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Konstanz

Contra Fasnacht: Eine Misere

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An Fasnacht gelten andere Gesetze – und das wiederum regional unterschiedlich. Alexander Michel aus der politischen Redaktion des SÜDKURIER will das nicht nachvollziehen. Generell hat er ein Problem mit der Fasnacht. Welches, das erläutert er im Contra.

Die ganze Misere und Irreführung der Bürger beginnt schon mit der Namensgebung. Wie heißt das Ding, von dem wir da reden und das uns bis Aschermittwoch in Ketten schlägt? Fasnet? Fastnacht? Fassenacht? Fasching oder – wie es am Bett von Vater Rhein so lautstark gesungen wird – Karneval? Hier ist nach mehr als 150 Jahren Separatismus endlich einmal Klarheit und Transparenz zu schaffen – ebenso wie in der Frage der akustischen Zustimmung: Narri-Narro, Ho Narro, Helau oder Alaaf.

Wie man mir mehrfach bestätigt hat, soll derjenige, der den falschen Rufton anschlägt, ernsthafte Konsequenzen zu befürchten haben. Es wäre also sinnvoll, die Sache bundeseinheitlich zu regeln, zumal das närrische Brauchtum plötzlich überall Blüten treibt, wo vorher eine reine Wüste war: Tübingen ist so ein Beispiel oder das preußisch-tiefprotestantische Berlin (per se eine Narrenhochburg), aber auch Frankfurt, von wo Fassenachter früher nach Määnz oder zumindest nach Wiesbaden pilgern mussten, wollten sie den Rosenmontag mit Ernst Negers Humba-Täterä und Margit Sponheimers Gell, du hast misch gellegärn? fidel begehen.

Die Fasnet wird also zunehmend unübersichtlicher und diffus. Es scheint gar keinen „Gott Jokus“ zu geben, der den Wildwuchs steuert und auch mal Blitze zur Erde sendet. Auch die so verehrte „Narhalla“ ist als obere Instanz ausgefallen oder feiert, vertrieben von unterirdischen Büttenreden, inzwischen vermutlich in Rio.

 

Doch die menschlichen Instanzen, die die Fasnet unter ihre freundliche Obhut nehmen, sind zwiespältige Gesellen. Sie treten auf als Lordsiegelbewahrer der Tradition, als Gralshüter der akkurat bemessenen Narrensprünge, als wachsame Obleute des Brauchtums. Sie sagen: Fastnacht nur in der Fastnacht feiern – und verkennen, dass unsere Gesellschaft stets neue Narren hervorbringt, die sich nicht an den Fahrplan halten. Sie sagen: Schluss mit neuen Figuren und Masken, nur das Alte hat Bestand. Sie sehen nicht, dass uns fast täglich Fratzen anstarren, die sich nicht zwischen Dreikönig und Aschermittwoch bannen lassen.

Die Fastnachtsbürokraten und vereinsmeierlichen Tollitäten sitzen in ihrem Museum und erdenken Regeln um ihrer selbst willen. Ihr Bekenntnis lautet: So nicht! Das anarchische Aber auch! stört nur. Könnte Unruhe bringen, ist verdächtig, nervt. So bleibt dieser Narr unter seinesgleichen und dient einem anderen Götzen: dem der Ernsthaftigkeit. Statt Spaß Papiere, statt Witz philiströse Bedenken, statt Freiheit Nackenschläge mit der Schweinsblase. Hexenhäs und Schemen, ursprünglich Ausdruck von Kreativität und Phantasie, werden zu Schablonen, und ihre Träger zu Statisten tiefgefrorener Folklore.

Der Fastnacht mit der Schraubzwinge liegt ein elitäres, meist männerbündlerisches Verständnis zugrunde, das sich gegen Öffentlichkeit abschottet. Botschaft: Ihr gehört nicht dazu. Ausschluss statt Integration. Die närrische Hochburg wird zur uneinnehmbaren Festung. Bei dieser Versteinerung und Vergeistlosung wirken viele mit. Auch jene Saalfastnachter, die immer wieder die alte Leier spielen – und denen leider in öffentlichen und privaten Sendern Tür und Tor geöffnet wird. Brauchtum wird hier zu billiger Jahrmarktsware, im Grunde eine Konserve in der Endlosschleife. Für ihre Darbietungen nutzten die Schmalspurnarren schon früher gedruckte Redevorlagen von der Stange. Noch einfacher geht's heute übers Internet. Reime per Mausklick runterladen, Seelenkonfetti als geballte Ladung – wenn 13,50 Euro geflossen sind. Dann sind alle Typen zu haben: „Der Patient“, „Die Klofrau“, „Die Kaffetante“, „Der Stammtischbruder“ oder für die Hiesigen: „Der Schweizer“. Die Fließbandredenschreiber tragen dick und dicker auf: „Zu toppen ist der Erfolg, wenn man Namen von anwesenden Personen einsetzt.“ Wolle mer'n roilosse? Zu spät. Er ist schon da und hebt an zum gnadenlosen Rambazamba.

Die originelle, spontane, authentische Fastnacht, die sich jedes Jahr neu erfindet, die sich im „s'goht degege“ an Autoritäten reibt, hat es schwer, sich gegen das Reglement von drögen Zunftmeistern und beflissenen Prominenzbesingern zu behaupten. Gerade sie machen mitunter das Gegenteil von Fastnacht und verbrüdern sich im Glanz eigener landrätlich-hochwichtiger Bedeutsamkeit etwa mit einem bräsigen rathäuslichen Regenten, der in der Kulisse eines Hegau-Schlösschens in einen elitären Narrenzirkel aufgenommen wird. Man(n) feiert (oder fördert?) sich selbst. Fasnet absurd. Satire ade. Hier ist im Grunde schon an Dreikönig Aschermittwoch.

Von der Brust baumeln die Blechorden. Jedes Jahr kommt einer dazu. Die Fastnacht wird metallisch. Es hieß einmal, der Narr halte dem anderen den Spiegel vor. Das sind so Sprüche. Denn diese Kunst beherrschen die allerwenigsten und die Verwalter der Fastnacht schon gar nicht. Narrengerichtliche Anklagen haben daher Konjunktur. Denn sie ducken sich weder vor klerikaler Würde noch gräflichem Dünkel. Deshalb erwarten wir nicht untertänig, sondern klassenbewusst den Schmotzigen – oder wie man andernorts sagt die Altweiberfastnacht, auch genannt Fetter Donnerstag. Es bleibt also chaotisch. Aber das, so viel steht nach 150 Zeilen Selbsterforschung dann doch fest, gehört zur Fastnacht wie das Kölle zum Alaaf, der Weck zu Worscht und Woi oder das Ho zum Narro!

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Autor: Alexander Michel
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