Konstanz Ein Bild und eine Schweizerin retteten sie vor den Nazis

Margot Wicki-Schwarzschild erzählt in Konstanz aus ihrem Leben: "Zeitzeugen wie mich gibt es bald nicht mehr. Die Jugend soll erfahren, wie es damals war."

Wenn Margot Wicki-Schwarzschild auf die heutige Zeit angesprochen wird, wenn sie ausnahmsweise nicht über ihre eigene Vergangenheit redet, schüttelt sie den verständnislos Kopf. Fallen die drei Buchstaben AfD, reagiert sie mit deutlichen Worten: "Es ist Wahnsinn. Ich habe große Sorge", sagt sie. "Das ist einer der Gründe, warum ich Vorlesungen halte: Wir müssen Kindern und Jugendlichen erzählen, was damals war." Margot Wicki-Schwarzschild entkam der Hölle des Internierungslagers Gurs in Südfrankreich. Sie wurde mit ihrer Familie 1940 deportiert in das grausame Lager, was doch nur als ein Zwischenlager fungierte, bevor die dort deportierten Juden, Sinti und Roma in die Vernichtungslager nach Osten gebracht wurden. Ein Foto sowie eine Schweizer Schwester des Roten Kreuzes retteten ihr, der Mutter sowie der Schwester das Leben. Der Vater wurde nach Auschwitz gebracht, wo er umgebracht wurde. Doch der Reihe nach.

Margot Wicki-Schwarzschild wuchs auf in Kaiserslautern. Ihren Erzählungen zufolge war die Kindheit zunächst unbeschwert und schön. Der Vater war deutscher Jude, die Mutter Christin. Da sie in einer Synagoge heirateten, galt die Familie als jüdisch. Die Mehrheit des Judentums bestimmt die jüdische Identität eines Kindes eigentlich durch die Geburt von einer jüdischen Mutter. Diese halachische Regel folgt einer alten Tradition, die auf die Mischna zurück geht. 1931 geboren, erlebte sie in den ersten Jahren des bewussten Lebens auch als kleines Mädchen zunehmende Abneigung gegenüber Juden. Plötzlich sollte sie ihre geliebte Schule verlassen. "Deutschen Lehrern und Schüler war es auf einmal nicht mehr zuzumuten, in einem Zimmer mit Juden zu sein", erzählt sie.

"'Hinaus mit dem Judenpack' wurde uns zugerufen und selbst unsere geliebten Lehrer konnten uns nicht unterstützen." Die Schwester, so berichtet Margot Wicki-Schwarzschild, die Schwester habe in diesen demütigenden Momenten einen großen Stolz auf ihr Dasein als Jüdin entwickelt. Sie war drei Jahre älter.

Margot Wicki-Schwarzschild im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteur Andreas Schuler: "Zeitzeugen wie mich gibt es bald nicht mehr. Die Jugend soll erfahren, wie es damals war."
Margot Wicki-Schwarzschild im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteur Andreas Schuler: "Zeitzeugen wie mich gibt es bald nicht mehr. Die Jugend soll erfahren, wie es damals war." | Bild: Oliver Hanser

Die Familie zog in ein so genannten Judenhaus in der Steinstraße von Kaiserslautern, unweit der prächtigen Synagoge. "Eines Nachts war es dann so weit", erinnert sie sich an den 20. Oktober 1940. "Wir wurden jäh aus dem Schlaf gerissen. Gestapo-Männer in zivil standen in der Tür und forderten uns auf, pro Person einen Koffer zu packen, weil wir das Reichsgebiet verlassen müssten." Der Vater zitterte, die Mutter war leichenblass. "Diesen Anblick werde ich niemals vergessen", sagt Margot Wicki-Schwarzschild. Die Verschleppung wurde Wirklichkeit. In diesen hektischen Momenten vergaßen die Eltern, ihre Dokumente einzupacken. Die Schwester packte ein paar Habseligkeiten ein, unter anderem Familienfotos, die sie nicht zurücklassen wollte. "Und da war es dabei, das Foto, das uns ein paar Jahre später vor der nächsten Deportation nach Auschwitz retten sollte", erzählt Margot Wicki-Schwarzschild. Ein Foto, dass die Mutter bei ihrer ersten Heiligen Kommunion in Kleid und mit Kerze zeigt. Der Beleg, dass sie Christin war und nach strengem jüdischen Glauben ihre Kinder ebenfalls. "Doch daran dachten wir am 20. Oktober 1940 nicht", fährt die ältere Dame fort. "Übernächtigt, rechtlos und wehrlos wurden wir in der Gaststätte Löwenburg in Kaiserslautern mit den anderen Juden wie eine Viehherde zusammen gepfercht.

" Dort erfuhren sie erstmals vom Ziel ihrer anstehenden Reise: Gurs in Südfrankreich. "Vater war zunächst erleichtert", sagt Margot Wicki-Schwarzschild. "Doch die Realität war anders: Gurs war ein Schlammlager. 20 000 Menschen wurden in Baracken ohne Betten, Tische oder Stühle gesteckt." 70 Zentimeter Platz stand jedem Menschen zur Verfügung, wurde später einmal ausgerechnet. Morgens gab es eine schwarze Brühe zu trinken und etwas Brot. Mittags und abends Wassersuppe mit ein paar Kichererbsen als Einlage. "Wir hatten immer Hunger, waren niemals satt", erzählt Margot Wicki-Schwarzschild. "Pro Tag starben im Durchschnitt sieben Menschen. Die Kälte der Pyrenäen, Seuchen, Typhus – es war die Hölle. Wir waren verloren. Überall Läuse, Flöhe und Wanzen", erzählt sie. Die Schweizer Hilfe des Roten Kreuzes im Lager sei ein Lichtblick gewesen. Dort habe man Essen bekommen und menschliche Wärme.

Die Mutter freundete sich mit einer Schweizer Schwester an, die im Auftrag des Roten Kreuzes für die Betreuung der Menschen zuständig war. Diese Schwester schickte einen Aufsatz von Wicki-Schwarzschilds Schwester über die Zustände in dem Lager an die Jüdische Zeitung in der Schweiz, wo er veröffentlicht wurde. Eine Schweizer Lehrerin war so berührt von der Geschichte, dass sie der Familie Lebensmittelpakete ins Lager Gurs schickte. Die Familie wurde schließlich weiter gebracht ins Lager Rivesaltes bei Perpignan. Ins Wartezimmer für das Vernichtungslager Auschwitz. Hier erlebte sie ein letztes Mal so etwas wie schöne gemeinsame Zeiten. Der Vater war nahe der spanischen Grenze in Halbfreiheit und arbeitete in einer Mine, die Kinder besuchten die örtliche Schule.

In Rivesaltes trafen die Familie auf den Menschen, der ausschlaggebend sein sollte für die spätere Rettung der Mutter und der Schwestern: Friedel Reiter, Rot-Kreuz-Schwester aus der Schweiz. Die Mutter freundete sich mit ihr an, die Eidgenössin kümmerte sich um die Familie. Doch irgendwann kam der Tag, da wurden die Menschen im Lager erneut zusammen gepfercht. Lastwagen wurden mit ihnen befüllt, Wärter mit Waffen trieben sie wie Vieh. Friedel Reiter setzte sich beim Commissaire für die Familie aus Kaiserslautern ein. Das seien keine Juden, wie man ja auf dem Kommunionsbild der Mutter sehen könne. Sie selbst kenne die Familie. "Der Commissaire ließ sich überreden und wir wurden verschont", sagt Margot Wicki-Schwarzschild. "Doch unser Vater, ein herzensguter Menschen, wurde deportiert. Auf dem Feld im Lager, wo die Menschen nach Osten nach Auschwitz abtransportiert wurden, haben wir ihn zum letzten Mal gesehen." Dieser Anblick habe sich fest in ihr Gedächtnis gebrannt.

Mutter und Töchter kehrten 1945 nach Kaiserslautern zurück. Dort erwarteten sie die Rückkehr des Vaters. Voller Hoffnung und Vorfreude strickten sie Socken für ihn, bereiteten alles vor für das Wiedersehen. Doch Rudolf Schwarzschild war in Auschwitz ermordet worden. "Welch Teufels Werk wurde damals vollbracht", erzählt Margot Wicki-Schwarzschild. "Mit deutscher Gründlichkeit und teuflischer Akribie wurden sechs Millionen Menschen umgebracht und entsorgt." Sie möchte Zeit ihres Lebens denjenigen eine Stimme geben, die nicht mehr sprechen können. "Ich nehme die Menschen ernst, die sagen, dass es irgendwann doch mal genug sein sollte.

Dann sehe ich das Elend in der Welt und sage: Wir dürfen niemals aufhören zu erinnern. Hinschauen statt wegschauen ist das Gebot." Wenn sie Flüchtlinge sieht, sei deren Leid ihre größere Sorge als die eigene Vergangenheit, mit der sie sich versöhnt habe. "Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen. Zeitzeugen wie mich gibt es bald nicht mehr. Die Jugend soll erfahren, wie es damals war."

Jüdische Kulturwochen

Die 87-jährige Margot Wicki Schwarzschild lebt heute in der Nähe von Basel. Sie sprach im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen im Kulturzentrum am Münsterplatz über ihr Leben. Die ersten Jüdischen Kulturwochen finden seit dem 18. Juni und noch bis zum 27. Juli in Konstanz und Meersburg statt. Weitere Termine in Konstanz: 16. Juli, Kulturzentrum Astoria-Saal, 19.30 Uhr Lesung Stefan Keller; 17. Juli Kulturzentrum Wolkenstein-Saal, 19.30 Joseph-Schmidt-Abend; 20. Juli Archäologisches Landesmuseum, 19.30 Uhr Lesung Melissa Müller; 22. Juli, 17.30 Uhr Führung durch das jüdische Konstanz mit Helmut Fidler; 24. Juli Kulturzentrum Astoria-Saal, 19.30 Uhr Lesung Arne Molfenter; 26. Juli Kulturzentrum Astoria-Saal, 19.30 Uhr Lesung Michael Wuliger; 22. Juli, 17.30 Uhr Führung durch das jüdische Konstanz mit Helmut Fidler.

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