Konstanz "Die Bürger sind bereit, für Kitas zu bezahlen"

Marius R. Busemeyer ist Professor an der Universität und hat die Konstanzer befragt, welche Kita-Gebühren sie als fair empfinden

Professor Busemeyer, wie sieht ein faires Kita-System für Konstanz aus?

Wir haben in unserer Untersuchung nicht direkt gefragt, wie ein faires System aussehen sollte, sondern in Form von sogenannten Vignetten haben wir den Befragten kleine, fiktive Geschichten vorgelegt und um eine Einschätzung gebeten. Auf dieser Grundlage kann man eine Mehrheitsmeinung ermitteln, die zeigt: Konstanzerinnen und Konstanzer sind der Meinung, dass Besserverdienende auch höhere Gebühren bezahlen sollten.

Was ist demnach die gerechte Durchschnittsgebühr?

Wir kommen auf 191 Euro. Das lag zum Zeitpunkt der Befragung vor drei Jahren leicht unter dem Durchschnitt in Konstanz für ein zweijähriges Kind ohne Essensgeld. Es hätte auch anders ausgehen können, wenn die Bürgerinnen und Bürger etwa gesagt hätten, sie empfinden es als fair, wenn Menschen überhaupt keine Gebühren bezahlen müssen. Oder, wenn man Richtung Schweiz schaut, deutlich höhere Gebühren.

Weshalb sind die Konstanzer eher bereit, Kita-Gebühren als Hochschulgebühren zu bezahlen?

Aus Umfragen zu Studiengebühren sowie angesichts der Diskussion vor zehn Jahren und aktuell über Studiengebühren für ausländische Studierende wissen wir, dass der öffentliche Widerstand gegen Studiengebühren hoch ist. Rechnet man Studiengebühren von 500 Euro auf den Monat um, kommen pro Monat etwa 90 Euro heraus. Das ist quasi nur die Hälfte dessen, was die Konstanzer Bürgerinnen und Bürger bei Kita-Gebühren als fair empfinden.

Sie haben weitere Faktoren bei der Fragestellung berücksichtigt: So fällt die Berufstätigkeit der Mutter bei der Höhe der Gebühren nicht ins Gewicht fällt. Was bedeutet das?

Statistisch gesprochen haben wir die subjektiven Einschätzung zu fairen Gebühren als zentrale Variable genommen und verschiedene Einflussfaktoren getestet. Die Frage, ob die Mutter berufstätig ist, spielt keine Rolle dabei, welche Gebührenhöhe als fair eingeschätzt wird. Interessanterweise ist das bei Alleinerziehenden anders: Hier sind die Befragten durchaus der Meinung, dass für diese Gruppe niedrigere Gebühren fairer sind.

Das bedeutet, Sie würden Konstanz raten, ein einkommensabhängiges System einzuführen.

Das ist natürlich eine politische Entscheidung, wie man mit den Umfrageergebnissen umgeht. Es zeigt auf jeden Fall, dass die Sonderstellung, die Konstanz im Vergleich zu anderen Gemeinden hat, aus Sicht der Befragten wahrgenommen wird und man sich durchaus an dem, was in anderen deutschen Kommunen üblich ist, orientiert. Es könnte auch andere, etwa administrative Gründe geben, die gegen eine Einführung eines solchen Systems sprechen. Aus Sicht der Politik kann man das Ergebnis aber auch positiv betrachten. Wäre rausgekommen, dass die Bürger gar keine Gebühren bezahlen wollen, dann wäre das ein Problem gewesen. Die Umfrage zeigt allerdings, dass es durchaus eine substanzielle Zahlungsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger für Kitas gibt. Das ist aus der Perspektive der Politik eine wichtige Ressource, um diesen Sektor weiter auszubauen.

In Ihrer täglichen Arbeit ziehen Sie internationale Vergleiche der Bildungspolitik. Welches Gebührenmodell ist mehrheitlich in Deutschland?

Die eindeutige Mehrheit der Gemeinden hat ein einkommensabhängiges Gebührenmodell. Es gibt auch einzelne Kommunen wie Heilbronn, die gar keine Gebühren erheben.

Man muss es finanzieren können.

Die Landeszuschüsse sind hier sehr wichtig. Ich habe mit einer ehemaligen Studierenden von mir, Lina Seitzl, eine Studie veröffentlicht, in der es um die Untersuchung von Ausgaben für frühkindliche Erziehung im Bundesländervergleich ging. Da gibt es erhebliche Unterschiede, die mit der parteipolitischen Zusammensetzung des jeweiligen Landes zusammenhängen. Wenn Linksparteien an der Macht sind, gibt ein Land tendenziell mehr Geld für die Kindererziehung aus. Das wirkt sich auch auf die Kommunen aus.

Wie sieht es im internationalen Vergleich aus?

