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16.07.2012  |  von  |  0 Kommentare

Konstanz Das Lächeln des Siegers

Konstanz -  Bittere Enttäuschung hier, große Freude dort: Der Wahltag im Rathaus in Szenen. Mit Video!

Alle Augen auf die Leinwand: Rund 300 Bürger verfolgten gestern Abend im Rathaushof die Auszählung der Konstanzer OB-Wahl. Jubel brandet nur selten auf. Einmal, als Sabine Seeliger zwischenzeitlich auf Platz 2 landete und ein zweites Mal, als der designierte Oberbürgermeister Uli Burchardt eintraf.  Bild: scherrer

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Redakteur Konstanz

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Man muss unweigerlich an Meister Yoda aus der Star-Wars-Reihe denken. Lothar Burchardt wandelt durch die Reihen des vollbesetzten Ratssaals. Es ist 19.04 Uhr. Die Konstanzer haben soeben seinen Sohn Uli zu ihrem neuen Oberbürgermeister gewählt. Und Lothar Burchardt, den viele in Konstanz auch als intimen Kenner der Konstanzer Stadtgeschichte kennen, ruht vollkommen in sich. Er jubelt nicht, eher schwebt er fast durch den historischen Raum, aber er lächelt. „Ich bin sehr glücklich heute. Das waren sehr, sehr anstrengende Wochen zuletzt, aber jetzt bin ich unglaublich stolz auf Uli“, sagt Burchardt. Nur zwei Meter entfernt von ihm steht er, der Uli. Im Blitzlichtgewitter. Schwitzend. Strahlend. Händeschüttelnd.



Dass es am Ende so kommen würde, war an diesem Sonntagnachmittag um 17.46 Uhr nicht abzusehen. Die letzten zwei Wahlkampfwochen waren hart. Es gab unfaire Angriffe, viele Gerüchte. Und fast jeder, den man fragte, vermutete ein ganz enges Ergebnis für diesen zweiten Wahlgang. Zum Beispiel Jan Mittelstaedt. Er ist einer der Geschäftsführer der Konstanzer Werbeagentur „Lorth Gessler Mittelstaedt“. Seit zehn Wochen hat er die Kandidatin Sabine Reiser intensiv im Wahlkampf begleitet. Sein Unternehmen hat die Internetseite für Reiser gestaltet und Mittelstaedt hat sich auch persönlich eingebracht. Ob er nervös ist so wenige Minuten vor Schließung der Wahllokale? „Seit heute morgen bin ich erstaunlich gelassen. Ich weiß, dass wir alles getan haben für den Erfolg unserer Kandidatin. Den Rest entscheidet jetzt der Wähler“, erklärt Mittelstaedt.

Auch an ihm selbst sei der Wahlkampf nicht spurlos vorbei gegangen: „Gerade in der letzten Woche war ich überrascht zu sehen, was der Wahlkampf aus Menschen machen kann“, sagt Mittelstaedt. Was er konkret damit meint, will er nicht sagen. Aber es unterstreicht, dass es im Endspurt in Konstanz eher derber zuging.

Während drinnen im Ratssaal Minute um Minute die Temperatur steigt, füllt sich auch der Rathaushof um kurz nach 18 Uhr stetig. Am Ende werden es rund 300 Bürger sein, die hier zum politischen Public Viewing zusammen gekommen sind. Einer von ihnen ist Benno Buchczyk. Vor zwei Wochen war er noch selbst OB-Kandidat. Jetzt will er live beobachten, wer denn letztlich in das Chefbüro des Rathauses einzieht. „Ganz gleich, wie es heute Abend ausgeht, sollte eine bestimmte Kandidatin heute nicht gewinnen, dann schätze ich, dass wir sie im nächsten Jahr bei der OB-Wahl in Singen wieder sehen werden“, sagt der Pirat. Dass er Sabine Reiser meint, sagt er nicht, aber er spielt doch deutlich auf frühere erfolglose Kandidaturen von Reiser an.

Für Abgesänge ist es um 18.25 Uhr allerdings noch zu früh. Der unabhängige Kandidat mit CDU-Parteibuch und Förster-Diplom, Uli Burchardt, liegt nach 26 von 74 Wahlbezirken vorne. Rund neun Prozentpunkte vor seinen Mitbewerberinnen. Jubel brandet im Rathaushof auf. Aber nicht wegen Burchardt, sondern weil Sabine Seeliger in diesem Moment das erste Mal vor Sabine Reiser liegt. Die Freude bei den Anhängern der grünen Kandidatin währt nur kurz. Schon nach dem nächsten Wahlbezirk liegt Reiser wieder vor Seeliger. An der Spitze thront weiter unangefochten Uli Burchardt. Seine Anhänger schauen ungläubig auf die Zahlen. Diesen konstant sicheren Vorsprung hatten wohl auch sie nicht erwartet.

Alexander Fecker, früherer Fraktionsvorsitzender der CDU im Gemeinderat, hatte das nicht nur nicht erwartet, sondern im Leben nicht damit gerechnet. Er war glühender Unterstützer von Sabine Reiser. Hat für sie gerackert und geworben. Und jetzt das. „Ja, was soll ich sagen? Ich hätte das eher andersherum erwartet“, sagt Fecker. Die Mundwinkel hängen nach unten. Nur noch fünfzehn Wahlbezirke müssen ausgezählt werden. Alexander Fecker weiß, dass das Rennen gelaufen ist. Trotzdem starrt er weiter auf den Bildschirm, als könnte er mit seinem Blick das Ergebnis vielleicht doch noch zugunsten von Reiser drehen. Es wird nicht passieren.

Um Punkt 18.49 Uhr, es fehlen noch sechs Wahlbezirke und Burchardt liegt inzwischen mit fast 2000 absoluten Stimmen vorne, betritt der designierte Wahlsieger den Rathausinnenhof. Verhaltener Applaus. Uli Burchardt lächelt. Er hat seine Tochter Amelie und seine Lebensgefährtin Barbara Ehniss mitgebracht. Durch die schmale Wendeltreppe in einem der Renaissance-Türme des Rathauses schlängelt sich das Trio nach oben. Jeder weiß jetzt – die Wahl ist entschieden. Die Fotografen positionieren sich. Burchardt strahlt. Ein Blitzlichtgewitter geht auf ihn nieder. In diesem Moment sieht Sabine Seeliger unglücklich, Sabine Reiser sehr unglücklich aus. Sie sind die Verliererinnen des Abends. Während die 50-jährige Regierungsdirektorin Reiser relativ bald nach der Ergebnisverkündung den Ratssaal verlässt, zeigt sich Sabine Seeliger souveräner. Sie gratuliert dem Gewinner Uli Burchardt und sagt im Vorbeigehen zu Stadtkämmerer Hartmut Rohloff noch: „Ja, schade. Ich hätte gerne mit Ihnen zusammen gearbeitet.“ Rohloff nickt. Anerkennend.

Zu dem Zeitpunkt schüttelt Uli Burchardt immer noch Hände. Auf die Frage, wie er den Tag verbracht habe, sagt er: „Am Schreibtisch. Ich musste ein paar Dinge abarbeiten, die zuletzt liegen geblieben waren.“ So cool muss man erstmal sein. Aber vielleicht ist das einfach so, wenn man einen meister-yoda-gleichen Vater hat.

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Seit 2012 ist Uli Burchardt Oberbürgermeister von Konstanz. Im SÜDKURIER Themenpaket erfahren Sie, wofür sich der OB einsetzt, wie er mit Bürgern kommuniziert und mit welchen Argumenten er sich vor seiner Wahl empfohlen hatte.

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