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Konstanz Das Gedächtnis der Stadt: Archivar Norbert Fromm geht in Rente

Norbert Fromm ist Archivar und kennt die bedeutenden, geheimnisvollen und lustigen Seiten der Konstanzer Stadtgeschichte aus erster Quelle. Nach fast 40 Jahren geht er im Februar in Rente.

Wer zu Norbert Fromm möchte, muss erstmal an der Konstanzer Geschichte vorbei. In den Vitrinen und Bilderrahmen im Gang des Stadtarchivs hängen Wappenbriefe aus dem Mittelalter, Beweismittel aus historischen Gerichtsverhandlungen, Bilder vom Konstanz der 70er Jahre. Zu jedem Stück Konstanz kennt Norbert Fromm die Geschichte. Zu den Bildern aus den 70ern kann er seine persönliche Geschichte erzählen: Denn damals hat er angefangen, im Stadtarchiv zu arbeiten.

Fromm ist sozusagen Ur-Konstanzer, wenn man ihm die Geburt in der Oberpfalz nachsieht. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist er schließlich schon in Konstanz. Lieblingsfach? „Geschichte natürlich“, antwortet Fromm lächelnd unter dem grauen Schnauzbart. Später studierte er an der Uni Konstanz in einem „dezenten Haufen“, sagt Fromm, von sechs oder sieben Studenten pro Kurs, Geschichte und Politikwissenschaft. „Kein Massenbetrieb wie heute“, aber auch ohne die Annehmlichkeiten der Gegenwart: In Ermangelung eines Kopierers musste Fromm schon mal in Vorbereitung auf eine Prüfung 30 DIN-A4-Seiten per Hand abschreiben.

In den alten Konstanzer „Rathus Prothocoolen“ kann Fromm fast flüssig lesen.
In den alten Konstanzer „Rathus Prothocoolen“ kann Fromm fast flüssig lesen. | Bild: Oliver Hanser

Nach der Uni machte Fromm 1977 eine Ausbildung zum Archivar – und musste erst einmal lesen lernen. Kenntnisse über die altdeutsche Schrift sind wesentlicher Bestandteil der Archivarsausbildung. Eine Fähigkeit, die bis heute kein Computer übernehmen kann. Den Wappenbrief, der in der Vitrine hängt, kann Fromm flüssig vorlesen. Er stammt aus dem Jahr 1550, von der Familie Schulthaiß. Allein die Anrede mit den Besitztümern geht über mehrere Zeilen. „Unser schönster Wappenbrief“, sagt Fromm und geht in seinen Arbeitsbereich im Benutzerservice. Gleich neben dem Eingang stapeln sich die Regale mit den Ordnern über die Persönlichkeiten der Stadtgeschichte. 250 Ordner mit 55 000 Biografien sind es inzwischen. Am Regalende steht eine Packung Marlboro.

Ebenfalls ausgestellt: Beweismittel aus 
einem Konstanzer Mordprozess im Jahr 1770.
Ebenfalls ausgestellt: Beweismittel aus einem Konstanzer Mordprozess im Jahr 1770. | Bild: Oliver Hanser

Norbert Fromm hat es vor allem eine Persönlichkeit aus der Konstanzer Historie angetan: German Wolf, ein badischer Hoffotograf, der Stadtansichten, Baudenkmäler, Persönlichkeiten und gesellschaftliche Ereignisse in Konstanz im 19. Jahrhundert dokumentierte. Rund 8300 Plattennegative des Wolf'schen Ateliers und dem seiner Söhne befinden sich im Stadtarchiv, alle digitalisiert. „Ich finde es fantastisch, dass jemand zu dieser Zeit schon die Weitsicht hatte, Dinge für die nachfolgenden Generationen festzuhalten.“ Trotz seiner intensiven Recherchen über Wolf gibt es aber dennoch ein Rätsel, dass Fromm nicht lösen konnte: Wo Wolf das Fotografieren gelernt hat. „Das hätte mich schon noch interessiert“, sagt er.

