Auf die närrischen Tage folgt die Fastenzeit: Eine Zeit der Einkehr und Besinnung nicht nur für Christen. In Zeiten, in denen Heilfasten aus Wellness-Zwecken immer populärer wird, spricht Pfarrer Andreas Rudiger im SÜDKURIER über den kleinen Verzicht, der einen großen Unterschied macht.
Herr Pfarrer, wie haben Sie in Ihrer Gemeinde Fastnacht verbracht?
Diese Fastnacht war meine erste in Konstanz. Der Butzenlauf war superschön, der Hemdglonkerumzug in der Niederburg richtig toll. Ich habe mich am meisten darüber gefreut, wie sich die anderen gefreut haben.
Jetzt beginnt an Aschermittwoch die Fastenzeit, die Narren trauern.
Ich persönlich freue mich sehr darauf, mich der "Psychohygiene" zu widmen. Heutzutage gibt es ja diesen Duschwahn, aber nicht nur der Leib, auch die Seele braucht Hygiene.
Wie sieht denn ihre persönliche Fastenzeit aus?
Also konkret ist es so, dass ich dem Beten nichts anderes mehr vorziehen möchte. Ich verzichte auf Alkohol, denn ich trinke gerne Wein, wie die Konstanzer auch. Es gibt für mich aber in der Fastenzeit einen wichtigen Grundsatz: das Maß halten. Das heißt, nicht nur auf etwas zu verzichten, sondern manches auch mehr zu tun. Zum Beispiel einen aufgeschobenen Brief schreiben, ein wichtiges Telefonat zu führen, Krankenbesuche zu machen, Almosen zu geben. Mit Jesaja gesprochen heißt Fasten: Die Berge abtragen, die Täler auffüllen.
Muss ich also selber für mich entscheiden, worauf ich verzichten möchte, was meine persönlichen Berge und Täler sind?
Genau, das kann bei jedem völlig unterschiedlich sein. Das ist auch eine sehr moderne Herangehensweise, die man mit einem religiösen Gedanken verbinden kann, aber nicht muss. Ich denke: Weniger ist daher oft mehr. Lieber nur auf eine Sache verzichten oder diese einschränken, wie Fernsehen.
Fasten wird nun auch schon als Wellness-Programm gesehen. Denken Sie sich: lieber einmal im Jahr entsagen als gar nicht?
Das kann jeder halten wie er möchte. Ich habe früher selber auch Heilfasten gemacht. Da ist die Versuchung natürlich groß, dass man sich ganz toll fühlt und sich auf die Schulter klopft: Super, ich habe eine Woche durchgehalten. Wenn das aus religiösen Gründen geschieht, ist das in Ordnung. Aber dann beschäftige ich mich so sehr mit dem Fasten und mit mir selbst, dass ich nicht frei werden kann. Fasten ist eigentlich eine Reduktion auf das Wesentliche mit dem Ziel, dass ich wieder normal werde. Es geht nicht um das Extreme, auch nicht dem eigenen Leib gegenüber.
Was ist denn Normalität?
Unter Normalität verstehe ich keine Mittelmäßigkeit. Normal zu leben heißt für mich, so zu leben wie Gott es will. Es lohnt sich im Alltag zu versuchen, diese Normalität wieder zu erreichen. Fastenzeit heißt daher für mich: Ich schärfe meinen Blick für mich selbst, um Gottes Stimme zu hören und seinen Willen zu tun.
Mit diesem Hintergedanken sollte man also in die Fastenzeit gehen und nicht mit dem Gedanken, sich zu kasteien?
Genau. Fasten ist keine Kasteiung, sondern eine Form des freiwilligen Verzichts, um wieder freier zu werden. Sich am Aschermittwoch Asche auf das Haupt streuen zu lassen bedeutet: Gedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zu Staub wirst. Das einzig Sichere auf der Welt ist, dass wir alle sterben werden. Die Kunst ist nun, so zu leben, wie wir am Ende des Lebens gelebt haben wollen. Die Fastenzeit hilft dabei, die Hörfähigkeit wieder wach zu rufen. Sie ist aber auch eine Zeit, die mit großen Gnaden verbunden ist. Wer in den 40 Tagen in diesem Sinne Opfer bringt, hat etwas vom Sinn des christlichen Lebens verstanden. Jemand, der opferbereit ist, versucht, andere Menschen im Leben froh zu machen, wie es Eltern ihren Kindern gegenüber tun. Das ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft.
Wie auch der Genuss, zum Beispiel von einem Glas Wein?
Sie glauben ja gar nicht, wie gut das erste Glas Wein an Ostern wieder schmeckt!
Fragen: Anja Arning