Ein regelrechter Geheimtipp unter Oldtimer-Fans ist die „Mille Fiori“-Ausfahrt über die italienischen Alpen
An der engsten Stelle der Pass-Straße über den Gavio-Pass bei Bormio passiert es. Zuerst stottert der Motor, und 500 Meter später stirbt er ganz. Nichts geht mehr bei meinem grünen Triumph Spitfire. Die anderen Teilnehmer-Teams der „Mille Fiori“, der Oldtimerausfahrt der Stadtmarketing Konstanz, fahren an mir vorbei. Fast alle halten: „Kann ich was tun?“ Ich schüttele den Kopf, erstmal nein.
Es ist nicht der einzige Ausfall an dieser prekären Stelle: Nur fünf Meter weiter steht ein Jaguar E-Type mit kochendem Kühler. Die Aussicht über die italienischen Alpen ist atemberaubend, aber im Moment hat keiner einen Blick dafür. Innerhalb von Minuten ist das Service-Team der „Mille Fiori“ zur Stelle: Motorhauben auf und Schaden begutachtet. Die Mechaniker sind die Ruhe selbst: „Nichts, was wir nicht wieder hinkriegen. Das sind wir gewohnt.“ Für die Techniker ist es schon die vierte „Mille.“
„Wir haben schon viele Touren mitgemacht, aber die ‚Mille Fiori' ist wirklich etwas ganz Besonderes“, sagt Bernd Menne, der die Tour schon zum zweiten Mal mitfährt. Der Konstanzer ist mit seinem hellblauen Mercedes S 6,3 Stammgast bei vielen Oldtimer-Events. „Aber was Organisation und Strecke angeht, ist die ‚Mille Fiori' unschlagbar.“ Was er damit meint, wird auf der Strecke klar. Das Organisationsteam der Ausfahrt hat die schönste Route von Konstanz über Garmisch-Patenkirchen, Bozen und St. Moritz zurück nach Konstanz ausgesucht.
Allerdings auch keine einfache, denn die mehr als ein Dutzend Pass-Straßen, die die Teilnehmer abfahren müssen, verlangen den mehr als 30 Jahre alten Autos alles ab. In großer Höhe wird der Sauerstoff knapper, den die Motoren zum Verbrennen brauchen. Damit sinkt auch die ohnehin nicht üppige Leistung vieler alter Motoren noch einmal deutlich, die Pass-Straße wird zur Herausforderung für Mensch und Maschine. „So sind unsere Eltern in den 50ern und 60ern nach Italien gezuckelt“, sagt Hubert Mühlig, Jahrgang 1953. „Jetzt bekommen wir noch mal eine Vorstellung davon.“
Inzwischen ist die Spitzkehre auf der Pass-Route zur mobilen Autowerkstatt geworden. Zwei Techniker kümmern sich um den Triumph, die anderen beiden um den Jaguar. Der blaue E-Type von Organisationschef Hilmar Wörnle ist schneller wieder fit. Eine neue Dichtung und frisches Wasser reichen. Mein Triumph ist ein härterer Fall als gedacht. Langsam werden die Falten in den Gesichtern der Mechaniker tiefer.
Die gute Planung und vor allem die perfekte Organisation macht die ‚Mille Fiori' zu einem Geheimtipp unter Oldtimer-Fans. Seit vier Jahren findet die Ausfahrt von und nach Konstanz statt. Jedes Jahr auf einer anderen Route. Rund 150 000 Euro kostet die Veranstaltung, zwei Drittel davon kommen durch die Teilnahme-Gebühren zusammen, ein Drittel legen Sponsoren drauf. „Die Planung für die nächste Mille läuft schon“, sagt Wörnle.
An der Spitzkehre über der Baumgrenze tauschen die Techniker inzwischen die Zündkerzen des Triumphs. Doch der Erfolg bleibt aus: Der Motor läuft zwar, aber nicht rund. So kann ich nicht fahren. Ich sehe mich schon im Fond des Mechaniker-Autos in St. Moritz einfahren, den Triumph auf dem Hänger. Doch die Service-Mannschaft gibt nicht auf. Während die meisten der 50 anderen Teams längst beim Mittagessen sitzen, schrauben die vier Mechaniker den Vergaser auf.
Oldtimerfahrer sind Spinner. Ich darf das sagen, ich bin selbst einer. Die Autos sind oft eng, laut und unbequem. Doch das alte Blech übt auf viele Menschen auch eine unglaubliche Faszination aus. Deshalb sind in Deutschland inzwischen mehr als eine halbe Million Oldtimer zugelassen. Und das sieht man auch bei der ‚Mille Fiori'. Nicht nur Fahrer und Beifahrer begeistern sich für ihre Autos, auch viele Menschen bleiben am Straßenrand stehen, winken und klatschen, wenn die ‚Mille'-Teilnehmer vorbei fahren. Kein Wunder: Allein der Panhard 750 Sport Spider von 1954, der im Feld mitfährt und einen Höllenlärm macht, ist ein Schmuckstück, für das Oldtimer-Liebhaber weite Wege gehen, um den Wagen einmal in Aktion zu sehen. Oder der 300 SL Flügeltürer: Wer so ein Auto haben will, muss rund eine halbe Million Euro dafür hinblättern. Man muss schon ein Enthusiast sein, um so eine Wertanlage über ein Dutzend Hochalpen-Pässe in vier Tagen zu quälen.
Jetzt arbeiten alle vier Mechaniker an meinem Triumph, der Vergaser ist zerlegt. Und während Radfahrer mit 50 und mehr Kilometer in der Stunde an uns vorbei rasen, wird mein Wagen wieder auf Vordermann gebracht. „Wenn das nichts nutzt, dann weiß ich auch nicht“, sagt Cheftechniker Thomas Gut: „Starte mal.“ Und siehe da, der Motor läuft. Rund und laut, als wäre nie etwas gewesen. Die Mechaniker klatschen sich ab. Ihnen ist es egal, ob ein Wagen eine halbe Million oder gerade mal 15 000 Euro kostet.
Am Abend kommen alle Teams in St. Moritz an. Der Jaguar von Hilmar Wörnle ist noch ein zweites Mal stehen geblieben, was den Stadtmarketing-Chef zu deutlichen Worten veranlasst. Doch die gute Stimmung kann auch das nicht trüben. Im Gegenteil. Oldtimer fahren ist eben was für Spinner.
Online-Reisetagebuch: Mille Fiori
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