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Konstanz Drogenszene verändert sich

28.12.2009


Heroinersatzstoffe wie Methadon haben die Drogenszene in Konstanz verändert: Heroinkarrieren, gezeichnet von Kriminalität und einem Leben am Rande der Gesellschaft, sind nach Beobachtung von Experten kürzer geworden, die schwere Abhängigkeit aber ist geblieben. Einige der Schwerabhängigen nähern sich dem Rentenalter, andere sind dabei, sich in Konstanz als Selbsthilfegruppe zur formieren.

Konstanz – Rund 100 Menschen in Konstanz sind schwerstabhängig von Opiaten, fallen aber nicht mehr kriminell auf, weil sie von ihrem Arzt legal einen Ersatzstoff für Heroin bekommen (Substitution). „Die Abhängigen sind nicht mehr so selbst zerstörerisch, so auffällig. Die Substitution macht die Sucht erträglicher“, sagt Günther Hähl, Leiter der Drogenberatung in Konstanz. Die Abhängigen, die in Konstanz Ersatzstoffe bekommen, schlucken täglich Methadon oder lassen alle zwei Tage den Ersatzstoff Subutex im Mund zergehen. Sie beziehen die Stoffe auf Rezept von einem der vier Konstanzer Ärzte, die die Ersatzbehandlung anbieten und dabei mit der Drogenberatung kooperieren.

Die Ersatzstoffe haben die Abhängigen aus der Kriminalität befreit. Sie sind nicht mehr ständig auf der illegalen Jagd nach Heroin, das höchstens zwölf Stunden wirkt. Methadon entfaltet eine Wirkung von bis zu 24 Stunden, Subutex von bis zu 48 Stunden. Wer die Ersatzopiate eingenommen hat, bleibt handlungsfähig und ansprechbar. Für viele ist es dennoch unmöglich, schnell vom Ersatzstoff wegzukommen. „Es kann ein Ziel sein, erst einmal die Gesundheit wieder herzustellen. Bei manchen steht die Überlebenshilfe im Vordergrund“, sagt Günther Hähl. Manche der Abhängigen haben eine Drogenkarriere von 20 bis 30 Jahren hinter sich und nähern sich dem Rentenalter. Für einige sei es schon ein Erfolg, wieder ansprechbar zu sein oder mit nicht all zu hohen Dosen auszukommen oder keine zusätzlichen Suchtmittel zu nehmen. Andere seien in der Lage, mit Hilfe der Ersatzstoffe einer Arbeit nachzugehen. Hähl kennt auch Studierende, die mit Ersatzstoffen behandelt werden.

Von Methadon wieder wegzukommen, gilt nach mehreren Jahren Einnahme als schwierig. Nur eine Handvoll Menschen schafft jedes Jahr in Konstanz den Ausstieg. Wer längere Zeit abhängig war, sollte nach der Entgiftung möglichst übergangslos in eine stationäre Therapie, sagt Hähl. Voraussetzung für die sanfte Reduktion sei ein stabiler sozialer Rahmen mit einer festen Wohnung, einem geregeltem Tagesablauf und Arbeit: „Abdosieren ohne Arbeit geht nicht.“ Hähl bedauert, dass die Chancen der Substitutionsbehandlung nicht optimal genutzt und für die Patienten beispielsweise gezielt betreute Arbeitsplätze angeboten werden. Eine Gruppe von Abhängigen formiert sich gerade, weil ihr ganz offensichtlich Tagesstrukturen fehlen. Sie setzten sich für Selbsthilfeangebote und einen Tagestreff ein (siehe Artikel unten).

Eine neue Chance für Schwerstabhängige, Stabilität zu erreichen, könnte die Abgabe von künstlich hergestelltem Heroin (Diamorphin) auf Rezept sein. Es ist für Menschen gedacht, die mit den bisherigen Ersatzstoffen nicht zurechtkommen. Der Gesetzgeber hat die Voraussetzungen für die Abgabe von Diamorphin geschaffen. Wolfgang Höcker, Ärztlicher Direktor am Zentrum für Psychiatrie Reichenau, erwartet für Mitte 2010 Konzepte für den Einsatz. Aktuell sei noch nicht geklärt, wer die Behandlung übernehmen soll und wie sie vergütet wird. Höcker würde eine begleitende Rolle der Zentren für Psychiatrie für sinnvoll halten: „Ich wäre sehr dafür.

“ Es müssten aber in jedem Fall mehrere Landkreise zusammen arbeiten, um auf eine sinnvolle Patientenzahl zu kommen. Aus dem Landkreis Konstanz kommen zwölf Personen für ein Diamorphinprogramm in Frage. Sie müssten jeden Tag ein bis zwei Mal zum Arzt, um sich das künstliche Heroin spritzen zu lassen. Der Vorteil dabei: Der Arzt könne durch den regelmäßigen Kontakt Veränderungen erkennen, etwa eine heraufziehende Depression, und darauf reagieren.

Wie sich die Drogenproblematik weiter entwickeln wird, kann Höcker noch nicht abschätzen. Er sieht allerdings eine veränderte Einstellung zu harten Drogen. Sie seien heute eher mit einem Verliererimage besetzt. „Den Zauber von Aufbruch und Rebellion haben sie nicht mehr.“


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