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29.06.2010  |  5 Kommentare

Konstanz Aufsichtsrat entscheidet über Lenk-Papst

Konstanz -  Am heutigen Mittwoch entscheidet der Aufsichtsrat der Tourist-Information, wie es mit der umstrittenenen Lenk-Figur im Konstanzer Bahnhof weitergeht. Hier legen ein Gegner und eine Befürworterin der Papst-Skulptur ihre Standpunkte dar. Die zentrale Frage lautet: Was darf die Kunst?

Lenk Figur in der Mobilitätszentrale Konstanz Foto: Oliver Hanser

Viele Zaungäste waren begeistert von der Lenk-Figur im Konstanzer Bahnhof.  Bild: Bild: Hanser

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Mathias Trennert-Helwig, promovierter Theologe, ist katholischer Dekan in Konstanz und Münsterpfarrer. Er gehört zu jenen, die die Lenk-Figur aus dem Bahnhof entfernt sehen wollen.

Wer einen Menschen nackt darstellt, will ihn „bloß stellen“, also verspotten und herabwürdigen. Denn Nacktheit gehört in den Intimbereich des Menschen und hat dort auch ihren Platz. Öffentlich entkleidet man jemand, um ihn seiner letzten Würde zu berauben.

„Ehrlose“ Verbrecher wurden nackt hingerichtet, so Jesus – wie bei den Römern üblich – am Kreuz (Jo 19,23), so im Mittelalter Schwerverbrecher am Galgen. Unseren Toten ziehen wir jedoch Kleider an, selbst wenn sie nach Schließung des Sarges niemand mehr sieht, denn sie behalten ihre Menschenwürde. Auch unsere im Weltvergleich liberalen Strafgesetze verbieten die Darstellung gänzlich nackter Menschen zu Werbe- und Pornografiezwecken.

Kunst als „Coup“

Hohen Verfassungsrang genießt die Freiheit der Kunst (Art. 5 GG), deshalb ist ihr auch die Darstellung nackter Menschen gestattet. Als eine Kopie des nackten Papstes in der Hand der „Imperia“ handstreichartig in der neuen Mobilitätszentrale des Konstanzer Bahnhofes aufgestellt wurde, bejubelte der Südkurier den „Coup“, den der Geschäftsführer der Tourist-Information, Norbert Henneberger, auf Kosten seines Betriebes, aber ohne Rücksprache mit dessen Aufsichtsratsvorsitzenden OB Frank, eingefädelt hatte. Das Ziel dieser seltsamen Vorgehensweise wird vom Kommentar des „Künstlers“ Peter Lenk her deutlich: „So schnell kommt er hier nimmer raus“.

Prompt kamen die erwarteten Proteste, nicht nur von der CDU und der katholischen Kirche.  Die Bildzeitung, deren Chefredakteur an einer Berliner Fassade einen Lenk'schen Riesen-Penis trägt, goss in üblicher demagogischer Manier noch Benzin ins Feuer, indem sie (bewusst?) falsch berichtete, es handle sich um Papst Benedikt XVI.

Wer protestiert, verliert?

Wer sich aufregt, hat keinen Humor und ist ein Spießer, so ging die bewährte Strategie der Provokation mit Obszönitäten. „Bildhauer Peter Lenk hat mal wieder seine Schlagzeilen“, die ihm der Südkurier beflissen produzierte. Publicity hilft verkaufen: „Lenk wird das alles als Punktsieg werten“, so schreibt die Lokalredaktion.

Keine Spur von kritischer Recherche, wenn Lenk verbreiten lässt, die Figur sei dem auf dem Konstanzer Konzil gewählten Papst Martin V. nachempfunden. Sogar die zugegebene Schutzbehauptung Lenks, es handle sich um einen Gaukler, der sich die Insignien der Macht angeeignet hat, übernimmt der Südkurier nun als eigentliche Deutung. Auch die schwachsinnige Behauptung Lenks, diese Deutung werde „von der Kirche akzeptiert“, sei sogar „mit Rom abgesprochen“, wird offensichtlich nicht geprüft. Legt Lenk Wert auf kirchliche Genehmigung? Oder fürchtet er sich etwa vor einer Anzeige? Beides erscheint unwahrscheinlich.

Jeder blamiert sich, wie er kann

Aber der Handstreich missglückt gründlich, weil Henneberger schnell gemerkt hat, dass er sich als Geschäftsführer eine solche Schnapsidee nicht leisten kann ohne Rücksprache mit dem OB, der ihn und seine Einrichtung mit öffentlichen Mitteln finanziert. Wer sich jetzt richtig ärgert und sich „empört“, seinen Rechtsanwalt losschickt, um „Unterlassungs-, Gegendarstellungs- und Widerrufsbegehren“ durchzusetzen, schließlich wie ein trotziges Kind erklärt: „Rausräumen kommt überhaupt nicht in Frage“, das ist der spaßige Lenk selbst.

