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Konstanz „Crossdresser werden oft stigmatisiert“

Diplom-Psychologe Timo O. Nieder arbeitet als klinischer Psychologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Einer seiner Schwerpunkte ist die Vielfalt im geschlechtlichen Erleben und Verhalten von Menschen.

Herr Nieder, wie definieren Sie einen Crossdresser?

Ein Crossdresser ist jemand, der das Bedürfnis hat, vorübergehend Kleidung des Gegengeschlechts zu tragen und diesem Bedürfnis nachgeht.

Nur Männer, oder auch Frauen?

Es betrifft eigentlich beide Geschlechter. Es fällt uns jedoch stärker bei Männern auf, weil das Crossdressing bei Frauen gesellschaftlich deutlich akzeptierter ist. Wenn Sie sich einen Mann in Damenkleidung vorstellen, ist das auffälliger als eine Frau in Männerkleidung. Frauen haben sich die männliche Kleidung erobert, umgekehrt steht das bei den Männern noch aus. Wir bewegen uns jedoch zunehmend in einem Zeitalter, in dem die eindeutige geschlechtsspezifische Zuordnung von Kleidung zu Frauen und Männern an Bedeutung verliert. Beispielsweise gibt es mittlerweile Leggins für Männer („Meggins“).

Sind Crossdresser bei der Frage nach ihrer Geschlechtsidentität verwirrt? In manchen Augen werden sie als krank angesehen.

Das Crossdressing bedeutet zunächst schlicht das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts und ist keine Krankheit. Da unsere zweigeschlechtliche Weltanschauung jedoch nur Mann oder Frau kennt, gibt es bislang wenige Bereiche, in denen „etwas dazwischen“ akzeptiert wird. Daher lastet auf Crossdressern ein enormer Druck. Insbesondere Männer in Damenkleidung werden häufig stigmatisiert: sie werden beschimpft, beleidigt und ausgegrenzt. Dies kann zu psychischen Problemen führen. Die Frage nach der Geschlechts identität kann, muss aber nicht in einem direkten Zusammenhang mit dem Crossdressing stehen. Zunächst stellt sich die Frage, weshalb dieses Bedürfnis, diese Sehnsucht nach dem Tragen andersgeschlechtlicher Kleidung besteht. Die Reflektion dessen ist ein wesentlicher Bestandteil unserer psychotherapeutischen Arbeit mit Crossdressern. Im Einzelfall kann es dann doch etwas mit der Geschlechtsidentität zu tun haben.

Wie sind Ihre Erfahrungen? In der Literatur ist die Flucht vor dem Alltag, vor den männlichen Attributen als ein Grund genannt.

Das ist eine der Hypothesen, die uns immer wieder begegnet: dass eine Person die männliche Geschlechtsrolle, die mit Stärke, Verantwortung und Dominanz verknüpft wird, auch als anstrengend und überfordernd empfindet. Zeitweilig bevorzugt er die weibliche Rolle, um dem zu entfliehen.

Die meisten Crossdresser, sagen Experten, sind heterosexuell, haben Familie. Welche Sorgen bereitet ihnen das Outing?

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass eine Ehefrau irritiert und ihr unklar ist, was ihr Mann nun möchte. Wir bemühen uns in der psychotherapeutischen Behandlung um kreative Lösungen: dass der Betroffene seine Bedürfnisse ausleben, gleichzeitig seine sozialen Beziehungen wahren kann. Das ist ein wichtiger Faktor, um die psychische Stabilität der Menschen zu gewährleisten.

Der britische Mediziner Vernon Colemann schätzt eigenen Studien zufolge, dass zehn Prozent der Männer das Bedürfnis haben, Frauenkleidung zu tragen. Können Sie diese Einschätzung teilen?

Prinzipiell haben wir den Eindruck, dass dieses Thema deutlich mehr Männer beeinflusst, als bisher bekannt ist. Die Frage ist letztendlich nur: Was steckt dahinter? Ist das Crossdressing nur ein vorübergehender Spaß, ist es ein Spiel mit dem Tabu oder steht es in Verbindung mit Unsicherheiten im Rahmen der Identität, beispielsweise um experimenteller und kreativer seinen Weg gehen zu können?

Fragen: Philipp Zieger

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