Deutschland ist bei der frühkindlichen Erziehung immer besser aufgestellt. Der massive Ausbau hat in den vergangenen zehn Jahren dazu beigetragen, dass Deutschland im internationalen Vergleich stark aufgeholt hat und inzwischen im oberen Mittelfeld zu verorten ist. Natürlich gibt es trotzdem nach wie vor großen Ausbaubedarf aufgrund der hohen Nachfrage.

Meinen Sie das quantitativ oder qualitativ?

In den letzten Jahren lag der Fokus in Deutschland recht stark auf der quantitativen Expansion, und jetzt geht es stärker darum, qualitativ anzusetzen. Konstanz ist da wieder ein positives Beispiel, weil man hier von Anfang an auf Qualität bei der Kinderbetreuung in den Kitas gesetzt hat. Das hat unter Umständen die Folge, dass der quantitative Ausbau mit den steigenden Bedürfnissen nicht immer mithalten kann.

Welche Länder sind da Vorreiter?

Die nordischen, wie immer. Was zum Beispiel Öffnungszeiten von Kitas betrifft, stellen sich diese dort viel mehr mit flexiblen Öffnungszeiten auf Schichtarbeit von Eltern ein. Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Traditionell ist auch Frankreich immer recht gut aufgestellt, aber auch Belgien und die Niederlande.

Beim Vergleich: Werden Erzieherinnen und Erzieher in Kitas in anderen Ländern besser bezahlt? Sie leisten ebenfalls einen wichtigen Teil zur Bildung wie Lehrer und Professoren, warum also auch nicht für sie eine Art Beamtenstatus?

Der Beamtenstatus ist in anderen Ländern anders geregelt: Dort sind Lehrer und Professoren keine Beamten, sondern Angestellte. Das ist eine Sonderstellung, die es in Deutschland noch gibt. Bei uns gibt es eine Besonderheit, dass wir für Erzieherinnen und Erzieher eine Ausbildung im beruflichen Sektor haben. In den meisten anderen Ländern, vor allem in den nordischen, führt ein Studium zu diesem Beruf. Da ist man direkt von der Ausbildung her auf einer anderen Stufe und wird von vornherein anders bezahlt. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass in diesen Ländern auch Lehrer und Professoren öffentliche Angestellte sind, gleichen sich die Gehälter tatsächlich etwas mehr an.

In Deutschland haben wir starke Berufsverbände für privilegierte Berufsgruppen. Diese Privilegien sind bislang erfolgreich verteidigt worden. Da ist es für andere Berufsgruppen schwer, gegen den Status quo anzukämpfen.

Haben Sie in der Studie bei der Frage nach den Gebühren Unterschiede gezogen zwischen Kindergrippe und Kindergarten?

Nein, wir haben die fiktiven Geschichten in dem Fragebogen zugeschnitten auf ein zweijähriges Kind, ein erstgeborenes, ohne Essensgeld. Wir wollten diesen Bereich betrachten, weil er am meisten expandiert, mehr als in anderen Ländern.

Worin sehen Sie den so großen Bedarf an Krippenplätzen begründet?

Es sind zwei große Faktoren: Der eine ist der Wertewandel, Frauen fordern verstärkt ihr Recht auf Erwerbsbeteiligung ein – mehr als noch vor 20 bis 30 Jahren. Das andere ist die ökonomische Notwendigkeit.

Tut es den Kindern gut, wenn sie so früh in die Kita gebracht werden?

Das ist wissenschaftlich gesehen nicht mein Gebiet. Studien besagen, dass es keine negativen Auswirkungen gibt. Gerade für Kinder aus sozial schwachen Familien ist es wichtig, relativ früh in den Genuss von qualitativer Betreuung und Bildung zu kommen. Im frühkindlichen Bereich hat man enorme Möglichkeiten, der Entstehung von Bildungsungleichheit vorzubeugen. Sind die Kinder bereits in der Grund- oder erst recht in einer weiterführenden Schule, ist es oft schon zu spät, dies auszugleichen. Da kann man mit relativ wenig Aufwand ziemlich effektiv und gezielt fördern, damit Sprachdefizite nicht entstehen und Unterschiede in der Entwicklung von Intelligenz früh ausgeglichen werden können.

Fragen: Philipp Zieger

Zur Person

Marius R. Busemeyer ist 39 Jahre alt und hat seit 2011 die Professur für Politikwissenschaft inne. Er befasst sich vor allen Dingen mit der Analyse von Politikinhalten, insbesondere der Bildungspolitik. Er hat in Heidelberg Politik, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studiert und auch dort promoviert. Von 2003 bis 2005 war er McCloy-Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und erwarb einen Master-Abschluss in Verwaltungswissenschaften an der Harvard Kennedy School. Von 2006 bis 2010 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung mit den Forschungsschwerpunkten vergleichende politische Ökonomie und Sozialpolitik. Busemeyer hat mehrfach Auszeichnungen für seine Forschung erhalten und international größere Drittmittelprojekte eingeworben. (phz)

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