Als „Rausräumen“ dann doch wahrscheinlich wird, weil viele Politiker und Bürger sich nicht von ihm vorschreiben lassen wollen, welche „Kunst“ den Bahnhof schmücken soll, da reagiert er wie der typische beleidigte Künstler. Er lasse nicht zu, dass ohne seine Einwilligung an seinem Abguss „hantiert“ werde, sei auch nicht bereit, die Figur wieder entfernen zu lassen oder auch nur dabei zu helfen, vielmehr müsse die Tourist-Info für Schäden bis 20 000 Euro haften. Er helfe doch nicht auch noch seinen Gegnern, indem er selbst die „riskante Aktion“ durchführe.

Ja wer sind denn nun die „Verantwortlichen dieser Provinzposse“, wie die Linke Liste frägt? Wer anderen seine „Kunst“ ungefragt (wenn auch von der Tourist-Info kurzzeitig unterstützt) in den öffentlichen Raum stellt und sie dann für unantastbar erklärt, oder wer deutlich sagt, dass er den Papst so (als Kunde einer Prostituierten?) nicht verunglimpft sehen will? Protest und Kritik der Bürger bitte nur in die richtige Richtung? Schutz der religiösen (und ästhetischen) Gefühle nur für Andere?

So richtig schäumte der Südkurier, als er merkte, dass er sich mit seiner völlig kritiklosen Parteinahme in eine Sackgasse verrannt hatte. Eigenartigerweise veröffentlichte er mehrheitlich Lenk-kritische Leserbriefe. Weil es zu wenig andere gab? Jetzt wurde der schwarze Mann aus der Kiste geholt und „ideologische Bilderstürmerei“ gerufen.

Die (Landes-) CDU und die von Skandalen geplagte katholische Kirche wurden als „Strippenzieher im Hintergrund“ gebrandmarkt, andererseits zugegeben, dass es um öffentlich gezeigte Kunst auch eine Diskussion im Vorfeld geben müsste. „Warum gibt es Ausschüsse, Bei- und Aufsichtsräte für alles und jedes?“ beklagt Lokalredakteur Jörg-Peter Rau mit einem gewissen Recht. Sie sind wohl ein Preis der Demokratie.

Man kann auch fragen: Brauchen wir wirklich unnötige Provokation und Vertrauensverlust zwischen Bürgern, Politikern und kirchlichen „Würdenträgern“, auch gegenüber Journalisten? Es gibt genug konstruktive Ziele für diese Stadt und die Weiterentwicklung ihrer Kultur und Menschlichkeit. „Diese Lektion hätte Konstanz nicht gebraucht“, da hat Jörg-Peter Rau Recht.


Dorothee Kaufmann, promovierte Kunsthistorikerin, Historikerin und Philologin, beschäftigt sich beruflich mit Peter Lenk. Sie bietet mit ihrer Agentur Kunstwärts Lenk- Skulpturen-Touren an.

Als unabhängige Veranstalterin der Lenk-Skulpturen-Touren habe ich im Lauf der Jahre mit Befürwortern wie Gegnern Gespräche über Peter Lenks Figuren geführt und festgestellt, dass die Denkanstösse, die in Lenks Figuren liegen, meist in konstruktive Überlegungen münden, vorausgesetzt diese bekommen Raum und Form.

Hinter der zugegebenermaßen oft provokanten Erscheinung der „Lenkmale“ verbergen sich aber immer Themen, über die es sich nachzudenken lohnt. Lenks Figuren setzen freilich die Bereitschaft voraus, sich mit regionaler Geschichte und Hintergründen zu befassen, um zu verstehen.

Bei dem „Päpstle“ in der Tourist-Information Konstanz handelt es sich eigentlich um eine harmlose Figur, die eine Tiara auf dem Kopf trägt, ein Zitat jener Gestalt, die Imperia nun schon seit 1993 schützend in Händen hält. Imperia als literarisch-fiktiver Kommentar zum Konstanzer Konzil – frei nach Honoré de Balzac – ist heute nicht mehr wegzudenken aus der Hafeneinfahrt, mauserte sich Imperia doch im Lauf der Jahre fast zu einer Art „Corporate Identity“ der Stadt Konstanz. So war die Idee Norbert Hennebergers nicht verwerflich, eher geschäftstüchtig, wenn er diese Figur dem Besucher näher bringen wollte.

Vielstimmiger Dialog wird verhindert

Was dann aber in der Folge geschah ist bedenklich, ja der eigentliche Skandal: Wenn die Bildzeitung fälschlicherweise behauptet, diese Figur stelle den aktuellen Papst dar und Politiker auf Basis dieser falschen Behauptung sich zu absurden Stellungnahmen hinreißen lassen, dann ist das Ausdruck einer politischen Unkultur. Dass die Bildzeitung per Verfügung ihre falsche Darstellung richtig stellen musste, wird schon kaum mehr beachtet. Der Schaden, den verantwortungslose Medien und Machthaber durch Verbreitung der Unwahrheit anrichten, ist für eine Gesellschaft kaum zu überschätzen.

