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Aus für Bummel-Studenten

Cluster-Sprecher Rudolf Schlögl | Bild: Van Bebber

Zumindest der Terminkalender der Universität wahrt die Einheit von Lehre und Forschung: Während die millionenschweren Elite-Forscher im Inselhotel ihren offiziellen Start feierten, debattierten Studenten und Dozenten zeitgleich an der Uni über Leistungspunkte als neue Währung des Studentenlebens. Ein hübscher Zufall. Denn Elite-Wettbewerb wie die schnellen Bachelor-Abschlüsse mit ihren Credit-Points sind Folge einer Hochschulpolitik, die mehr denn je auf Konkurrenz und messbare Leistung setzt.

Reinhard Mack, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks, berichtete vom Druck auf die Studenten. "Massive Erschöpfungszustände haben deutlich zugenommen", sagte er. Vom ersten Semester an sammelten die Hochschüler Punkte, um den Sprung in die Arbeitswelt oder ein limitiertes Masterstudium zu schaffen. "Gremienarbeit, Theaterspielen gibt es für viele nicht mehr." Angst vor Lücken im Lebenslauf mache den vom neuen System so gewünschten Typ des leistungsorientierten Perfektionisten krank. Philosophie-Professor Tobias Rosefeldt sagte bei der von der Evangelischen Studentengemeinde organisierten Diskussion, Gegenstück zum Studium für den Lebenslauf sei "Forschen für den Drittmittelantrag".

Über die unerwartete Dynamik, die solch ein erfolgreicher Antrag freisetzt, konnten die Professoren im Inselhotel berichten. Allein der von ihnen mitorganisierte Forschungsverbund für "Kulturelle Grundlagen von Integration" erhält über fünf Jahre je fünf Millionen Euro. "Das ist ungewöhnlich viel Geld für Geisteswissenschaftler", sagte Cluster-Sprecher Rudolf Schlögl beim Start des Elite-Verbundes. Die Forscher deuteten an, die Konkurrenz der Professoren um die Stücke am Millionen-Kuchen sei ungewohnt hart. "Die Motivation erfährt einen Schub, den man erst mit kollegialer Zusammenarbeit wieder kompatibel machen muss", sagte Schlögl.

Die Studenten können hoffen, auch von Forschungsmillionen zu profitieren. Die vier neuen Professoren im Forschungsverbund werden Vorlesungen halten. Viele der bis zu 80 neuen Nachwuchsforscher werden sich in der Lehre engagieren. Dabei sehnen sich die Studenten vor allem nach besserer Betreuung und mehr Tutoren. Der Bachelor presst den Stoff bis zum ersten Abschluss in drei verschulte Jahre; erst dann folgt der Master mit dem Gefühl wissenschaftlicher Freiheit. Asta-Vorsitzende Franziska Stier sah in der Spaltung eine "elitäre Selektion, die die Gesellschaft weiter spaltet". Philosoph Rosefeldt und Uni-Referent verwiesen auf andere Gründe für das neue System: Früher gab es viele Abbrecher und Bummel-Studenten. Statt dem eifrigen Sammeln von Punkten entschied am Ende eine einzige große Prüfung, was auch vielen Angst mache. Es fehlte eine Struktur der Inhalte. Die gute Absicht von gestern erwies sich indes schwacher Trost für die Studenten von heute.

Zahnen räumte ein, bei Prüfungen gebe es Verbesserungsbedarf. Statt Klausuren könnte es etwa eine Posterpräsentation geben - ohnehin sollten neben Fakten Kompetenzen bewertet werden. Zahnen riet den Studenten auch, sich von den ewigen Forderungen nach immer jüngeren Absolventen frei zu machen - wer ein Jahr ins Ausland gehe, investiere seine Zeit gut. Sich ein wenig frei machen vom ständigen Druck der Drittmittelwerbung wollen sich auch die Forscher. Rektor Gerhart von Graevenitz hoffte im Inselhotel nach Antragsschreiben und Aufbau der Elite-Struktur komme "wieder die Zeit der großen wissenschaftlichen Themen".

Frank van Bebber

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