Diesen Sommer haben die Menschen den Münsterplatz erstmals richtig genießen können. Menschentrauben vor dem Portal der Kirche und Kaffee schlürfende Touristen auf dem weiten Platz – solche Szenen könnten sich genauso in einer italienischen Stadt abspielen. Die Konstanzer und ihre Gäste konnten endlich das ganze Bauwerk in seiner Pracht genießen, ohne Gerüst und lästige Bauzäune vor dem Hauptportal: Nach 40 Jahren ist die Außensanierung am Münster Unserer Lieben Frau fast beendet. Nur noch an einem kleinen Stück auf der Südseite und in den prunkvollen Kapellen der Kathedrale wird gearbeitet.
Mancher wird das morgendliche Klopfen am Stein hoch über den Köpfen und das Surren der Fräsen in der Bauhütte vermissen. Die Steinmetze haben in den vergangenen Jahrzehnten die Eindrücke am Münsterplatz maßgeblich bestimmt. Nun hat das Leben zwischen Innenstadt und Niederburg ganz andere Qualitäten: Die Menschen können den Turm hochsteigen, den Blick über die Dächer und den Obersee genießen und auf dem – allerdings allzu holprigen – Pflaster flanieren. Frieder Neitsch geht mit seiner Steinmetz-Firma dagegen die Arbeit aus. „Wir waren vertraglich immer ans Münster gebunden. Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht.“ Mindestens sechs Mitarbeiter waren stets beschäftigt, in den Hochzeiten sogar 14. Nun hofft er auf andere Aufträge.
Junge Konstanzer haben den Münsterturm nur mit Gerüst gekannt. Die Arbeiten daran haben alleine 19 Jahre gedauert. Der saure Regen mit seiner ätzenden Fracht hatte dem weichen Sandstein im Laufe der Jahrhunderte arg zugesetzt. Begonnen haben die Arbeiten 1968. „Das Münster war in einem miserablen Zustand“, sagt Münsterbaumeister Alois Arnold vom Amt Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Konstanz. Die Steinmetze waren lange mit der völlig verwitterten Nordseite beschäftigt. Über zehn Jahre Arbeit steckten sie in die Welserkapelle. Sie befindet sich am Nordturm, also links vom Betrachter, wenn er vor dem Hauptportal steht. Alle Arbeiten mussten stets mit dem Denkmalschutz abgestimmt werden. Das mächtige Meisterwerk zeigt überall Spuren der Steinmetze. Frieder Neitsch: „Wir kennen jeden Quadratzentimeter. Jeden einzelnen Stein haben wir behandelt oder mühsam selbst gehauen.“ Sie haben Stellen erklommen, an die sonst kein Mensch kommt, so das Oktogon, der achteckige mittlere Turmaufsatz. „Vor uns war da über 60 Jahre niemand mehr oben.“ Solche Zeitspannen dürfte es nicht mehr geben, denn künftig soll der Zustand der Mauern regelmäßig geprüft werden, sagt Arnold. Er will rechtzeitig reagieren, wenn sich der saure Regen wieder in die Ritzen frisst. Die Arbeit wird also nie ausgehen, doch er weiß noch nicht, wie sein Etat künftig ausfällt. Das Land hat bislang rund 30 Millionen Euro in die Sanierung gesteckt.
40 Jahre sind eine kurze Zeit angesichts der langen Geschichte des Münsters. Eine Bischofskirche wurde Mitte des 8.Jahrhunderts erwähnt, in der Lebensbeschreibung des Hl. Gallus ist bereits 615 von einer Marienkirche in Konstanz die Rede. Die letzte große Sanierung erfolgte von 1932 bis 1938. Damals wurde viel Beton verbaut, worüber die Steinmetze nicht sonderlich glücklich sind.
Bis Ende des Jahres werden die Arbeiten an der Außenhaut auf der Südseite gehen. Außerdem muss noch der Dachreiter im Osten repariert werden. Etwas länger dauern die Arbeiten an den prächtigen 16 Seitenkapellen. Alois Arnold: „2010 wird das Münster insgesamt in einem guten Zustand sein.“
Feinarbeit leistet Magdalena Poray-Schäfer. Die 39-Jährige streift die Stirnlupe über den Kopf, um kleinste Unregelmäßigkeiten auf einem Bild zu finden. Als studierte Restauratorin hat sie den Auftrag bekommen, den Altar einer Kapelle zu sanieren. Nach einer genauen Bestandsaufnahme ist Detektivarbeit gefragt: Sie muss alles über die Geschichte des Münsters, der Kapellen und der Malereien wissen. Gab es Brände, Erdbeben oder Plünderungen in der Geschichte der Kirche? Nur so kann sie einschätzen, wie ein Altar oder ein Bild restauriert werden muss. Magdalena Poray-Schäfer, die ein Atelier im Paradies hat, musste den Ist-Zustand in der Kapelle erhalten. So bestand ihre Hauptarbeit im Reinigen und kleineren Reparaturen. Das hört sich allerdings leichter an, als es ist: Jede Mal- oder Bildhauertechnik bedarf einer anderen Art der Reinigung. Am Altar musste sie manches korrigieren: „Es gab einige Sünden von früher.“ Das lag nicht nur an einer Restaurierung in den 20-er Jahren, im unteren Bereich hatten noch andere ihre Finger im Spiel: „Da kamen auch die Putzfrauen gut dran.“ Nach der Arbeit muss sie alles fein dokumentieren, mit Bildern und Aufzeichnungen.
Alois Arnold macht die Arbeit am Meisterwerk nach wie vor große Freude. „Spannend ist die Ablesbarkeit einer Baugeschichte von 1200 Jahren.“ Ins Schwärmen gerät er beim Betrachten der bunten Fenster: „Wenn man sieht, wie fein die gemalt sind – das ist phänomenal!“ Man sehe an ihnen die Handschrift der unterschiedlichen Werkstätten, in denen sie gefertigt wurden. Die Farben kommen aber erst nach der Überarbeitung wieder zur Geltung. Alle Fenster werden ausgebaut und in einer Überlinger Werkstatt aufwändig restauriert. Zu ihrem Schutz wird eine zusätzliche Verglasung außen am Gebäude eingebaut. Sie sollen schließlich noch in 40 Jahren ganz frei von Schmutz ihre Geschichte erzählen.