Schon vor diesem Medienmissgriff sahen nicht genannt sein wollende Kräfte des politischen und kirchlichen Lebens in Konstanz gar Anspielungen auf die Krise der Kirche in dieser Figur. All dies ist anachronistischer Quatsch, denn diese Figur entstand bereits 1993, als wir noch nicht Papst waren und kein Mensch die gegenwärtige Krise der katholischen Kirche ahnen konnte. Honi soit qui mal y pense – beschämt sei, wer schlecht darüber denkt.

Ein Historiker muss hier auf zeitliche Richtigstellung und auf die Wahrung einer vielstimmigen Gesprächskultur bestehen und ein Kunsthistoriker auf den offenen Deutungshorizont eines Kunstwerkes, der schon gar nicht durch verordnende Eingriffe weltlicher oder kirchlicher Macht bestimmt werden darf. Im Fall des „Päpstle“ führten falsche Behauptungen, vorauseilende Befürchtungen und frömmelnde Deutungsmacht zu panikartiger Kehrtwende einzelner Verantwortlicher. Gleichzeitig ist die Bevölkerung der Aufstellung dieser Figur eher wohl gesonnen, wie eine SÜDKURIER-Umfrage belegte.

Dennoch soll die Figur aus dem Bahnhofsgebäude plötzlich wieder verschwinden, obwohl man den Künstler Peter Lenk inständig um diese Leihgabe gebeten hatte.

Anstelle nun einen vielstimmigen Dialog zu zulassen, was als schützenswertes Gut einer Demokratie gilt, versuchen nun einige Kräfte die Entscheidungsmacht an sich zu reißen und die Freiheit der Kunst zu missachten. Das Perfide dabei ist, dass hier nicht Ross und Reiter genannt werden und dass die Diskursmacht von Unbekannten mit völlig diffusen, aber gewaltigen Bedeutungshülsen vereinnahmt wird, zum Beispiel „die religiösen Gefühle“, „aus Kirchenkreisen“, „mögliche Gefährdung der Landeszuschüsse“, was übrigens schon längst dementiert wurde.

An diesem Punkt angelangt sei dringend empfohlen, sich auf eine der Stadt würdige politische Kultur zu besinnen. Dazu gehört es, eben eine transparente und differenzierte Diskussion zu führen, wie es Pfarrer Holger Müller als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Konstanz (ACK) bereits zu einem frühen Zeitpunkt forderte. Auch er stört sich daran, dass sich die Gegner der Lenkfigur hinter der Hülse „kirchliche Kreise“ verbergen.

Kesseltreiben mit Gschmäckle

Zur politischen Kultur gehört es weiter, die Meinungsfreiheit zu wahren. Der Oberstudienrat und katholische Theologe Karl Knapp wies mit seiner breit aufgestellten Brief- und Unterschriftenaktion bereits auf das böse „Gschmäckle“ hin, das dieses undemokratische Kesseltreiben habe. Es gehe nicht an, auf verborgenen, politischen Druck einiger weniger hin zu handeln.

Diese Figur ist zum Politikum geworden. Sie steht auch für den Umgang der Stadtoberen mit anderen Meinungen. Sie wäre am Ende auch Sinnbild für eine dunkle „Lex Konstanz“, die zwar im Widerspruch zur grundgesetzlich verbrieften Freiheit der Kunst steht, aber durch Gewohnheitsrecht und Filz gestützt wird. Das wäre mehr als peinlich. Ein politisch verordneter Umgang mit Kunst jedenfalls würde Geschichte schreiben und mit Recht überregionale Empörung auslösen. Dann würde Imperia als Allegorie der verborgenen Macht eine ganz neue Bedeutung für Konstanz gewinnen.

Andere Meinungen achten

Wenn der Aufsichtsrat der TIK heute zusammentritt, wäre es eine gute Idee, der Empfehlung der ACK zu folgen, die Figur vorläufig stehen zu lassen und eine konstruktive Gesprächskultur zuzulassen. Anders, als damals zu Konzilszeiten, als der Rektor der Prager Universität Johannes Hus wegen seiner anderen Meinung in Konstanz auf den Scheiterhaufen geführt wurde.

Online-Umfrage: Soll der Papst weg?
Ein nackter Papst erzürnt die CDU
Lenk-Papst bleibt erst einmal im Bahnhof
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Bodman-Ludwigshafen  Relief-Enthüllung Peter Lenk I

Ein ganz simpler Vorschlag ....
und das ganze Gezerre ist in einer Minute erledigt:
Zieht doch dem Päpstlein eine Hose an! mehr ...
Ein ganz simpler Vorschlag ....
und das ganze Gezerre ist in einer Minute erledigt:
Zieht doch dem Päpstlein eine Hose! mehr ...
@ Stellungnahme von Herrn Trennert-Helwig
von unbekannt
"Wer einen Menschen nackt darstellt, will ihn „bloß stellen“, also verspotten und herabwürdigen. mehr ...
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