Konstanz Die ungelesenen Briefe der Großväter
Mit der Lupe ans Werk: Die 82 Jahre alte Irmgard Michelier (links) und Inge Pooth (81) helfen, Dokumente zu entziffern, die in der alten Sütterlin-Schreibschrift verfasst wurden. Bild: Bild: Rindt
Konstanz – Heißt das vielleicht Barbierstube? Ingrid Brockhoff beugt sich über den handgeschriebenen Brief und betrachtet die steilen Buchstaben. Vor 66 Jahren hatte sie in der Grundschule die Sütterlinschrift gelernt, jetzt hat sie sie wieder vor Augen. „Ich musste mich erst reinlesen“, sagt die 76-Jährige. Sie sitzt in der „Sütterlin-Schreibstube“ im Treffpunkt Chérisy, um Menschen zu helfen, die Briefe ihrer Großväter und Väter nicht mehr lesen können. Denn sie wurden in einer altertümlichen Schreibschrift verfasst, die teilweise deutlich von der heutigen abweicht. Sie wirkt eckiger mit vielen langen Schleifen nach oben und nach unten. Einzelne Worte lassen sich erahnen, andere stellen den, der kein Sütterlin kann, vor Rätsel. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) greift eine Idee aus Hamburg auf und bringt nun in ihrer Schreibstube die Sütterlinkundigen mit Menschen zusammen, denen die alte Handschrift nicht mehr vertraut ist.
Eine Frau hat Briefe von ihrem Vater dabei. Er hat sie 1943 aus dem Krieg geschrieben. „Ich traue mich da gar nicht so recht ran“, sagt sie. Sie fürchtet, die Nachrichten könnten auch heute noch emotional sehr aufwühlend sein. Die Frau findet beim Treffen Menschen, die ihr im kleinen Kreis helfen werden, die Briefe zu entziffern. Auch andere sind mit Feldpost gekommen, etwa Gundula Fischer. Ihr Großvater hat sie während des Ersten Weltkriegs verfasst. Ein ganz anderes Dokument hat der Stadtrat Michael Fendrich dabei, einen Brief des Staatspräsidenten der Republik Baden aus dem Jahr 1919 an seinen Großvater, den Politiker und Journalisten Anton Fendrich. Der Enkel ist gerade dabei, den Nachlass des Großvaters zu sichten.
Auch Dieter Siever will Ordnung in einen Nachlass bringen. Ihn beschäftigen die Lebenserinnerungen seines Schwiegervaters. Siever will seinen Kindern die Texte entziffert und sortiert hinterlassen. „Es wäre schade, wenn das Wissen verloren ginge.“ Die Notizen mit dem Bleistift sind allerdings selbst für Sütterlinkundige kaum zu entziffern, zu individuell ist die Handschrift.
Beim Übersetzen der alten Dokumente steigen in Irmgard Michelier die Erinnerungen an ihre Kindheit auf. Die 82-Jährige kann sich noch gut an Schönschreibübungen in Sütterlin erinnern. Sie musste dabei ganz vorsichtig mit Feder und Tintenfass hantieren. „Man durfte keinen Klecks machen. Ein Klecks nur und es gab die Note drei oder vier.“ Wie viele Menschen in ihrem Alter hat Michelier in der Grundschule Sütterlin gelernt, später aber auch die moderne Schreibschrift mit dem Füller. Auch einige der Jüngeren erinnern sich, wie sie das Schönschreiben noch in Sütterlin übten. Das Lesen in der Feldpost von Menschen, die sie gar nicht kannte, weckt bei Michelier Erinnerungen an ihren Vater. Er habe zu den Unglücklichen gehört, die im Ersten und im Zweiten Weltkrieg eingezogen wurden. Wenn sie sich als Kind über den Hunger während der Kriegzeit beklagte, habe sie immer zu hören bekommen: „Sei froh, das Du nur einen Krieg mitmachen musst.“
Die Schreibstube ist alle zwei Wochen am Montag um 16.30 Uhr im Treffpunkt Chérisy (Chérisystraße 15) geöffnet. Das nächste Sütterlin-Treffen ist am Montag, 13. September. Weitere Informationen im Internet:
