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Konstanz „Der komplette Atom-Ausstieg ist bis 2020 möglich“

Seit der Atomkatastrophe von Fukushima ist er einer der gefragtesten Gesprächspartner: Michael Sailer, Mitbegründer des Darmstädter Öko-Instituts. Jetzt war er zu Gast in Aula der HTWG Konstanz. Der SÜDKURIER traf ihn danach zum Interview.

„Das war eine politische Entscheidung“: Kerntechnikexperte Michael Sailer über das Moratorium der Bundesregierung nach der Atomkatastrophe von Japan.
„Das war eine politische Entscheidung“: Kerntechnikexperte Michael Sailer über das Moratorium der Bundesregierung nach der Atomkatastrophe von Japan. | Bild: Bild: burgard

Seit der Atomkatastrophe von Fukushima ist er einer der gefragtesten Gesprächspartner: Michael Sailer, Mitbegründer des Darmstädter Öko-Instituts. Jetzt war er bei der HTWG Konstanz und sprach danach mit dem SÜDKURIER.

Herr Sailer, war es nach den Ereignissen im Atomkraftwerk von Fukushima von der Bundesregierung richtig, die sieben ältesten Meiler erst einmal vom Netz zu nehmen?

Die sieben Meiler runterzufahren war eine politische Entscheidung, sie basiert aber ganz sicher darauf, dass es bei besagten AKWs sicherheitsrelevante Unterschiede zu neueren Kraftwerken gibt. Auch aus diesem Grund findet jetzt eine Überprüfung mit dem Ziel einer Risikobewertung statt.

Sieben AKWs sind vom Stromnetz getrennt, warum haben wir trotzdem immer noch genug Strom?

Wir haben in Deutschland einen sehr guten Kraftwerkspark, der auf solche Maßnahmen durch sofort verfügbare Reserven vorbereitet ist.

Also bräuchten wir die sieben Atommeiler eigentlich gar nicht?

Theoretisch nicht.

Sind die deutschen AKWs eigentlich sicherer als die japanischen?

Die Reaktortypen sind die gleichen. Auch die Sicherheitsphilosophie, gegen welche Gefahren man sie schützen muss, ist sehr ähnlich.

Kernkraftbefürworter führen die Effizienz und Klimafreundlichkeit von AKWs an, da kein CO entsteht. Sind das nicht sehr gute Argumente für diese Technik?

Insgesamt muss man sich einen Weiterbetrieb von AKWs ausgehend vom Risiko überlegen. Die Gesellschaft muss darüber diskutieren und sich überlegen, welche Risiken sie tolerieren will und welche nicht. Das CO-Argument ist nur eine Seite der Medaille. Wir wissen heute, dass man auch ohne Atomkraft die Klimaziele einhalten kann. Auf der anderen Seite haben wir das Risiko schwerer Unfälle, die durch verschiedenste Ursachen – technisches Versagen, menschliches Versagen, Einwirkungen von außen – entstehen können. Und: Stellen Sie sich ein Kernkraftwerk in Situationen wie derzeit in Lybien vor. Die Menschen sind sensibilisiert für die Unwägbarkeiten dieser Technologie.

Wird erneuerbarer Strom zwangsläufig teurer als Atomstrom?

Zunächst stellt sich die Frage, ob es für die Betreiber oder für den Endverbraucher teurer wird. Wir haben durchgerechnet, dass es für den Endverbraucher unter normalen Marktbedingungen und einem gewissen Innovationsdruck nur etwa um 0,5 Cent pro Kilowattstunde teurer wird. Abgesehen davon, die Atomkraftwerksbetreiber haben in der Vergangenheit nach der beschlossenen Laufzeitverlängerung sogar die Preise erhöht.

Viele Bürger sind offen für erneuerbare Energien. Jedoch gehen sie schnell auf die Barrikaden wenn vor ihrer Haustüre neue Stromtrassen oder Pumpspeicherkraftwerke gebaut werden müssen. Wie kann man diesem Phänomen begegnen?

Aus meiner Sicht brauchen wir zwingend neue Stromtrassen und Speicheranlagen für einen Umstieg. Wir brauchen aber genauso eine breite öffentliche Diskussion und müssen die Bürger frühzeitig an der Diskussion der Bauvorhaben beteiligen.

Bis wann wäre denn ein Komplettausstieg aus der Kernkraft möglich?

Laut unserer Berechnung können über die jetzt gerade stillstehenden acht Anlagen hinaus die meisten AKWs bis 2015 abgeschaltet werden. Die Letzten würden dann vor 2020 vom Netz gehen.

Fragen: Benjamin Burgard

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