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Konstanz Die Tanzfläche als Zauberwald

Das Theater der HTWG und die Südwestdeutsche Philharmonie machen aus Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ im Konstanzer Maex33 einen Club-Abend

Als Mensch im fortgeschrittenen Alter fühlt man sich in der Disco ja irgendwie als Stalker des eigenen Nachwuchses. Aber jetzt dürfen wir, die sonst immer nur ins altehrwürdige Konstanzer Konzil zum Konzert der Philharmonie gehen, auch mal ins Maex33 im Industriegebiet. Südwestdeutsche Philharmonie und das Theater der HTWG haben zum „Mittsommer“ eingeladen, einem Theaterprojekt sehr frei nach Shakespeares „Mittsommernachtstraum“. Der findet eben in der Disco statt. Mit einem DJ als Puck, der mit Musik statt mit Zaubertränken für Magie sorgt. Passt. Kaum ein Theaterautor lässt sich so unbeschadet in die Gegenwart übertragen wie Shakespeare mit seinen zeitlosen Stoffen.

Und dann die Überraschung: Hier im Maex33 sieht es fast aus wie im Konzil. Viel Holz und Balken, wenig Sicht. Da hatte die Tochter mit ihrer Beschreibung der Disco als „Europapark für Clubgänger“ nicht so unrecht. Gemütliche Holzhütten und ein Piratenschiff untergliedern den Großraum. Eine Traumlocation für einen Theatermann wie Felix Strasser, den Leiter des HTWG-Theaters.

Die verschiedenen Räume im Raum nutzt er für das Vorspiel (bei einem Stück über die Liebe nicht nur musikalisch gemeint), wo Musiker der Philharmonie hier schon mal den Hochzeitsmarsch anstimmen, dort die Band „Zettel's Donkey“ aufspielt, oben eine Selbsthilfegruppe sexuelle Verklemmungen überwindet oder hinten jemand über seine vergebliche Liebe zu einer Eselin lamentiert.

Dass sich die verschiedenen Vorspiele akustisch in die Quere kommen – geschenkt. Sie erfüllen ihren Zweck und machen Lust auf den Hauptakt, der zunächst von der Philharmonie mit der Ouvertüre zu Mendelssohns „Sommernachtstraum“ eingeleitet wird (Dirigent: Sebastian Tewinkel). Regisseur Felix Strasser entbeint Shakespeare und konzentriert sich auf das Wesentliche – auf das Thema der verbotenen Liebe (die von Hermias Vater missbilligte Beziehung zwischen ihr und Lysander bildet ja den Ausgangspunkt der Verwirr-Komödie) und auf das Rätsel der Begierde (bei Shakespeare versinnbildlicht durch den Zaubersaft, der selbst einen Esel begehrenswert erscheinen lässt).

Die Rolle von Shakespeares Zauberwald übernimmt jetzt die Tanzfläche im Maex33 – völlig konsequent, ist doch gerade der Club ein Ort für merkwürdige Pärchenbildungen und Partnerwechsel. Wunderbar auch die Idee, die Magie der Mittsommernacht durch die tranceartige Minimal Music „In C“ von Terry Riley aus den Sechzigerjahren erlebbar zu machen.

Die Stärke von Felix Strassers Theaterarbeit liegt wie immer im Umgang mit dem Kollektiv. Anstatt Laienspieler ganze Rollen auswendig lernen und aufsagen zu lassen, nutzt er die Kraft ganzer Gruppen, die hier mal Helena, mal Demetrius, mal Hermia und mal Lysander darstellen. Zwar gibt es auch Hauptdarsteller und -darstellerinnen für die einzelnen Figuren, doch gehen sie letztlich in der Gruppe auf. Die Texte (in denen Shakespeare-Worte mit Alltagssprache unserer Gegenwart verschränkt sind) werden auf sämtliche Beteiligte verteilt. Schließlich sind wir doch alle Helena, Hermia, Lysander und Demetrius. Und wir alle könnten in dieselben emotionalen Wirren geraten, in die die beiden Pärchen in dieser Club-Nacht geraten.

Zur Auflockerung gibt es noch ein paar filmische Einlagen – darunter eine köstliche Umfrage über das Verliebtsein unter Menschen zwischen acht und achtzig Jahren und eine quasi-dokumentarische Sequenz über die Rätsel der Begierde. Vor allem aber bringt das Projekt jüngeres und älteres, studentisches und philharmonisches Publikum völlig ungezwungen zusammen. Und das ausgerechnet in der Disco. Liebe ist eben keine Frage des Alters, des Musikgeschmacks oder der Location.


Mittsommer

Das Projekt: „ Mittsommer“ ist eine Koproduktion zwischen dem Theater der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) und der Südwestdeutschen Philharmonie. Spielort ist die Konstanzer Disco Maex33. Grundlage ist William Shakespeares Komödie „Ein Mittsommernachtstraum“ in einer Bearbeitung von Felix Strasser und Fridolin Weiner. Strasser, der Leiter des Theaters der HTWG, führt auch Regie. Die Südwestdeutsche Philharmonie liefert die Bühnenmusik mit Auszügen aus Mendelssohns „Sommernachtstraum“, aus Bizets „Arlesienne“, Tschaikowskys „Romeo und Julia“ und Terry Rileys „In C“. Die musikalische Leitung hat Sebastian Tewinkel.

Weitere Aufführung: Heute, 27. Juni, 20.30 Uhr, im Maex33, Max-Stromeyer-Str. 33, Konstanz

Tickets und Infos im Internet:

www.theater.htwg-konstanz.de

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