Neben der Recherche für Sachbücher oder Aufsätze hilft Fromm aber vor allem anderen, die in der Vergangenheit fündig werden wollen. Vorwiegend sind das Wissenschaftler und Autoren, aber auch Privatleute, die zum Beispiel etwas über ihre Familiengeschichte erfahren wollen. Dabei werden nicht alle fündig. Denn in die Geschichte gehen vor allem die schwarzen Schafe ein, sagt Fromm und lächelt. „Die, die auffallen, machen das Salz in der Suppe. Und von denen gibt es dann zum Beispiel Polizeiakten.“ In der Vitrine vor Fromms Arbeitsbereich liegt ein Messer aus einem Mordprozess gegen einen Wallhauser von 1770.

Gibt es etwas, findet es Fromm auch. Das liegt vor allem an dem guten Verzeichnis, sagt Fromm. Wobei er im selben Zug zugibt: Zuhause klappt das mit der Archivierung von Dokumenten nicht immer so perfekt. Berufsproblem. Auch Familienforschung in eigener Sache hat Fromm nie betrieben. „Nein, ich habe keinen Ehrgeiz, auf weltbekannte Vorfahren zu stoßen“, sagt er. Vielmehr freut es ihn, jetzt für seine gegenwärtige Familie mehr Zeit zu haben.

Früher in der Katzgasse, heute am Benediktinerplatz: Norbert Fromms Arbeitsplatz…
Früher in der Katzgasse, heute am Benediktinerplatz: Norbert Fromms Arbeitsplatz… | Bild: Oliver Hanser
…und der von Ludwig Leiner (1830 bis 1901), 
der im Stadtarchiv aufbewahrt wird.
…und der von Ludwig Leiner (1830 bis 1901), der im Stadtarchiv aufbewahrt wird. | Bild: Oliver Hanser

Die Arbeit als Archivar

Im Stadtarchiv befinden sich Werke zur Geschichte der Stadt Konstanz und Umgebung ab dem frühen Mittelalter bis heute. Archivare wie Norbert Fromm organisieren Ausstellungen, geben Quelleneditionen und Aufsätze heraus. Die Kernaufgaben aber liegen hinter den Kulissen: Sie sichten Dokumente, zum Beispiel aus Nachlässen oder von Ämtern, und entscheiden, ob diese archivwürdig sind – oder eher etwas für den Reisswolf. Dann muss das Archivgut klassifiziert und verzeichnet werden, um es bei Anfragen von Wissenschaftlern, Kuratoren oder Privatpersonen schnell zu finden.



Fünf Fakten zur Konstanzer Stadtgeschichte und Einblicke in die Arbeit von Stadtarchivar Nobert Fromm:
 

  1. In den Rathaus-Protokollen des Stadtschreibers Jörg Vögeli (1549/51) sind auch Zeichnungen zu finden. Allerdings keine Grundrisse oder ähnliches – sondern Tiere oder Fantasie-Figuren. Warum? „Nun ja, Ratssitzungen konnten sich auch damals schon in die Länge ziehen“, erklärt Stadtarchivar Norbert Fromm. Da Vögeli aber ein begabter Zeichner war, ließ man seiner künstlerischen Beschäftigungsmethode freien Lauf. „Sonst hätte man wohl früher darauf hingewirkt, dass das unterlassen wird“, so Fromm.
  2. Wenn Norbert Fromm Kopien von alten Rathausprotokollen erstellt, ist das nicht unproblematisch. Auf den Seiten ist noch der Sand, mit dem früher die Tinte abgelöscht wurde.
  3. Einer der wichtigsten Ratsbeschlüsse der Stadt befindet sich in den Dokumenten aus dem Jahr 1387: Der Beschluss zum Bau des Kaufhauses – also des Konzils.
  4. Das Stadtarchiv befand sich im 19. Jahrhundert noch im Keller des heutigen Rathauses. Später zog es in die Katzgasse um, heute ist es in dem Konventbau am Benediktinierplatz in Petershausen untergebracht. „Für eine Stadt dieser Größe ist das Archiv sehr umfangreich und vielfältig. Das ist das Schöne“, sagt Fromm.
  5. Nachlässe sind wichtige Quellen für die Erschließung historischer Dokumentationslücken. Norbert Fromm erinnert sich vor allem an einen Nachlass: Der des Konstanzer Theaterfotografen Hans Tschira, der zwischen 1945 und 1951 die Aufführungen in der Stadt mit der Kamera dokumentierte. Zuvor gab es für diese Zeit kein Material. „Wenn man diese Lücke dann schließen kann – da schüttet man als Archivar schon Glückshormone aus“, beschreibt es Fromm.

 

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