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Konstanz Die Schlacht um Wahrheiten im Herzzentrum

Noch immer ist in Konstanz in Sachen Herzklappen-Skandal kein Ende in Sicht. Die Leitung des Herzzentrums steht unter hohem Druck und äußert nun Vorwürfe gegen interne "Maulwürfe".

Es geht um vernichtende Vorwürfe, um gebrochene Freundschaften, um Spionage und vor allem um den Ruf zweier Herzkliniken in Konstanz und Kreuzlingen. Seit Monaten tobt ein Krieg zwischen Ärzten sowie der Geschäftsleitung, ausgetragen über die Medien. Die Methoden sind bei diesem Krimi mitunter fragwürdig.

Immer wieder feuerte eine Gruppe neue Vorwürfe gegen die Geschäftsleitung der Herzkliniken ab. Weil sie zum Selbstschutz, wie sie sagen, anonym bleiben wollen, schicken sie einen Konstanzer Anwalt vor. Er selbst bezeichnet sich als Whistleblower, will aber nicht mit seinem Namen dafür stehen. Staatsanwaltschaften belieferte er mit Anzeigen, Medien mit Informationen – darunter befand sich eine ominöse Anzeige. Von dieser wussten weder die Urheber etwas, noch haben sie Staatsanwaltschaften jemals gesehen. Fest steht nicht erst seit Auftauchen dieses Papiers, dass Klinikinterna das Herzzentrum in Konstanz und das zum selben Unternehmen gehörende Herz-Neuro-Zentrum im benachbarten Schweizer Kreuzlingen verlassen haben. Mindestens zwei Medizinern, einem ehemaligen Chefarzt und einem Oberarzt, fällt dies nun auf die Füße.
 


 

Die Geschäftsleitung der Kliniken hatte längst zum Gegenschlag angesetzt und sie als angebliche Maulwürfe enttarnt. Diese Illoyalität ist nun ebenfalls ein Fall für die Konstanzer Staatsanwaltschaft.Sie, aber auch Schweizer Strafverfolger ermitteln zudem, ob die Kliniken Sozialleistungen hinterzogen haben, ob ein Chefarzt ohne Zulassung praktizierte, ob sich die Herzspezialisten bei der Behandlung eines später verstorbenen Asylbewerbers schuldig gemacht haben; die Verwendung von nicht in Deutschland zugelassenen, aber qualitativ unbedenklichen Herzklappen scheint klar zu sein.


Das ist aber nur ein Teil des Vorwürfepakets. Manche Punkte verfolgt die Konstanzer Staatsanwaltschaft schon nicht mehr, von anderen haben die Schweizer Krankenkasse Swica und das Thurgauer Sozialdepartement die Kreuzlinger Seite des Klinikunternehmens freigesprochen. Im Gegenteil: Departement-Chef Bernhard Koch hat dem Herz-Neuro-Zentrum das Vertrauen ausgesprochen, es erfülle den Versorgungsauftrag von Patienten. Soweit das Offizielle: Hinter den Kulissen sollen sich Ermittler von Schweizer Staatsanwaltschaft und einer Krankenkasse weiterhin für die Verflechtung des Klinikums mit einer Briefkastenfirma im Schweizer Kanton Zug interessieren.

So zurückhaltend wie Bernhard Koch hat sich seine Kollegin Katrin Altpeter (SPD) auf baden-württembergischer Seite nicht gezeigt. Nachdem Medien über mögliche Hinterziehung von Sozialleistungen und den Einsatz tschechischer Herzklappen berichtet hatten, forderte sie Krankenkassen zur Prüfung des Versorgungsvertrags mit dem Konstanzer Herzzentrum auf, ohne endgültge Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abzuwarten. Ein Ergebnis, ob das Unternehmen auch in Zukunft Kassenpatienten behandeln darf, steht aus.

Für die Klinikleitung um Martin Costa und Dierk Maass ist die Abwehr der Dauerangriffe eine nervenzehrende Herausforderung, wie sie sagen. Für Maass als „Vater“ der Kliniken wurden die Auseinandersetzungen auch zur bitteren Lehrstunde zum Thema Freundschaft. Ausgerechnet ein langjähriger Weggefährte beim Aufbau der Zentren soll den Geheimnisverrat begangen haben. Der im Herbst 2013 geschasste Kardiologe habe mit dem Oberarzt am Untergang der Krankenhäuser gearbeitet, um selbst ein Medizinzentrum für Herzpatienten schaffen zu können. Als möglichen Beweis führten Maass, Costa und ihre Rechtsanwälte bei einer Pressekonferenz Tonbandaufzeichnungen an. Ein Detektiv hatte Gespräche mit den zwei Ärzten aufgenommen, in denen sie freimütig über Betriebsinterna und ihre Motivation sprachen. Anzeigen wegen Geheimnisverrats und Rufschädigung sind die Folgen.

Einen Schlagabtausch gibt es nun darum, ob die Aufzeichnungen juristisch verwertbar sind. Der Detektiv habe sich als Journalist ausgegeben, sind sich die Ärzte einig und haben eidesstattliche Versicherungen abgegeben. Unter dem Deckmantel des Informantenschutzes seien sie reingelegt worden, ein eigenes Medizinzentrum beabsichtigten sie keineswegs. Die Klinikleitung entgegnete, ihr Spion sei „im Bereich der Recherche“, aber nicht als Journalist tätig gewesen. Eine Visitenkarte des Beauftragten, die unserer Zeitung vorliegt, gibt Rätsel auf: wie die Ärzte auf dieses Papier reinfallen konnten und inwieweit die darauf abgedruckte Berufsbezeichnung eine journalistische Tätigkeit mit allen Rechten und Pflichten widergibt.

Damit wird sich im Ernstfall ein Gericht beschäftigen. Eines hat die Klinikleitung mit ihrem Gegenangriff erreicht: Nicht mehr nur das Management der Kliniken, sondern auch die Glaubwürdigkeit der abtrünnigen Ärzte stehen infrage.

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Das Herzzentrum Konstanz: Das Herzzentrum in Konstanz und dessen Schwesterklinik in Kreuzlingen sind Unternehmen der CHC Holding AG Kreuzlingen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in mehreren Fällen gegen die Kliniken.
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