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Konstanz Centrotherm-Insolvenz schockt Solarstadt

12.07.2012
Konstanz -  In Konstanz hatte damit kaum jemand gerechnet: Centrotherm, der Hoffnungsträger für die Stadt, ist insolvent.

Nicht mehr eitel Sonnenschein: Das Solarunternehmen Centrotherm hat ewrst vor einem halben Jahr einen riesigen Neubau am Konstanzer Seerhein bezogen. Jetzt musste es die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung beantragen.  Bild: Jörg-Peter Rau

Bei Centrotherm in Konstanz: Mitarbeiter an den Geräten, mit denen die Forschung im Solar-Anlagenbau vorangetrieben werden sollen.  Bild: archiv hanser

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In der Stadt können es viele kaum fassen. Vor einem halben Jahr hat die Firma Centrotherm erst den eilig hochgezogenen, großen, weißen Bau zwischen Reichenaustraße und Seerhein bezogen. Mindestens 25 Millionen Euro hatte die Gruppe mit Hauptsitz in Blaubeuren investiert, sich sogar noch eine Option aufs rheinabwärts gelegene Nachbargrundstück geben lassen. Und jetzt: Insolvenz. Schon machen die ersten Ideen die Runde: Man könne es vielleicht billig bekommen und zur Stadthalle umbauen.

Nur wenige Autos standen am Mittwochmorgen vor dem Bau, der noch vor wenigen Monaten so etwas sein sollte wie das Flaggschiff des Wirtschaftsstandorts. Da war die Nachricht, zu nächtlicher Stunde per Ad-hoc-Mitteilung an die Aktionäre verschickt, erst wenige Stunden alt: Die Centrotherm Photovoltaics AG in Blaubeuren ist insolvent. Nicht nur Kommunalpolitiker und Verwaltungsmitarbeiter, die die Ansiedlung auf einem der letzten großen Reservegrundstücke der Stadt einst in Rekordtempo möglich gemacht hatten, zeigten sich irritiert: Hat Konstanz aufs falsche Pferd gesetzt?

Nein, sagt Oberbürgermeister Horst Frank, doch seine Reaktion kündet auch von Sorge um die Außenwahrnehmung: „Der Solarstandort Konstanz hat sich in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Verkauf sehr gut entwickelt und wird international als High Tech Standort geschätzt“, heißt es aus dem Rathaus: „Mit dem Solarnetzwerk haben wir eine gute und verlässliche Basis geschaffen, damit die Solarindustrie hier gute Rahmenbedingungen und weiterhin Perspektiven findet.“



