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Konstanz Ausgesprochen Wissenschaft: Das Mittelalter war bunt, nicht finster

Die Historikerin Dorothea Weltecke von der Universität Konstanz lockte bei der Gesprächsreihe ein großes Publikum an. Das Konstanzer Konzil will sie nicht als Weltereignis überbewerten.

Kaum noch freie Plätze sind zu finden bei der jüngsten Auflage der Veranstaltungsreihe „Ausgesprochen: Wissenschaft“ im Café Voglhaus. Rund 100 Gäste rücken bei Tee und heißer Schokolade zusammen. Auch Dorothea Weltecke, Professorin für Geschichte der Religionen an der Universität Konstanz, bestaunt den Andrang. „Als ich damals mit meiner Punkband aufgetreten bin, war das immer umgekehrt, mehr Leute auf der Bühne als im Publikum“, schmunzelt sie.

Auch wenn das nun wirklich noch nicht so lange her ist: Für Dorothea Weltecke hat das Mittelalter gerockt, jedenfalls sinngemäß. „Es ist nicht dunkel und statisch, sondern bunt und dynamisch“, stellt sie gleich zu Anfang klar. Über die positive Seite des Mittelalters gebe es viel mehr zu berichten als allgemein bekannt. Das sehe man schon an der abfälligen Verwendung des Begriffs heutzutage: „Ob Krieg, Folter oder Schmutz auf der Straße – alles mittelalterlich“, sagt sie ein bisschen empört über diese falsche Zuordnung und man spürt, wie sehr sie ihr Forschungsthema ins Herz geschlossen hat. Und die Gewalt, die Judenverfolgung, die Kreuzzüge? „Ich möchte das nicht harmonisieren. Gewalt war natürlich immer dabei. Die hat aber auch danach nicht aufgehört. Gewalt ist der Preis für Vernunft und Wissenschaft“, sagt Weltecke in dieser Geschichtsstunde der etwas anderen Art.

Das Zusammenleben von Juden und Christen im mittelalterlichen Konstanz verlief jedenfalls relativ friedlich, so ihre Forschungsergebnisse: Äußerlich unterschieden sie sich kaum, und wirtschaftlich herrschte gegenseitige Abhängigkeit, sodass man sich arrangierte. Obwohl das nicht gern gesehen war, herrschte auch ein reger gesellschaftlicher Austausch untereinander, beispielsweise beim Kartenspiel. So zeichnet die Historikerin auch ein Bild der Stadt in den Jahrhunderten vor dem Konzil, und als Jörg-Peter Rau, der SÜDKURIER-Lokalchef in Konstanz, das Gespräch auf das große Kirchentreffen lenkt, überrascht sie mit der Aussage: „Ein Weltereignis des Mittelalters war das Konstanzer Konzil nicht.“ Für die lateinische Kirche aber und für Europa sei es zweifellos ein Fixpunkt in der Geschichte des Spätmittelalters – mit Folgen, die die Theologen bis heute beschäftigen. Etwa die Frage, so Weltecke, ob sich das Konzil nun tatsächlich über das Papsttum erhoben habe.

Das Interesse der Menschen an religiösen Themen jedenfalls war damals sehr ausgeprägt. So zählte spirituelle Literatur zu den „Bestsellern des Mittelalters“ und wurde selbst noch im 16. Jahrhundert gedruckt. Beispielsweise eine „Anleitung zum guten Sterben“ mit Ratschlägen zum Überwinden von Wut, Angst und Zweifeln. Es gab Beichthandbücher für Pfarrer – falls jenen einmal während der Beichte die Fragen ausgingen, konnten sie sich zum Beispiel mit folgenden behelfen: „Langweilen Sie sich mitunter in der Kirche? Spähen Sie dort nach dem anderen Geschlecht?“ Wer neugierig geworden ist: Die meisten der mittelalterlichen Quellen sind in öffentlichen Bibliotheken zugänglich, verrät Dorothea Weltecke auf die Frage einer aufmerksamen Zuhörerin.

 

Hintergrund: Die Reihe „Ausgesprochen: Wissenschaft“

Bei „Ausgesprochen: Wissenschaft“ ermöglichen SÜDKURIER, Universität und HTWG Konstanz den Bürgern einen Einblick in aktuelle Forschungsfragen der Hochschulen. Der Schwerpunkt liegt darauf, wissenschaftliche Themen im Zwiegespräch zwischen einem Forscher und einem Journalisten allgemein verständlich vorzustellen.

 

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Ausgesprochen: Wissenschaft: „Ausgesprochen: Wissenschaft“ ist ein gemeinsames Angebot von SÜDKURIER, Universität und HTWG Konstanz. In einem dreiviertelstündigen Dialog erklären Spitzenforscher aus den Hochschulen der Stadt allgemeinverständlich, woran sie arbeiten.
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