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Konstanz Darum hat es moderne Architektur so schwer

Gute Architektur, böse Architektur: Warum wir manche Gebäude hassen, andere hingegen lieben, versuchen jetzt Psychologen zu erklären

Erinnerung an alte Zeiten: Das Hochhaus in der Moltkestraße in Petershausen.
Erinnerung an alte Zeiten: Das Hochhaus in der Moltkestraße in Petershausen.

Es ist fast immer das gleiche Spiel: Dem Lob der Experten folgt oft das Kopfschütteln der Laien. In wenig anderen Feldern liegen die Meinungen so oft so weit auseinander wie bei der Architektur. Pläne für neu zu errichtende Gebäude werden stets leidenschaftlich diskutiert. Eine allzu gewagte, moderne Architektur hat es da oft schwer. Sie wird als kalt, gesichtslos, unpassend oder hässlich empfunden. Auch in Konstanz gab es immer wieder Debatten. Jüngster Streitfall zwischen Experten und Laien war die Luxusbrücke an der Bodanstraße. Der Siegerentwurf eines Architektenwettbewerbs fand bei vielen Konstanzern kein allzu gnädiges Urteil. Auch das Gebäude des Aquariums „Sea Life“ auf Klein Venedig, ebenfalls Sieger eines Wettbewerbs, wird immer wieder heiß diskutiert. Dabei steht einem differenzierten Expertenurteil oft ein subjektiv intendiertes Daumensenken der Laien entgegen. Gelungene Architektur ist indes kaum nach den Kategorien „Gefällt mir/gefällt mir nicht“ zu beurteilen.

Wie es zu den unterschiedlichen Einschätzungen von Architektur kommen kann, legt jetzt auch eine Ausstellung im Gewölbekeller des Kulturzentrums am Münster nahe. Friedrich Ludmann zeigt hier exemplarisch, wie subjektiv verschieden Bauten empfunden werden können. Am Horizont schwebt der Begriff der Architekturpsychologie über der Schau. Diese relativ junge Disziplin will menschliches Erleben und Verhalten im Kontext von Architektur beschreiben, erklären und vorhersagen. Einer, der sich bereits seit mehreren Jahren mit diesem Thema beschäftigt, ist Peter Richter.

Der Psychologieprofessor der Technischen Universität Dresden hat einige Begriffe der Wahrnehmungspsychologie in die Architektur übertragen und versucht so zu erklären, warum bestimmte Bautypen abgelehnt werden beziehungsweise Proteste auslösen. So hat er auch jüngst in einem Vortrag in Konstanz erläutert, warum es moderne Architektur heute oft schwer hat in der öffentlichen Meinung. Für ihn ist dabei elementar der Grad der Vertrautheit. Was so viel bedeutet wie: Menschen nehmen traditionelle Baustile und Gebäude eher als positiv wahr als gewagte und modern konzipierte Bauten. „Sofern Bauherren Gebäude errichten, die deutlich von der ortsüblichen Eigenheiten anderer Bauten hinsichtlich Größe, Form, Materialien, Farbe, etc. abweichen, grenzen sie sich auch von der sozialen Umgebung ab“, so Richter. Das könne Druck erzeugen, der dann in der Bevölkerung oder bei Betroffenen in der Form des Protests frei werden könne.

Wie etwas wahrgenommen wird, hänge, so Richter, auch von der Prägung des urteilenden Menschen ab. So schlussfolgert er unter anderem aus mehreren Studien, dass Personen, die während des Vorschulalters im ländlichen Raum gewohnt haben, auch im späteren Leben eine natürliche Umwelt einer künstlich gebauten Umwelt stets vorziehen werden. Ob das tatsächlich eine Konsequenz für jedes zu beurteilende Gebäude hat, lässt sich daraus indes nicht ableiten. Es geht lediglich um Vorlieben aus Gewohnheiten, die eine Einschätzung prägen könnten. Dazu kommen weitere einflussnehmende Faktoren wie Symmetrie/Asymmetrie eines Gebäudes, dessen Komplexität oder Einfachheit, die Gefühlslagen oder der soziale Status des Beurteilers.

Trotzdem, so glaubt Richter, ist unkonventionelle und moderne Architektur auch im 21. Jahrhundert nicht per se zum öffentlichen Scheitern verurteilt, und verweist unter anderem auf das Beispiel des Guggenheim-Museums in Bilbao. Ein Schlüssel für Richter liegt in mehr Nutzerbeteiligung. Die Architekturpsychologie könne hier bei der Neu- und Umgestaltung von Stadtvierteln oder Quartieren helfen. So könnten im Vorfeld von Baumaßnahmen Nutzerbedürfnisse erfasst werden und in dem Konzept berücksichtigt werden. Für ihn ist klar: „Eine Entscheidung weniger Experten bei der Planung von Umwelten in demokratisch verfassten Gesellschaften wird immer seltener möglich sein“, so Peter Richter. Dazu gehöre auch eine Vermittlung von Wissen an Laien und ein entsprechendes Kommunikationstraining für die Experten.

Tatsächlich ist die Psychologie aber nur ein Instrument, um dieses Phänomen zu erklären. Die Wahrnehmung von Investoren-Architektur als kühl und gesichtslos wurzelt ein Stück weit auch in der Sorge um den Ausverkauf des öffentlichen Raumes an den Kommerz und dem Wunsch nach Orten, die nicht wirtschaftlichem Nutzen unterliegen. Das betrifft Konstanz ebenso wie viele andere deutsche Städte.

Teuer, aber ungeliebt: An der Bodanbrücke scheiden sich die Geister.
Teuer, aber ungeliebt: An der Bodanbrücke scheiden sich die Geister. | Bild: Bilder: hanser
Gewinner eines Wettbewerbs: Das Gebäude des Sea Life auf Klein Venedig.
Gewinner eines Wettbewerbs: Das Gebäude des Sea Life auf Klein Venedig.
Zweckmäßig, dunkel und unwirtlich: Das Seerhein-Center am Zähringerplatz.
Zweckmäßig, dunkel und unwirtlich: Das Seerhein-Center am Zähringerplatz.

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