Das Resultat: Es gibt beide, Dietmar und Liliane, in ihren entsprechenden Rollen. An der Uni lehrt und forscht Dietmar, außerhalb flaniert an ausgewählten Tagen Liliane durch die Stadt, tanzt im K 9, trifft wohlgesonnene Freunde, genießt das Interesse der anderen an sich, unterhält sich gerne mit der Nachbarin. „Wir wohnen Tür an Tür“, sagt Ingrid Spitzner. Saupes Bekennen ihr gegenüber, das auf einer Zufälligkeit basierte, sei für sie überraschend gewesen. Sie habe es aber als großen Vertrauensbeweis anerkannt. „Man merkt, dass er die Entscheidung für sich getroffen hat und so ist es kein Problem, es zu akzeptieren“, sagt Ingrid Spitzner.

Akzeptanz, Toleranz – dafür werben Dietmar Saupe und Liliane. Sie wollen vielen anderen Crossdressern ein Vorbild sein, sich mit ihrer Neigung nicht verstecken zu müssen. Sie wollen ohne Vorurteile gegen sie leben können, sie wollen nicht als krank, als pervers, als sexuell fehlgesteuert angesehen werden. Liliane und Dietmar überzeugen vom Gegenteil.


Interview: "Crossdresser werden oft stigmatisiert"

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