"Ich bin doch völlig harmlos", sagt die große Provokateurin Desiree Nick im SÜDKURIER-Interview eine Woche vor ihren Auftritten in Konstanz und Friedrichshafen. Die Berlinerin gilt als begabte Schauspielerin und Kabarettistin.
Frau Nick, Ihr aktuelles Programm heißt „Ein Mädchen aus dem Volk“. Was genau bedeutet das für Sie?
Das ist in diesem Fall ein Rückblick, eine Zusammenfassung meines ganzen Lebens. Und wenn ich nicht ein Mädchen aus dem Volke wäre, dann hätte ich die vielfältigen Herausforderungen meines Metiers überhaupt nicht überwinden können.
Was sind das für Fähigkeiten, die ein Mädchen aus dem Volk auszeichnen?
Es ist etwas, was letztendlich mit Charme, Charisma, Persönlichkeit als Original, als völliges Unikat zu tun hat, das in keine Schublade passt. Beispielsweise wird das Label Comedy mir überhaupt gar nicht gerecht, weil ich ja letztendlich vom Berliner Staatstheater komme und da seit 25 Jahren große Rollen spiele und gleichzeitig Bestseller-Autorin bin und dann erleben muss, wie in der Zeitung steht „Ach guck, da kommt die Dschungel-Queen“. Dass die Dschungel-Queen zwei Prozent von mir sind und 98 Prozent etwas ganz anderes sind, wird gerne vergessen.
Gehört zum Mädchen aus dem Volk auch, dass es den Mund aufmacht, wenn ihm etwas nicht passt?
Kommt darauf an, auf welcher Basis. Es kommt darauf an, ob es etwas nützt. Wir leben in einem Land, wo man gegen Humor mit Staatsgewalt vorgehen darf und vor den Kadi kommt. Und alleine das ist doch schon für Künstler, deren Lebenselixier die Kreativität und für Satiriker, deren Element gerade die Überzeichnung ist, das ist doch dann die bittere Realität, über die ich mich mindestens so sehr amüsiere wie das Publikum sich über mich amüsiert.
Sie haben sich trotzdem nie gescheut, Ihre Meinung zu sagen. Woher kommt die Lust zur Provokation?
Ich provoziere doch nicht. Ich bin doch völlig harmlos. Wen provoziere ich denn? Ich bringe Leute zum Lachen. Wenn man einmal Nachrichten guckt, die Zeitung aufschlägt, das ist eine Provokation.
Trotzdem findet sich in vielen Texten, die man über Sie lesen kann, genau dies: Desiree Nick, die Provokateurin.
Ja, weil einer vom anderen abschreibt. Wenn Sie Artikel lesen von Leuten, die meine Shows gesehen haben, steht drin, wie „genial“ ich bin. Aber das wird ja nicht abgeschrieben. Abgeschrieben wird immer nur das Schlechte.
Woran liegt das?
Das liegt an Ihrem Berufsstand, weil die auf Skandalisieren getrimmt sind. 98 Prozent meiner Show sind phallusfreie Philosophien, das steht nicht in der Zeitung. Ich habe Kulturpreise gewonnen in Wien, warum schreiben Sie denn das nicht? Ich habe drei Bestseller am Markt, das schreiben Sie auch nicht. Sie rufen hier an und sagen zu mir, Frau Nick, warum provozieren Sie so. Sie sind doch das beste Beispiel.
Man wird ja noch fragen dürfen.
Ich verstehe gar nicht, wovon Sie sprechen. Lesen Sie mal meine Kritiken von „Ein Mädchen aus dem Volke“. Das sind Perlen des Feuilletons.
Reden wir über etwas anderes. Was viele nicht wissen, ist, dass Sie drei Jahre lang Religionslehrerin waren.
Ja, ich habe Theologie studiert.
Gibt es etwas, was Sie aus dieser Zeit gelernt haben?
Natürlich, so gut wie alles. Theologie ist die schönste Geisteswissenschaft, weil sie die Philosophie, die Pädagogik und die Psychologie vereint. Es ist die ganzheitliche Lehre vom Menschen.
Die „Göttin des Entertainments“ ist eine tief religiöse Person?
Ich bin ein gläubiger Mensch, ja. Und das, obwohl ich die Institution Kirche sehr kritisch sehe. Die Institution ist die erfolgreichste Firma aller Zeiten, das reichste und erfolgreichste Unternehmen aller Zeiten ist der Vatikan. Das ist eine 2000 Jahre alte Firma, die Milliarden besitzt und heute noch die Hand aufhält, in jeder Kirche, für jeden Groschen. Die Institution Kirche ist nicht das, was Jesus Christus wollte.
Sie haben trotzdem Ihren Glauben noch nicht verloren?
Das ist ja nicht etwas, was man wie einen Schalter an- und ausknipst. Da sage ich ja nicht, heute ist Sonntag, heute glaube ich, oder jetzt ist Karneval, jetzt vergesse ich den Glauben mal. Ich finde, es ist sehr bedenklich, dass doch immer wieder Menschen den Hochmut besitzen zu glauben, auf die Gnade Gottes verzichten zu können. Ich erflehe und erbitte die Gnade Gottes.
Fragen: Michael Lünstroth