Konstanz Beim CSD: Interview mit Lilo Wanders
20.07.2009
Montage: Stelzer
Frau Wanders, ganz glücklich haben Sie auf dem CSD-Wagen nicht ausgesehen. Lag's am Regen?
Das lag am Regen. Und ich bekomme manchmal einen Muskelkrampf im Gesicht vom vielen Lächeln. Nein: Es ist deswegen anstrengend, weil ich ganz vielen Leuten ins Gesicht schaue. Ich bin sehr sensitiv, erhalte immer Emotionen rübergereicht und ich versuche, Positives zurückzugeben. Und das zehrt an den Kräften.
Sie werben schon seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung – sind wir Deutschen gegenüber Schwulen, Lesben und Transsexuellen schon tolerant genug?
So weit sind wir noch nicht. Aber in den letzten 20 Jahren hat sich durch das Fernsehen und auch ein bisschen durch meine Sendung der Wissensstand erhöht, was es alles gibt. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Jeder hat seine Obsession, seine kleinen Geheimnisse. Zu erfahren, dass es auch andere Menschen mit gleichen Geheimnissen gibt, ist befreiend und weitet den Horizont. Konservative Menschen, die alles ablehnen, was in irgendeiner Weise mit Öffentlichkeit in Sachen Sexualität und Gleichberechtigung zu tun hat, machen einen Lernprozess durch. Sie kriegen es ja überall um die Ohren gehauen. Und das ist wichtig.
Wo müssen Horizonte noch erweitert werden? Gibt es da regionale Unterschiede?
Ich habe ein Problem damit, allgemeine Sachen zu sagen. Es gibt schlechte Leute überall, es gibt tolle Leute überall. Ich kann da nicht so regionale Erscheinungen sehen.
Hier in Konstanz dürfte es aber liberal zugehen.
Das finde ich schon. Sonst wäre beim CSD ja nicht so eine tolle Stimmung gewesen – trotz des Regens.
Stoßen Sie selbst noch auf Widerstand in Ihrer extravaganten Rolle?
Ich bin geschützt durch die Bekanntheit. Da kann ich mich kaum erinnern, dass mir irgendetwas Unfreundliches entgegengebracht wurde. Ich habe einen Bekanntheitsgrad von 90 Prozent. Wir haben das mal ausgerechnet: 750 Millionen Zuschauer haben meine Sendung „Wa(h)re Liebe“, samt Wiederholungen, gesehen – in Deutschland. Die Sendung wurde aber in ganz Europa ausgestrahlt.
Wann wird's mit Ihnen wieder eine Sendung dieses oder ähnlichen Formats geben? Da warten mit Sicherheit einige Menschen darauf.
Ja, da warten viele drauf. Sex sells eben nicht. Die Werbung, die das Ganze finanziert hat, war nicht ausreichend, um die Kosten weiterzutragen. Deshalb haben wir Wa(h)re Liebe vor viereinhalb Jahren aufgehört.
Das sieht bei anderen Formaten nicht besser aus. Einige Sendungen waren von kurzer Dauer.
Mit solchen Sendungen verdient man nichts. Deshalb ist es dann wieder schnell vorbei. Es gibt aber in einzelnen Magazinen Beiträge zur Sexualität – obwohl das aber oft sehr reißerisch ist. Ich habe übrigens „Wa(h)re Liebe“ nicht nur gemacht, um Homosexualität zu propagieren.
Aber gerade Homo-, Bi- und Transsexualität sind keine dauerhaft fernsehtauglichen Themen.
Naja, aber in jeder Seifenoper gibt es ja zwischenzeitlich schwule Rollen. Das ist schon einmal ein Fortschritt. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Prominente outen sich oder werden geoutet und wir haben Ministerpräsidenten, die schwul sind. Es gehört zum Alltag, dass jemand eine anders ausgerichtete Sexualität hat. Ob man das nun toleriert, steht auf einem anderen Stern. Mir ist wichtig, dass die absolute Gleichstellung Homosexueller vor dem Gesetz geschaffen wird. Spanien hat es vorgemacht beim Adoptions- und Steuerrecht – gerade auch für transidentische und Transgenderpersonen.
Sie waren verheiratet, haben Kinder und in einer Dreierbeziehung gelebt. Wie sind Ihre Kinder damit umgegangen?
Ich als Lilo Wanders habe das nicht – es war der Mensch dahinter. Meine Kinder sind in solch einem Umfeld aufgewachsen, dass für sie alles normal war. Wenn es Fragen gab, dann wurden diese beantwortet. Als wir mit drei Erwachsenen gelebt haben, war das für sie auch eine Normalität und für sie genauso schmerzhaft wie für die Erwachsenen, als diese Dreierbeziehung aufgelöst war.
Und von Klassenkameraden kamen nie negative Worte?
Nein. Jedenfalls ist mir nie etwas zu Ohren gekommen, auch über die Kinder nicht. Ein Sohn hat mal die Schule gewechselt und den Eindruck gehabt, er werde meinetwegen gemobbt. Da habe ich gesagt: „Weißt du was, jetzt fragst Du morgen mal, wer ein Autogramm haben will von mir.“ Er kam mit 92 Namen nach Hause. Am Abend habe ich mich hingesetzt und 92 gewidmete Autogramme geschrieben. CSD Konstanz - Parade - Teil 1
So war der Konstanzer Christopher-Street-Day
CSD Konstanz - Parade - Teil 2
CSD Konstanz - Stadtgarten
