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16.04.2012  |  von  |  0 Kommentare

Konstanz Aufschrei gequälter Kreaturen

Konstanz -  „Ruiniert“ von Lynn Nottage als deutschsprachige Erstaufführung am Stadttheater Konstanz. Gute Schauspieler machen die Defizite des Stücks wieder wett

Nach vielen Jahren wieder ans Konstanzer Theater zurückgekehrt: Miriam Japp (links) steht als Mama Nadi im Mittelpunkt des Stücks. Außerdem auf dem Bild zu sehen sind Sophie Köster und Ralf Beckord.  Bild: Ilja Mess

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Ressortleiter Kultur / Kolumnist

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Es ist einer dieser Elendsorte. Die Männer vom Kriegsgemetzel verroht und bedroht, als Bergarbeiter in Minen ausgebeutet wie die Rohstoffe selbst, die Frauen als Ware verkauft, überall Blut und Gewalt. Die Menschen sind ruiniert an Körper und Seele und „Ruiniert“ heißt auch das Stück der US-Amerikanerin Lynn Nottage , das jetzt am Stadttheater Konstanz in der Regie von Oliver Vorwerk als deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne kam. Dass Konstanz für das mit dem Pulitzerpreis geehrte Werk den Zuschlag bekam, verdankt sich dem Spielzeit-Motto „Afrika – in weiter Ferne so nah“, denn Lynn Nottage siedelt ihr Stück im Kongo an und auch die Handlung schließt konsequent auf zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, das in Konstanz ebenfalls auf dem Spielplan stand.

Es sind Erlebnisberichte geschundener Frauen im Bürgerkrieg, die Nottage da zu einem Stück expressiver Anklage, zu einem szenischen Aufschrei gequälter Kreaturen montiert. Ungeachtet des Konstanzer Afrika-Schwerpunktes entzieht Regisseur Vorwerk dem Stück die konkrete Lokalisation im Kongo. Dieser Elendsort kann irgendwo sein. Eben in weiter Ferne so nah. Tod, Krieg, Gewalt, der schmutzige Kampf um begehrte Rohstoffe, aber auch die Hoffnung auf das kleine private Glück, die Illusion als Lebensversicherung, das findet sich überall. Besonders im Bordell von Mama Nadi. Hierher werden die jungen gestrandeten Mädchen verkauft, hier befriedigen die Krieger beider Seiten ihre Bedürfnisse, tätigen Schmuggler ihre Geschäfte. Und trotz aller Abgründe macht Mama Nadi mit eiserner Hand ihre kleine Bar zum Schutzraum in einer tobenden Welt, zum Knotenpunkt für die Lebenslinien dieser armen Seelen. Einziger Lichtblick ist hier der milde Schein des Monds, ihm gelten alle Sehnsüchte und er beherrscht die von David König gestaltete karge Bühne.

Man merkt dem Text seine dokumentarische Grundstruktur an, die Schicksale wirken authentisch. Gerade weil dem Stück die fassbare geografische Realität entzogen wird, brechen die Recherchen, Interviews, Eindrücke und Erlebnisse unsortiert auf den Zuschauer herein. Den Problemen, die sich aus dem Fehlen einer stringenten Handlung ergeben, versucht die Regie mit allerlei Kunstgriffen beizukommen. Hip Hop, Rap und Blues, harte laute Rockmusik, ein lyrischer Song oder auch ein Walzer, sowie choreografische Elemente mit rhythmischer Körpersprache und Slowmotion sollen die Szenen verklammern. Bisweilen gelingen große Bilder, aber sie funktionieren nur bedingt, denn es ist immer dieselbe Musik, derselbe Song und auch die selben Bewegungen, die das 100-Minuten-Stück quälend lang erscheinen lassen.

Es sind die Schauspieler, die sich mit grandiosem Einsatz gegen die Unzulänglichkeiten des Stücks stemmen. Zentraler Mittelpunkt ist die nach vielen Jahren wieder nach Konstanz zurückgekehrte Miriam Japp in der Rolle der Mama Nadi. Wie Brechts Mutter Courage versucht sie aus dem Elend des Kriegs den kleinen persönlichen Profit zu ziehen, andererseits aber all den Ruinierten und Gestrandeten etwas mütterliche Fürsorge zukommen zu lassen. Streng, kalt und hart, aber auch verletzlich mit menschlichen Zügen, so beherrscht Miriam Japp souverän die Szene. Aber auch Jana Alexia Rödiger als die unverbildete gute Seele Sophie, die immer wieder mit schöner Stimme gegen die Trostlosigkeit ansingt und Ralf Beckord, der den Absturz in den Alkohol intensiv verkörpert, ragen aus dem engagierten Ensemble noch heraus. Viel Beifall, vor allem für die Leistung der Schauspieler.

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