Chronologie: Centrotherm in Konstanz
  • 1976 wird die Centrotherm Elektrische Anlagen GmbH in Blaubeuren gegründet, ab 1979 werden erste Photovoltaikanlagen geliefert. Seit 2001 hat Centrotherm einen Kooperationsvertrag mit der Uni Konstanz für Forschungsprojekte. 2005 wird die Centrotherm Photovoltaics AG gegründet, Börsengang ist im Jahr 2007. 2008 übernimmt Centrotherm vollständig die 1999 gegründete Firma GP Solar in Konstanz.
  • Im Mai 2010 bekundet Centrotherm Interesse an einem Neubau auf dem Great-Lakes-Areal am Seerhein in Konstanz, um dort Forschung, Entwicklung und Vertrieb zu konzentrieren. Damals beschäftigt das Unternehmen rund 100 Mitarbeiter in Konstanz (inklusive GP Solar). Mit der geplanten Investition in Konstanz sollen mindestens 50 weitere Arbeitsplätze entstehen.
  • Im Juli 2010 stimmt der Konstanzer Gemeinderat zu, dass Centrotherm am Seerhein bauen kann. Die größte Firmenansiedlung der vergangenen Jahre wird einstimmig gebilligt. Centrotherm-Vorstand Peter Fath sagt in einem Interview: „Wenn wir auch den zweiten Bauabschnitt verwirklichen, könnten wir in zwei bis drei Jahren bis zu 450 Mitarbeiter hier haben.“
  • Am 7. Oktober 2010 ist der Spatenstich für den Centrotherm-Neubau – genannt „Innovation Center“ - auf dem Great-Lakes-Areal. Rund 25 Millionen Euro investiert Centrotherm in den opulenten Neubau. Branchenkenner gehen aber von einer Gesamtinvestition von bis zu 40 Millionen Euro für Grundstück, Gebäude und Maschinenpark aus. Eine Fläche für einen möglichen Anbau hat sich Centrotherm ebenfalls bereits gesichert.
  • Landes-Umweltminister Franz Untersteller bezeichnet bei einem Besuch in Konstanz im August 2011 eine Investition wie die von Centrotherm als „Lottogewinn“ für die neue grün-rote Landesregierung. Centrotherm-Vorstand Peter Fath kündigt an, dass es wohl nicht bei den 180 Arbeitsplätzen direkt am Seerhein bleiben wird.
  • Im Februar 2012 zieht die Solarfirma in den markanten Forschungskomplex an der Reichenaustraße ein.
  • Am 21. März 2012 kündigt das Unternehmen an, 20 Arbeitsplätze in Konstanz zu streichen. Betroffen sind nach Firmenangaben vor allem Mitarbeiter in der Probezeit oder mit befristeten Verträgen. Am Stammsitz von Centrotherm in Blaubeuren werden ebenfalls mehrere hundert Stellen abgebaut. Den Stellenabbau begründet Centrotherm mit einer allgemeinen Branchenkrise, einem drastischen Preisverfall sowie Unsicherheiten und Vertrauensverlust von Kunden und Geldgebern im Zusammenhang mit der Kürzung der Solarförderung.
  • Im Juni 2012 kommt Centrotherm in Liquiditätsengpässe und schaltet eine Unternehmensberatung ein. Das erste Quartal 2012 ist von drastischen Umsatzeinbußen geprägt.
  • In der Nacht auf den 11. Juli 2012 gibt Centrotherm eine Ad-Hoc-Mitteilung heraus, dass es seine Verbindlichkeiten nicht mehr wie geplant bedienen kann. Beim zuständigen Amtsgericht Ulm wird ein Antrag auf Einleitung eines Schutzschirmverfahrens gestellt und ein Insolvenzverfahren eröffnet.
 

Dennoch sehe man die Entwicklung mit Sorge, immerhin ist es noch kein Jahr her, dass die einst von Uni-Wissenschaftlern gegründete Sunways AG vom chinesischen Konkurrenten LDK übernommen wurde. Frank macht für die Branchenprobleme auch die schwarz-gelbe Bundesregierung verantwortlich: „Leider zeigt sich jetzt, dass sich die schlimmsten Befürchtungen über die Konsequenzen der Wirtschaftspolitik von Minister Rösler im Bereich Photovoltaik bewahrheitet haben.

“ Die schwierige Situation der Solarindustrie werde verstärkt durch die Kürzung der Photovoltaikförderung. Der OB wörtlich: „Es ist unverständlich, dass auf der einen Seite Banken durch Milliarden der Steuerzahler gestützt werden, auf der anderen Seite aber der Photovoltaikbranche als nach wie vor zukunftsträchtigem Sektor der Boden unter den Füßen weggezogen wird.“

Dass am Seerhein nun bald die Lichter ausgehen, ist dennoch unwahrscheinlich. Als die Krise des Unternehmens schon absehbar war, hieß es von Centrotherm, man könne die Technologieführerschaft des Unternehmens nur halten, wenn man weiter forsche und entwickle – und genau dafür war der Neubau errichtet worden. Ganz am Ende einer Presseerklärung von Centrotherm wird dann auch Restrukturierungsvorstand Jan von Schuckmann zitiert: Parallel zu „weiteren Kapazitätsanpassungen und Kostensenkungen werde die Firma „weiterhin in Forschung und Entwicklung investieren und unsere außergewöhnliche Marktposition ausbauen.“

Solarbranche plagen Probleme

Erfahren Sie noch mehr über die Solarbranche in Konstanz. Das SÜDKURIER-Dossier bündelt Hintergründe und aktuelle Informationen zum Thema.

Frank
wie üblich grünes Bla-bla - gut dass er endlich geht. mehr ...
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