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Konstanz Ausgesprochen Wissenschaft: Dorothea Weltecke zeichnet das Bild des hellen Mittelalters

Ein finsteres Zeitalter voller Krieg, Schmutz und Krankheit? Die Konstanzer Geschichtswissenschaftlerin Dorothea Weltecke schaut anders auf das Mittelalter. Und dafür hat sie gute Gründe.

Finsteres Mittelalter: Das stört Dorothea Weltecke gleich doppelt. Nicht so, dass die Professorin für die Geschichte der Religionen sich aufregen würde. Aber doch so, dass sie in ihrem Büro an der Universität fein lächelt und dann in druckreifen Sätzen erklärt, warum sie mit dem Begriff nicht einverstanden ist: „Wir sprechen hier eigentlich doch von einer hellen Epoche, von einer Zeit, in der unglaublich viel Wissen nach Europa kam und in der das Geistesleben blühte.“ Und darum sei es auch unangemessen, nur von einer Zwischenzeit zu sprechen, einer unguten Unterbrechung zwischen der strahlenden Antike und der aufgeklärten Neuzeit. „Das ist eine Zuschreibung“, erklärt sie, die aus einer späteren Zeit stamme, die sich über diese Jahrhunderte habe erheben wollen.

Eine helle Epoche? Die Historienbilder und -filme zeichnen ein anderes Bild: Städte voller schmutziger Menschen und Gassen, die aus allen Nähten platzen. Krieger, die mit aller Brutalität ins Feld ziehen. Eine Kirche, die sich von ihren Grundzügen weit entfernt hat und mehr mit ihrem Prunk und ihrer Macht beschäftigt ist als mit der Seelsorge für ihre Gläubigen. Und dann die Pest zum Ende der Epoche. Das soll ein helles Zeitalter gewesen sein?

Wenn Dorothea Weltecke erklärt, wie sie zu ihrem Befund kommt, geht sie zurück ins 11., 12. Jahrhundert. In Europa bricht eine lang anhaltende Warmzeit an, aus dem arabischen Raum kommt altes, verschütt gegangenes Wissen der Antike zurück nach Mitteleuropa, ergänzt um neue Erkenntnisse zum Beispiel in Mathematik oder Medizin, Bewässerungstechnik oder Astronomie, in Buchführung oder Finanzwesen. Die islamische Welt breitet sich aus und mit ihr unerhörte Kulturtechniken: Das schnelle und rationelle Schreiben mit arabischen Schriftzeichen, was für eine Verbreitung von Wissen sorgt; in den folgenden zwei Jahrhunderten kommt es zu einem „Austausch von Wissenschaft von Afghanistan nach Spanien.“ Und es entwickelt sich etwas, das Weltecke als eine „ethische Wachheit“ bezeichnet: Bürger gründen Spitalstiftungen – in Konstanz 1225 –, im Ordenswesen werden Armut und Barmherzigkeit gelebt, an vielen Orten rund um das Mittelmeer regeln die verschiedenen Religionen in einer Stadt ihre Beziehungen untereinander gar vertraglich.

Auch Frauen haben mehr Anteil an diesem Fortschritt als in vielen folgenden Jahrhunderten. Die Lebensgeschichte der bis heute verehrten Hildegard von Bingen (1098-1179), sagt Dorothea Weltecke, ist dann auch kein Beweis für das Heraufdämmern einer neuen, gleichberechtigten Ära, sondern ein spätes Zeugnis einer älteren Tradition. Als Jahrhunderte später das Bild vom finsteren Mittelalter geprägt wird, sind mancherorts die (neuzeitlichen) Hexenverfolgungen kaum beendet. Von Aberglauben oder Teufelspakten will dieses Hochmittelalter noch gar nicht so viel wissen, sagt Weltecke.

So, sagt die Historikerin, ist auch das Konstanzer Konzil ein Ereignis, das noch im Spätmittelalter zeigt, wie jeder Fortschritt der Epoche seinen Preis hat. Da ist auf der einen Seite die Stadt voller Gelehrter, voller neuer Ideen, voll moderner Musik und Literatur. Da ist auf der anderen Seite das immer stärkere Streben, sich abzugrenzen und in zentralen Positionen Deutungshoheit zu erringen. Da ist die Kritik der Kardinäle am Papsttum und auf der anderen Seite die Verurteilung und Hinrichtung von Jan Hus und Hieronymus von Prag.

Die Konzilteilnehmer bringen also viel mit nach Konstanz, aber zugleich treffen sie auch auf eine Stadt, die das Zentrum der drittgrößten deutschen Diözese ist und in der eine gut informierte Bürgerschaft lebt: Weltecke erklärt, dass in den Städten des Mittelalters mehr Menschen lesen und schreiben konnten als man denkt, dass sie Bücher über neue wissenschaftliche Erkenntnisse begeistert studierten, die sich für Länder und die Gestirne des Himmels interessierten.

Ob sie nicht ein viel zu positives Bild des Mittelalters zeichne? Die Konstanzer Historikerin Dorothea Weltecke kennt die Frage. „Natürlich kann ich auch über Kriege, Pest, Judenverfolgungen und bittere Armut reden“, sagt sie, „aber das ist alles bekannt. Die helle Seite des Mittelalters bietet viel mehr Überraschungen als die dunkle.“

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